Birmensdorf
Erkrankt vor der ersten Welle: Doch erst ein Jahr danach erhielt sie die Corona-Diagnose

Bereits am 15. Januar 2020 infizierte sich Brigitte Post mit dem Virus. Bestätigt wurde der Birmensdorfer Tierschützerin die Erkrankung aber erst ein Jahr später ─ nach einer langen Leidensgeschichte.

Sibylle Egloff
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Brigitte Post

Brigitte Post

Severin Bigler

Brigitte Post hatte Corona. In Zeiten der Pandemie nichts Aussergewöhnliches. Doch die Krankengeschichte der Unternehmerin und Präsidentin der Stiftung Tierbotschafter.ch, die lange Zeit in Birmensdorf wirkte und wohnte, weist zwei Besonderheiten auf. Die 58-Jährige erkrankte zum einen bereits am 15. Januar 2020 noch vor der ersten Welle. Zum anderen wurde Post ihre Covid-19-Erkrankung erst am 18. Januar 2021, also ein Jahr danach, bestätigt. Bis heute gilt gemäss Bundesamt für Gesundheit eine Person aus dem Tessin als erster bestätigter Corona-Fall in der Schweiz. Dieser ist auf den 25. Februar 2020 datiert. Mehr als ein Monat davor infizierte sich Post mit dem Virus. Von der Ansteckung bis zur Diagnose erlebte sie eine Odyssee. Post erinnert sich:

Von einem Tag auf den anderen wurde ich von einer dynamischen, aktiven und fitten Frau zu einer Schwerkranken.

Sie litt unter starken Grippesymptomen, wie Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen. Weil es nicht besser wurde, landete sie im Notfall des Kantonsspitals Aarau. Mit Schmerzmitteln wurde sie nach Hause geschickt. «Man empfahl mir, meine Nebenhöhlen zu kontrollieren. Doch auch das half nicht. Mein Zustand verschlechterte sich», sagt Post. Am 25. Januar kam sie erneut notfallmässig ins Spital. Ihr Aufenthalt dauerte eine Woche. «Es war ein Albtraum. Ich hustete stark, konnte schlecht atmen und erhielt Sauerstoff. Schlafen im Liegen war unmöglich. Ich habe die Nächte sitzend durchgestanden.» Die Diagnose: dreifache Lungenentzündung, verursacht durch zwei virale Infektionen und eine bakterielle Superinfektion.

Chronische Erschöpfung zwang sie im Herbst in die Knie

Zurück zu Hause ging die Leidensgeschichte weiter. «Während des ersten Lockdowns bekam ich Hautausschläge am ganzen Körper, meine Haare fielen büschelweise aus», erzählt Post. Bereits da vermutete sie, dass ihre Beschwerden womöglich auf eine Corona-Erkrankung zurückzuführen sein könnten. «Ich erinnerte mich an einen kulturellen Anlass in Zürich am 13. Januar 2020, den ich besuchte und schliesslich verliess, weil er zu überlaufen war. Tests gab es damals noch nicht, um den Verdacht zu belegen.» Post kämpfte sich wieder zurück ins Leben. «Im Sommer ging es mir gut, ich konnte sogar mit dem Wohnmobil an die Nordsee fahren. Ich dachte, das Ganze sei überstanden.» Doch dann kam der Herbst. Eine postvirale Fatigue (Erschöpfung), eine Histaminunverträglichkeit, kognitive Einschränkungen und eine Palette diffuser Symptome zwangen Post erneut in die Knie. Seitdem ist die Marketing- und Kommunikationsexpertin aus Brugg nur noch zu 50 Prozent arbeitsfähig:

Nach drei Stunden Arbeit bin ich so kaputt, dass ich mich für eine Stunde hinlegen muss. Das sind alles Symptome, die Corona-Infizierte auch lange Zeit nach der Ansteckung durchmachen.

Post informierte sich über die Spätfolgen von Covid-19 und trat verschiedenen Foren und Long-Covid-Patienten-Gruppen aus der Schweiz und Deutschland auf Facebook bei. «Sie alle klagten über ähnliche Probleme. Ich fühlte mich erstmals verstanden.» Post liess einen Antikörper-Test durchführen, um endlich Gewissheit zu haben. «Doch der Test war nicht ergiebig. Es wurden keine Antikörper gefunden.»

Hoffnung machte Post die Nachricht von einer neuen Methode eines Teams von Forschenden des Inselspitals, des Universitätsspitals Bern und der Universität Bern im Dezember 2020. Die Mediziner entwickelten eine Thorax-Röntgenbildanalyse mittels Künstlicher Intelligenz, die vor allem bei der Erkennung von Covid-19-Lungenerkrankungen zuverlässigere Ergebnisse im Vergleich zu herkömmlichen Auswertungen von Röntgenärztinnen und -ärzten liefern soll. Post schickte umgehend ihre Röntgenbilder vom Januar 2020 ein. Letzte Woche, am 18. Januar, erhielt sie Bescheid: Covid-Pneumonie (das Schreiben liegt der «Limmattaler Zeitung» vor). «Endlich habe ich nach über einem Jahr bestätigt bekommen, was ich schon lange geahnt hatte», sagt Post. Sie ist erleichtert über die Diagnose.

Sie ist für die Post-Covid-19-Sprechstunde angemeldet

«Ich habe jetzt etwas in der Hand, ich werde ernst genommen. Zudem hilft mir diese Anerkennung auch mit der Krankenkasse und Versicherungen», sagt Post. Sie ist zuversichtlich, dass dieses Wissen ihre Genesung nun vorantreiben wird. Mitte Februar hat sie einen Termin in der Post-Covid-19-Sprechstunde des Universitätsspitals Zürich. Von dem verspricht sie sich viel. «Mit den teils diffusen und verschiedenartigen Beschwerden wird man von einem Experten zum nächsten geschickt. Es ist wichtig, dass es Anlaufstellen für Betroffene gibt, an denen die Symptome interdisziplinär und gebündelt betrachtet werden», sagt Post.

Der Long-Covid-Patientin ist es ein Anliegen, dass den Behörden, Medizinern und der Bevölkerung durch ihre Geschichte klar wird, dass die Coronapandemie in der Schweiz viel früher startete, als angenommen. Post ist zudem sicher: «Mein Fall zeigt deutlich, dass Long Covid uns noch lange beschäftigen wird. Diese Welle rollt erst an und sie betrifft nicht nur Schwerkranke und vulnerable Personen.»