BVK-Sanierung
Ernst Joss: «Der Kanton kann faktisch nicht Konkurs gehen»

Der Dietiker AL-Gemeinderat Ernst Joss sagt, die Unterdeckung der BVK sei kein Problem. Die Unterdeckung habe bei einer öffentlichen Pensionskasse nicht den gleichen Stellenwert wie bei einer privaten.

Florian Niedermann
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Ernst Joss: Dietiker AL-Gemeinderat und Pensionskassenexperte.

Ernst Joss: Dietiker AL-Gemeinderat und Pensionskassenexperte.

Florian Niedermann

Herr Joss, Sie sind Stiftungsrat und Arbeitnehmervertreter in der Verwaltungskommission der Personalvorsorge des Kantons (BVK). Wie beurteilen Sie die Sanierungsstrate- gie der BVK?
Ernst Joss: Die Versicherten müssen an die Sanierung einen wesentlichen Beitrag leisten. Weil der Kanton seine Schuld zumindest teilweise anerkannte und 2 Milliarden einbezahlte, schlucken wir diese «Kröte».
Was bezahlen denn die Versicherten konkret?
Das Kapital der Aktiven wird weniger verzinst, was sich in tieferen Renten niederschlägt. Dazu wurde der Umwandlungssatz gesenkt. Trotz höherer Beiträge wirkt sich dies faktisch in einer Herausschiebung des Rentenalters aus.
Warum blieben die meisten Gemeinden und Organisationen auch nach der Ausgliederung aus dem Kanton noch bei der BVK? Fehlten Alternativen?
Alternativen gibt es schon. Aber das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist meist schlechter als bei der BVK.
Diskutiert wird immer wieder auch über die Unterdeckung der Pensionskasse. Wie kam es dazu?
Die Unterdeckung entstand, weil in guten Jahren die Kasse geplündert wurde. Man sah, dass man eine grosse Rendite hatte. Der Kanton hatte Finanznöte. Also senkte man die Beiträge in die BVK als Sparmassnahme. Schliesslich kam es zum Börsencrash. Dabei verloren auch die Kapitalanlagen der BVK massiv an Wert und es kam zu einer Unterdeckung.
...die noch heute besteht. Ist das keine Hypothek?
Die Unterdeckung hat bei einer öffentlichen Pensionskasse nicht den gleichen Stellenwert wie bei einer privaten. Ein Privatunternehmen kann in Konkurs gehen. Den Versicherten würde dann die Unterdeckung von den Leistungen abgezogen. Bei der BVK ist das anders. Der Kanton kann faktisch nicht Konkurs gehen. Der Deckungsgrad ist hier weniger relevant.
Im Zusammenhang mit der Schieflage der BVK wurde oft der Name Daniel Gloor genannt. Was hatte er damit zu tun?
Das sind zwei Paar Schuhe. Das eine ist das Plündern der Kasse, das ich angesprochen habe. Beim Fall Gloor war das Problem, dass er als Anlagechef der Pensionskasse Schmiergelder von Freunden entgegennahm und ihnen im Gegenzug Mandate der BVK zuschanzte.
Und diese Leute machten Anlagefehler, die laut PUK-Bericht 500 Millionen bis 1.5 Milliarden Franken Verlust zur Folge hatten. Also trägt hier auch Gloor Verantwortung?
Jein. Die Leute, denen Gloor diese Mandate zuschanzte, machten zwar die Anlagefehler. Die Verantwortung liegt aber beim Kanton. Die BVK ist bis zum 1. Januar 2014 nicht selbstständig, sondern dem Regierungsrat als oberster Instanz unterstellt.
Welche Rolle spielte im Fall Gloor die Leitung der BVK?
Die mangelnde Führung war sicher ein Problem. BVK-Chef Rolf Huber konnte sich gegen Gloor nicht durchsetzen. Sinnbildlich dafür ist etwa, dass Gloor sein Büro im fünften Stock mit Blick über die ganze Stadt hatte, und Huber seines irgendwo in den unteren Geschossen einrichten musste.
Worauf muss der Stiftungsrat achten, damit die Pensionskasse bis 2020 saniert werden kann?
Einerseits ist es wichtig, dass das interne Controlling massiv verstärkt wird. Es darf nicht mehr möglich sein, dass jemand so wirtschaften kann, wie es Daniel Gloor getan hat. Die nötigen Massnahmen sind heute aber bereits umgesetzt.
Und was ist der zweite Faktor?
Die Kapitalrenditen. Die derzeitige Strategie geht von einer mittleren Kapitalrendite von 3,6 Prozent aus. Sie ist aber stark abhängig von der Entwicklung der Märkte.
Das heisst, der Stiftungsrat hat auf diesen Faktor keinen Einfluss.
Doch. Er kann zumindest über die Anlagestrategie die Entwicklung der Kapitalrendite etwas steuern. Man ist sicher auch vorsichtiger geworden. Hedge-Fonds sind etwa kein Thema mehr.

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