Rauch zieht kräuselnd hoch, es riecht nach Verbranntem. Hautschicht für Hautschicht arbeitet sich Urs Zingg, Chefarzt der chirurgischen Klinik im Spital Limmattal, mit dem Skalpell durch die Bauchdecke, verschweisst die Gefässe. Das Gas entweicht, der aufgeblasene Bauch schnurrt zusammen. Zingg zieht den Darm aus dem Bauch, trennt das vom Krebs befallene Stück ab. Es ist 12.51 Uhr.

Operation durch «Schlüssellöcher»

Rund dreieinhalb Stunden früher: Ernst Moser (Name geändert) liegt im Operationssaal. Sein Bauch, seine Beine werden grosszügig mit Jod eingestrichen und abgedeckt. Es ist ein laproskopischer Eingriff; über vier «Schlüssellöcher» sollen die Instrumente und eine Kamera in die Bauchhöhle eingeführt werden. Würde man offen operieren wollen, müsste die Bauchdecke vom Brustbein bis zur Scham geöffnet werden. Das ginge zwar schneller. «Aber Geschwindigkeit zählt hier nicht», sagt Zingg.

Franziska Grafen, stellvertretende Leitende Ärztin, schaut sich ein letztes Mal die Aufnahmen der Computertomografie an. Dann schneidet sie das erste Schlüsselloch in den Bauch, schiebt ein Ventil in die Öffnung. Mit CO2 wird der Bauch aufgebläht, damit die Chirurgen Bewegungsspielraum haben; zudem wird der Patient kopfüber gelagert, damit die Därme nicht in den Weg kommen. Das ist für die Anästhesisten eine Herausforderung: Das Gewicht der Därme drückt auf das Zwerchfell. «Wir müssen ihn schnaufen lassen, wie wenn er Sport treiben würde», sagt Anästhesiepfleger Bojan Vitic.

Mit Greifhändchen, die aussehen wie kleine Krokodilmäuler, packt Zingg die Dünndarmschlingen zur Seite. Er muss einen «embryonalen Zustand» herstellen, den Darm von der Bauchwand schneiden, damit er mobil ist. Das ist ein heikler Vorgang, da pulsiert die Beckenarterie, dort liegt der Harnleiter, schnell könnte etwas verletzt werden. Mit einem speziellen Ultraschallinstrument beisst Zingg ins Fleisch, ein hohes Piepsen ertönt, ein Sprühregen aus kleinsten Fetttröpfchen ergiesst sich über die Kamera und das Gewebe wird blutungsfrei durchtrennt. Das Instrument ist vom vielen Schneiden so heiss, das es räuchelt. Es ist 11.01 Uhr, als der Dickdarm gelöst ist; Zingg kann sich jetzt dem kleinen Becken zuwenden. «Jetzt wird es anstrengend», sagt er.

Anstrengend, weil das kleine Becken so schmal ist. In einer Öffnung mit dem Durchmesser einer Handfläche, gefüllt mit Mastdarm, Prostata, Harnblase und Samenbläschen, muss Zingg die Schneidwerkzeuge ansetzen und den Darm lösen. Es spritzt und blatert, wenn die Greifhändchen schneiden. Das Gewebe ist von der Bestrahlung vernarbt, es hat sich Wasser eingelagert. Zingg muss aufpassen, dass der Tumor nicht gequetscht wird. Thomas Hegi, Chefarzt der Anästhesie, leuchtet mit einer Taschenlampe unter das Tuch; dem Patienten geht es gut.

