Nach dem harten Abstimmungskampf um die Limmattalbahn war es lange ruhig um die Gegner des Projekts, die zwar nicht die Mehrheit des Kantons Zürich, aber immerhin die Mehrheit des Limmattals hinter sich scharen konnten. Nun treten die Gegner mit einem verjüngten Vorstand und neuem Elan wieder auf die Politbühne: Seit letzten Freitag sammeln sie Unterschriften für eine Petition. Deren Kern: Der Dietiker Stadtrat und der Dietiker Gemeinderat sollen bedingungslos die Interessen der Mehrheit vertreten. Der Hintergrund: Rund 64,5 Prozent des Dietiker Stimmvolks lehnten am 22. November 2015 die Limmattalbahn ab. Nach diesem Verdikt soll sich die lokale Politik richten. Der Wunsch kommt an.

«Die 700er-Marke haben wir bereits geknackt», sagt Bruno Pfister, der neue Präsident der Interessengemeinschaft Limmattalbahn-Nein (IG LTB-Nein). Die Leute hätten darauf gewartet, dass die IG mit etwas Neuem auftaucht, sagt Pfister, der auch selbst auf die Jagd nach Unterschriften geht: «Die vom Kanton Zürich überstimmten Dietiker haben noch immer einen Kropf im Hals.» Der 38-jährige Pfister wohnt seit diesem Sommer wegen der Trennung von seiner Frau in Geroldswil, hat aber vorher sein ganzes Leben in Dietikon verbracht. Pfister ist vorher nie politisch in Erscheinung getreten. Anders der neue Vizepräsident der IG: Martin Müller ist Gemeinderat der Demokratischen Partei Dietikon. Als einziger Gemeinderat hat er sich konsequent gegen die Limmattalbahn gestellt.

Die Petition läuft bis Ende Oktober

«5000 bis 10 000 Unterschriften sind unser Ziel», sagt Bruno Pfister. Doch ist die Petition der richtige Weg? Für Stadtpräsident Otto Müller (FDP) ist klar: «Die Limmattalbahn wird durch die beiden Kantone gebaut und nicht durch die Stadt.» Der Stadtrat werde die Petition entgegennehmen und prüfen, so Müller weiter. Ähnlich tönt es auch bei den Nachbarn, wo 2017 die Bauarbeiten beginnen. Der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP) sagt zu den neusten Entwicklungen: «Ich begrüsse es, wenn die Gegner den Fortgang des Projekts kritisch verfolgen und sich im Planungsprozess einbringen, denn noch sind nicht alle Details geklärt. Aber über die Limmattalbahn als solche hat das Volk abgestimmt, diese Frage ist entschieden.»

Die Petitionäre sind sich bewusst, dass die Petition die Dietiker Politik zu nichts verpflichtet. «Es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Die Stadt- und Gemeinderäte müssen sich bewusst sein, dass 2018 Wahlen sind. Wer das Dietiker Volk ignoriert, setzt aufs falsche Pferd», erklärt Pfister. Bis Ende Oktober möchte die IG die Petition einreichen. Doch beim Zeichensetzen soll es dann nicht bleiben. Die Gegner meinen es ernst. Sie haben zusätzlich zwei Initiativen erarbeitet, eine davon auf städtischer Ebene. Deren Inhalt beschreibt Pfister so: «Alle Ausgaben der Stadt Dietikon, die im Zusammenhang mit der Limmattalbahn stehen, müssen künftig vors Volk.»

Neue kantonale Volksabstimmung?

Die zweite Initiative ist auf kantonaler Ebene geplant. Das Ziel: Der Kanton Zürich soll nochmals abstimmen. Ein kühnes Ziel angesichts dessen, dass die erste Bauetappe in Schlieren und Zürich Altstetten schon 2017 starten soll. Aber Pfister sagt: «Diesmal könnte das Zürcher Volk im klaren Wissen darum abstimmen, dass das Limmattaler Volk diese Bahn definitiv nicht will.» Sowohl die städtische als auchdie kantonale Initiative müssen noch durch die Stadtverwaltung respektive die Justizdirektion vorgeprüft werden. Weiter plant die IG die Erstellung eines Initiativkomitees. Darin dürfte sicher der Vorstand der IG vertreten sein. Neben Bruno Pfister und Martin Müller sitzen im Vorstand fünf weitere Personen. Zwei sind Privatpersonen, drei sind Politiker: So der Dietiker alt Gemeinderat Ralph Hofer (SVP), der diesen Sommer neu gewählte Dietiker Schulpfleger Bernhard Schmidt (parteilos) und ein Stadtzürcher alt SVP-Kantonsrat, der nicht mit Namen genannt werden will. Unter den einfachen IG-Mitgliedern habe es aber auch Vertreter anderer Parteien und aus dem Gewerbeverein, sagt Pfister. Er betont: «Ich kann dem Volk versichern, dass wir nicht durch die SVP instrumentalisiert werden.»

50 Gegner stimmten für Petition

Die nun erarbeitete Petition hätte auch direkt nach der Abstimmung lanciert werden können. Wieso tat die IG das nicht? Pfister sagt: «Solche Vorlagen brauchen Zeit, bis sie spruchreif sind. Wir machen das alles in unserer Freizeit.» So auch die ausserordentliche Generalversammlung am 6. September im Restaurant Heimat in Dietikon. Trotz des gleichzeitigen Fussball-Länderspiels Schweiz gegen Portugal sind dort 50 Mitglieder der Dietiker IG LTB-Nein und des Schlieremer Vereins «Limmattalbahn – so nicht» erschienen. Sie haben beschlossen, die Petition und die Initiativen in Angriff zu nehmen.

Und wenn alles nicht klappt, ergreifen die Gegner dann den zivilen Ungehorsam und blockieren die Bauarbeiten? Dazu Bruno Pfister: «Das würde den Staat nur unnötig Geld kosten. Es gibt aber jüngere Gegner, die sich das überlegen.»

Die Verantwortlichen der Limmattalbahn AG nehmen derweil zur Kenntnis, dass Unterschriften gesammelt werden. Sprecherin Julie Stucki sagt auf Anfrage: «Aufgrund der positiven Volksabstimmung von letztem November sind wir mitten in der Planung für den Baustart im September 2017. Uns sind die Anliegen der Limmattalerinnen und Limmattaler wichtig. Deshalb ist das LTB-Nein-Komitee auch am runden Tisch in Dietikon dabei, um die konkreten Bedürfnisse der Interessengemeinschaft abzuholen.»