Herr Hafen, der Bio-Technopark in Schlieren hat sich in den letzten zehn Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Wie kam das?

Ernst Hafen: Am Anfang stand ganz klar der Unternehmer Leo Krummenacher. Er sah, dass das Wagi-Areal Potenzial in sich birgt, das man unternehmerisch nutzen kann. Als er in Kontakt mit der ETH kam, erkannte er, dass Bedarf nach Laborinfrastruktur besteht und dass er diese auf seinem Land anbieten kann.

Und wie kam es zu einem derart schnellen Wachstum?

Zwischen Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre kam bei uns – von den USA herkommend – die Start-up-Welle im Life-Science-Bereich ins Rollen. Damit entstand auch das Bedürfnis nach Tierhaltungsanlagen für Laborversuche vor Ort. Diese konnte Krummenacher innert kürzester Zeit realisieren, wobei er die Infrastruktur immer mit hohem Risiko vorinvestierte.

Ein Risiko, das sich lohnte.

Ja. Als ich im Jahr 2000 erstmals auf dem Wagi-Areal war, stand dort nur ein Gebäude für Labors zur Verfügung. Und wir assen in der Kantine der Waro-Filiale. Sechs Monate später war diese Kantine am Mittag jeweils bereits zur Hälfte mit Akademikern gefüllt. Die Entwicklung ging wirklich sehr schnell vonstatten. Dabei spielte insbesondere Mario Jenni, der heutige Geschäftsführer des Bio-Technoparks, eine wichtige Rolle, weil er selbst ein Start-up mitgegründet hatte und die Jungunternehmer beim Aufbau ihrer Firmen kompetent beraten konnte.

Wie entstand die Welle der Start-up-Gründungen, von der Sie vorhin sprachen?

Dazu mussten erst sogenannte Venture-Fonds von Grossfirmen entstehen. Daraus investieren sie grössere Geldbeträge unter hohem unternehmerischen Risiko in neue Firmen, die neue Medikamente, Technologien und Wirkstoffe entwickeln. Den ersten solchen Venture-Fonds gründete die Novartis. Mit ihren Mitteln entstanden in Schlieren angesiedelte Firmen wie die börsenkotierte Cytos oder ESBATech, die später von der Novartis Alcon für 600 Millionen US-Dollar übernommen wurde.

Warum ist die Entwicklung eines Life- Science-Produkts so kostspielig?

Bio-Tech-Firmen haben eine enorm lange Entwicklungszeit zwischen zehn und zwanzig Jahren und benötigen grosse finanzielle Investitionen, bis wirklich ein Produkt auf dem Markt ist. Deshalb brauchen Investoren einen langen Atem, um ein Projekt bis zum fertigen Produkt tragen zu können. Es gab viele Firmen, die ihr Projekt nicht fertigentwickeln konnten, weil die Investoren kein Geld mehr einschossen.

Warum betreiben ETH und Uni Grundlagenforschung für viel Steuergeld, wenn danach privatwirtschaftliche Unternehmen den Gewinn daraus ziehen?

Die Hochschulen, sei es Universität oder ETH, bilden Leute zu Experten auf ihrem Gebiet aus. Sie sind primär der Grundlagenforschung – aus der oft unerwartete Innovationen kommen – verpflichtet. Aus diesem Grund fehlt ihnen in den meisten Fällen das unternehmerische Know-how, um Innovation an den Markt zu bringen. Es fehlt den Hochschulen in der Schweiz und in Europa oft die Nähe zu Unternehmern, die aus Erfahrung wissen, wie man diese Brücke schlägt.

Die Privatwirtschaft finanziert mit ihren Venture-Fonds nur Entwickler von Heilmitteln gegen Krankheiten, die weit verbreitet sind, weil ein solches Medikament marktwirtschaftlich lukrativ ist. Müssten Uni und ETH nicht eine Forschung fördern, die nach Heilmitteln gegen seltene Krankheiten sucht?

Das ist nicht die Rolle einer Hochschule. Wir haben die Aufgabe, Experten auszubilden und Wissen zu generieren. Dafür erhalten wir Mittel vom Bund und aus dem Nationalfonds. Geld für die Adaption dieses Wissens zur Herstellung von Medikamenten haben wir schlicht nicht.

Der Staat investiert also viel Geld in die Grundlagenforschung. Sobald die Hochschulen damit aber Geld verdienen könnten, übernehmen die Pharmakonzerne.

Hierbei stellt sich immer wieder die Frage, wie viel Geld eine öffentliche, mit Steuergeldern finanzierte Institution selbst erwirtschaften soll. In den USA melden Universitäten vielleicht mehr Patente an als in Europa. Wenn man aber schaut, welchen Ertrag sie damit generieren, so sind diese Beträge nicht bedeutend. Die Kosten-Nutzen-Rechnung muss dabei nicht zwingend aufgehen.

Hochschulen in der Schweiz bekunden oft Probleme dabei, den Steuerzahlern zu vermitteln, weshalb man forscht. Wären selbst entwickelte Medikamente nicht ein probates Argument?

Es ist sicher wichtig, aus den gewonnenen Erkenntnissen der Grundlagenforschung für die Öffentlichkeit konkret dienliche Vorteile zu ziehen. Mit Erfolgsstorys wie dem Bio-Technopark und den dort entwickelten Produkten existieren bereits gute Beispiele dafür.

Welche Tendenzen bestimmen die weitere Entwicklung des Bio-Technoparks?

Was die Zukunft der Medizinischen Forschung allgemein stark beeinflussen wird, ist die Verschmelzung zwischen Life Science und IT-Bereich. Eine individuelle Krankheitsprävention und -behandlung bedingt, dass riesige Datenmengen einschliesslich der Genomdaten analysiert werden.

Und entsprechende Informatik-Lösungen, um sie verarbeiten zu können.

Genau. Für die Analyse dieser Datenmengen sind wir auf die Zusammenarbeit zwischen den Computer-Wissenschaften, der Physik der Mathematik und der Life Science angewiesen. Zum Glück nimmt die ETH auf dem Gebiet der sogenannten Big Data eine Spitzenposition ein. Da diese Forschungsrichtungen alle eine andere Sprache sprechen, ist es wichtig, sie auch räumlich nahe zusammenzubringen – sei das an den Hochschulen oder auch im Bio-Technopark.

Welche Neuerungen erfährt der Cluster also in den nächsten Jahren?

Ich bin überzeugt, dass die geplanten weiteren drei Hochhäuser auf dem Wagi-Areal voll ausgelastet werden können. Zudem werden wohl vermehrt Forschungsinstitute von ETH und Uni wegen der räumlichen Verhältnisse in der Stadt Zürich nach Schlieren ausgelagert. Und ich bin mir sicher, dass die Verschmelzung von IT und Medizin im Bio-Technopark als einer der ersten solchen Institutionen voll zum Tragen kommt.