Einer der grössten Eingriffe

Eine solche Tumoroperation ist einer der grössten Eingriffe im Bauchraum. Die möglichen Nebenwirkungen einer solchen Operation sind nicht ohne: Die Leckrate bei einem Tumor, der wie bei Herrn Moser im unteren Drittel des Mastdarms gewuchert ist, beträgt fünf bis sieben Prozent, nach der Bestrahlung klettert sie auf zehn Prozent. Blasenstörungen betreffen ebenfalls rund zehn Prozent der Patienten, dazu können Erektions- und Ejakulationsstörungen auftreten. Aber das Risiko geht man ein. Der Tumor habe Vorrang, hatte Zingg bei einem der letzten Gespräche vor der Operation gesagt. «Das Entfernen des Tumors bedeutet Leben; der Rest ist auch wichtig, aber nicht überlebenswichtig.»

14 Tage vor der Operation: Ernst Moser und seine Frau Anna sitzen in der Cafeteria des Spitals. Eben wurde die letzte Computertomografie vor der Operation durchgeführt; einen Liter Wasser mit Kontrastmittel hat Moser dafür hinuntergewürgt. Jetzt ist eine Tasse Kaffe alles, was er will.

Diagnose aus heiterem Himmel

Wie aus heiterem Himmel habe ihn die Diagnose Mastdarmkrebs im Sommer dieses Jahres getroffen, sagt Moser. Ein Unfall hatte die ganze Sache verschleiert, vielleicht hätte man alles schon viel früher merken können, sagt er zerknirscht. 2010 musste der heute 60-jährige Moser das Knie operieren, 2011 noch einmal. In dieser Zeit musste er Antirheumatika schlucken, die als Nebenwirkung abführend wirkten. Moser nahm die vielen Toilettengänge jeden Tag als solche hin. Erst, als er bis zu zehn Mal pro Tag Stuhlgang hatte, manchmal blutigen, wurde es ihm zu bunt. Eine Darmspiegelung im Sommer 2012 brachte eine bösartige Wucherung in der Darm-Schleimhaut ans Licht. Ein Rektumkarzinom. Mastdarmkrebs.

Nach der Diagnose ging es rassig. Chemotherapie, insgesamt zwei Wochen Spitalaufenthalt im Stadtzürcher Triemlispital. Und Bestrahlung, 35 Mal, damit der Tumor schrumpft. Die Nebenwirkungen waren massiv, Ernst Moser schüttelt sich, wenn er daran zurückdenkt: Starke Schmerzen, die Haut war angegriffen, der Gang auf die Toilette eine Tortur. In Mosers Mundhöhle breitete sich ein Pilz aus, er konnte nicht mehr recht schlucken. «Und ich bin müde, unglaublich müde», sagt Moser. Er möge nicht reden, werde nervös, ertrage seine Enkelkinder kaum noch. Nur die Haare, die sind ihm geblieben, sagt er und zieht lachend an einer Strähne.

Ohne Angst

Angst? Nein, Angst habe er nicht so wahnsinnig. «Mir wurde nach der Darmspiegelung gesagt, das könne man reparieren», sagt Moser und lächelt. «Da war meine Angst schon weg.» Seine Frau Anna schnauft hörbar und wirft ihm von der Seite einen langen Blick zu; sie hat Angst. Doktor Zingg habe die Angelegenheit nicht runtergespielt, bemerkt sie. «Er wollte nichts beschönigen.» Ernst Moser nickt und nimmt seine Tasse in die Hand. «Es ist ein so wahnsinnig weiter Weg, das belastet mich am meisten», sagt er dann. «Wenn man ein Bein bricht, ist man nach einer Woche wieder daheim. Und ich muss jetzt Woche um Woche warten und weiss, der Krebs ist noch in mir drin. Es modert in mir.»

Da liegt es nun auf dem himmelblauen Tuch, das krebsbefallene Stück. Rund 30 Zentimeter lang insgesamt, Mastdarm und Dickdarm. Zingg schneidet es auf, zeigt mit dem Skalpell auf eine Stelle. «Das ist er, der Tumor.» Kein schwarzes Gewucher, kein moderndes Stück Fleisch, bloss ein Knubbel in zartem Rosa. Merkwürdig; alle Welt fürchtet sich vor ihm, und kaum einer weiss, wie harmlos er aussieht.

