Oetwil
Erinnerungen an eine Dorflegende

Am letzten Montag verstarb der Oetwiler Künstler Köbi Alt im Alter von 72 Jahren. Sein kreatives Schaffen inspirierte viele Menschen in der Region. So auch den jungen Oetwiler Robin Peter. Sein Entschluss vor drei Jahren, den Klangpfad des Künstlers zu restaurieren, führte zu spannenden Begegnungen, aus denen eine ungewöhnliche Freundschaft entstand.

Robin Peter
Merken
Drucken
Teilen
«Köbi hatte die Fähigkeit, in anderen Menschen kleine Funken Ambition und Träumerei in wilde Lauffeuer zu verwandeln», schreibt Robin Peter über den verstorbenen Oetwiler Künstler Köbi Alt.

«Köbi hatte die Fähigkeit, in anderen Menschen kleine Funken Ambition und Träumerei in wilde Lauffeuer zu verwandeln», schreibt Robin Peter über den verstorbenen Oetwiler Künstler Köbi Alt.

Chris Iseli

Köbi Alt ist am 31. Oktober 2016 in «seinem» Wiesentäli gestorben. Mit ihm hat uns ein wohlwollender, liebenswürdiger und talentierter Mitmensch verlassen. Köbi Alt hat mit seinen Kunstwerken und den begleitenden Gedichten und Geschichten seiner politischen Meinung mehr Ausdruck verliehen, als es so manchem Politiker in seiner ganzen Karriere vergönnt ist. Für viele war er dieser «alte Künstler», dessen metallene Statuen überall im Dorf und im Wiesentäli stehen. Für mich ist er eine der einflussreichsten Personen seiner Zeit in Oetwil an der Limmat.

Dazu muss gesagt werden, dass, wenn man ihn kannte, er einem alles andere als «Alt» vorkam. Seine Gedanken waren blitzschnell und seine funkelnden, blauen Augen vermittelten den Eindruck von Stärke und Intelligenz. Aber nicht nur psychisch hatte er es drauf, auch physisch war er fitter als viele Teenager. Für mich persönlich war er derjenige, der diesen ausgeklügelten Pfad im Wiesentäli, den «Klangpfad», gebaut hatte. Dort konnte ich als Kind Stunden verbringen, rauf und runter rennen und einen Riesen-Radau veranstalten. Ich liebte es.

Nervosität vor erstem Treffen

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, als ich vor zwei Jahren das erste Mal bei ihm vor der Haustür stand, um ihn um einen Gefallen zu bitten. Ich war verdammt nervös. Wie würde diese Legende wohl sein? Obwohl jeder wusste, wer er war, wusste doch niemand aus meiner Generation, wie er wirklich war. War er ein verhärmter Mann, der, wie viele aus seiner Generation, das Verhalten der Jüngeren satt hatte und grundsätzlich grimmig gestimmt war? Nein. Das Gegenteil war der Fall. Ich habe mich auf Anhieb mit ihm verstanden. Ich konnte mit ihm reden wie mit meinen gleichaltrigen Freunden.

Bei diesem Gefallen handelte es sich um ein Schulprojekt, das ich mit seiner Hilfe verwirklichen wollte. Der Klangpfad war 1996 erstmals erstellt worden. Leider hatte ihn die Zeit recht mitgenommen, scheinbar viel mehr als seinen Schöpfer. Mit Köbis Hilfe, seinem Wissen sowie seinen Werkzeugen und Ressourcen wollte ich den Pfad wieder in seiner alten Herrlichkeit erstrahlen lassen. So strahlte auch ich, als sich
herausstellte, dass Köbi von meinem Vorhaben sehr angetan war.

«Da steht unangemeldet ein junger Typ vor der Haustür und will mir weder etwas verkaufen noch andrehen. Im Gegenteil. Er bietet seine Dienste an.» Dieses Zitat stammt aus einem Text, den Köbi später für mich schrieb, als das Schulprojekt einer Rückmeldung der Person bedurfte, die mich als Leiter überwachen würde. Und weiter: «Für mich ist bald klar: Wir versuchen es miteinander.»

Köbi hatte die Fähigkeit, in anderen Menschen kleine Funken Ambition und Träumerei in wilde Lauffeuer zu verwandeln. Wir würden den sagenumwobenen Klangpfad wieder aufstellen! «Drum wird nicht gefackelt, sondern ein Termin zu einer Besichtigung und Schadenaufnahme ausgemacht», schreibt er weiter.

Daraufhin folgte tagelanges, hartes Arbeiten. Hämmern, schrauben, ziehen, drehen und machen. Köbi vertraute mir sein komplettes Sortiment an. Sein Werkzeug und seine Materialien durfte ich auch in seiner Abwesenheit frei gebrauchen. Wir legten – wortwörtlich – Schweiss und Blut in die Arbeit. Ich kam jedes Mal völlig von Mücken zerstochen und total kaputt vom Klangpfad heim. Aber es fühlte sich gut an. Es erfüllte mich. Es machte Spass. Köbi dazu: «Für mich ganz wichtig, dass sachbezogen, kommunikativ und hierarchiefrei geplant und gearbeitet wird.»

«Gedanken freien Lauf lassen»

Köbi verzierte Wald und Wiesen nicht nur mit Objekten, sondern auch mit geistreichen Gedichten, die immer auch politisch tiefgründige Bedeutungen hatten. Ich wollte auch Gedichte für den Klangpfad schreiben, traute mir dies aber nicht zu. Ich hatte keine Ahnung, wie ich so etwas Heikles angehen würde. Als ich Köbi um Rat fragte, wie er denn seine Gedichte schrieb, war seine Antwort: «Es ist ganz einfach. Du musst deinen Gedanken freien Lauf lassen, während du am Pfad arbeitest. Dann kommen die Gedichte ganz von alleine.»

Zunächst hielt ich diesen Tipp für nicht besonders hilfreich. Aber ich versuchte es trotzdem. Nach gefühlten Stunden sass ich immer noch vor dem Computer, mit einem leeren Dokument vor mir. Irgendwann spät am Abend, ich war kurz vor dem Aufgeben, dachte ich wieder an Köbis Worte – und plötzlich fielen mir eigene Worte ein. Wie von selbst schrieben sich fünf Gedichte innerhalb von 20 Minuten auf den Bildschirm. Köbi hatte Recht gehabt.

Ich habe Köbi während dem Projektjahr besser kennen gelernt. Für mich ist er von einer Legende, von der keiner meiner Freunde Genaueres weiss, zu einem treuen Freund geworden. Dazu Köbi banal: «Nicht Supervisor und Schüler, sondern Partner auf Augenhöhe haben den Klangpfad wieder auferweckt.»

Es war mir eine Ehre, mit Köbi zusammengearbeitet zu haben und ihn als Freund betrachten zu dürfen. Es ist ein wunderbares Beispiel, wie grosse Altersunterschiede keinen Einfluss auf Freundschaft und Vertrauen haben müssen.

Sein Abgang bricht mir das Herz. Nur kurz vor seiner Himmelfahrt traf ich ihn in seinem Schuppen am Oberdorf. Ich schüttelte ihm die Hand, während er bereits Pläne schmiedete, nächstes Frühjahr wieder am Klangpfad zu arbeiten. Als ich zu bedenken gab, dass ich wegen der Uni zu dieser Zeit viel zu tun haben würde, antwortete er mit einem schelmischen Lächeln: «Tja, diese Zeit muss man sich nehmen.»