Nach dem Abtrennen des befallenen Darmstücks dauert es bis zum Ende der Operation nicht mehr lang. Der Mastdarm wird durch den Dickdarm ersetzt. Ähnlich wie bei einem Druckknopfsystem wird der Dickdarm durch den Anus mit dem restlichen Gewebe des Mastdarmes zusammengefügt. Die ausgestanzten Geweberinge werden ebenfalls auf Krebszellen untersucht. Dann wird Ernst Moser ein künstlicher Darmausgang gelegt, damit die operierte Stelle ausheilen kann. In rund sechs Wochen wird dieser nach einer kleinen Operation verschwinden.

Die Operation ist gut verlaufen

Um 14.11 Uhr zieht Zingg den Schurz aus, das Fachpersonal Operationstechnik zählt die Gazen durch. Zingg eilt nach draussen, um Mosers Frau anzurufen und ihr zu sagen, dass alles gut gegangen ist. Dann setzt er sich direkt im Operationssaal an den Computer und füllt die Patientenakte aus; für die Gesundheitsdirektion und die Statistiken der Krankenkassen. In einem der Felder hat die Fachfrau Operationstechnik während der Operation jeden Tupfer, jedes Instrument aufgelistet, das verwendet wurde. Alles wird einzeln abgerechnet.

Eine Woche nach der Operation. Ernst Moser sitzt im geschlitzten Spitalhemd auf seinem Bett, den Rücken zum Zimmer. Draussen tanzen die Schneeflocken in der Dämmerung. Ein Gerät piepst laut und erbarmungslos, auf dem Tisch steht ein angebrochenes Joghurt. Als er die Tür zufallen hört, dreht sich Ernst Moser um und strahlt. In Nase und Hals stecken Schläuche. Aber ja, es gehe ihm gut, sagt er, und schüttelt Urs Zingg freudig die Hand. Etwas Mühe mache bloss noch der Magen-Darm-Trakt, sagt Zingg. Noch wird Moser intravenös ernährt, mehr als ein paar Löffel Joghurt am Tag mag er selbst noch nicht essen.

Nach dem Besuch bei Ernst Moser eilt Urs Zingg in den Rapportraum der Radiologie. Es ist Zeit für das Onkoboard, die Internetkonferenz mit den anderen Krebsexperten im Triemlispital. Alle zwei Wochen werden so alle Krebspatienten diskutiert, die Präparate der Pathologie besprochen. Heute wird sich herausstellen, ob Ernst Moser noch Krebs hat oder nicht.

Was die Ärzte zwischen Limmi und Triemli hin und her diskutieren, ist für den Laien mit Ausnahme von «kein Lymphknotenbefall», «adjuvante Therapie möglich», «Tumorstadium 2» unverständlich. Ist Ernst Moser denn nun geheilt? Urs Zingg lacht. «Ja, wir haben im Darm alles erwischt, formell ist er geheilt.» Aber er dämpft die Freude sogleich wieder. Man wisse, dass so grosse Tumoren irgendwo im Körper Ableger bilden können, die einfach noch nicht gefunden wurden.

Traum Skandinavien

Zwei Erinnerungen an das Treffen in der Cafeteria tauchen auf. Eine Erinnerung an Mosers Antwort auf die Frage, ob ihn der Krebs lebensmüde gemacht habe. Moser hatte erstaunt aufgeblickt und dann seiner Anna den Arm gedrückt. «Freude am Leben habe ich noch immer. Solange meine Frau da ist.» Und die zweite Erinnerung an einen anderen «wahnsinnig weiten Weg». Einen, von dem Ernst Moser und seine Anna seit Jahren träumen: eine Reise mit dem Wohnmobil durch die Weiten Skandinaviens. «Sobald ich geheilt bin», hatte Ernst Moser gesagt.