Schlieren
Erinnerungen an den 2. Weltkrieg: Als im Schichtbetrieb unterrichtet wurde

Rund 1000 Soldaten waren nach der Mobilmachung der Schweizer Armee in Schlieren stationiert. Einige von ihnen sassen am Esstisch der Familie von Heiri Meier, der damals noch ein Knabe war, sich aber an manches gut erinnert.

Sandro Zimmerli
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Trotz harter Arbeit fanden die Sappeure auch Zeit für Vergnügen. Das Bild zeigt einen Kaderabend im «Jägerstübli» im Restaurant Linde.

Trotz harter Arbeit fanden die Sappeure auch Zeit für Vergnügen. Das Bild zeigt einen Kaderabend im «Jägerstübli» im Restaurant Linde.

Vereinigung für Heimatkunde Sch

An Schule war nicht mehr zu denken. Die Klassenzimmer fanden anderweitige Verwendung. Sie dienten Soldaten als Nachtlager. Pulte wurden durch Strohlager ersetzt. In Schlieren herrschte Ausnahmezustand, nachdem am 2. September 1939 die Generalmobilmachung der Schweizer Armee angeordnet wurde. Ein Tag zuvor überfiel Deutschland Polen. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stand Europa wieder unter Waffen.

Zeitzeuge Heiri Meier erinnert sich gut an den Zweiten Weltkrieg.

Zeitzeuge Heiri Meier erinnert sich gut an den Zweiten Weltkrieg.

SZI

Einer jener Schüler, die vor 75 Jahren in Schlieren von der Schliessung der Schule betroffen war, ist Heiri Meier. Der Alt Stadtpräsident war 12 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Rund 600 Schlieremer mussten zum Aktivdienst einrücken. Umgekehrt wurden in den folgenden acht Monaten fast doppelt so viele Soldaten in Schlieren stationiert. «Der Schulbetrieb wurde sofort eingestellt, viele Lehrer weilten im Aktivdienst. Erst nach zwei Monaten wurde er wieder aufgenommen», erinnert sich Meier. Allerdings waren die Klassenzimmer immer noch durch die Soldaten besetzt. «Vom September 1939 bis zum Frühling 1940 waren immer mindestens ein Bataillon Infanterie und eine Sappeurkompanie der 6. Division in Schlieren stationiert», sagt Meier.

Als der Schulbetrieb im November wieder aufgenommen wurde, konnten nur die drei Sekundarklassen in ihr angestammtes Schulhaus ziehen. Für die anderen Klassen musste Ersatz besorgt werden. Sie wurden in fünf verschiedenen Häusern untergebracht, unter anderem in der alten reformierten Kirche oder bei der Chrischona-Gemeinde. «Meine und drei weitere Klassen wurden im Bethel der evangelischen Täufergemeinde unterrichtet», so Meier. Weil aber nicht genügend Platz vorhanden gewesen sei, musste der Unterricht im Schichtbetrieb erfolgen. «Je zwei Klassen gingen am Vormittag und die anderen am Nachmittag zur Schule. Trotzdem war es für uns Schüler ganz erträglich», hält Meier fest.

Die hohe Militärpräsenz in Schlieren hatte mit der Lage der Gemeinde zu tun. Sie gehörte zur sogenannten Limmatstellung. Diese wiederum war Teil einer Verteidigungslinie, die sich von Dornach bis nach Sargans durchs Mittelland schlängelte. Bis sich die Armee Mitte 1940 ins Réduit, die Alpenfestung, zurückzog, war die Limmatstellung ein bedeutendes Puzzleteil der Schweizer Landesverteidigung.

Hauptaufgabe der Sappeurkompagnie war es, Schlieren zu einem panzersicheren Stützpunkt auszubauen. Dazu gehörten etwa der Ausbau des Dorfkerns zu einem permanenten Panzerhindernis, die Erstellung von Mannschaftsunterständen im Wald oder die Vorbereitungen zur Sprengung der Limmatübergänge.

«Obwohl das Dorf in einen militärischen Stützpunkt umgebaut wurde, hörte man seitens der Bevölkerung kein Murren. Die Leute waren sich bewusst, dass diese Massnahmen notwendig waren», sagt Heiri Meier. Der Kontakt zu den Soldaten sei sehr rege gewesen. Viele hätten bei Familien ihr Mittagessen eingenommen. «Auch bei uns sassen Soldaten am Tisch. Und auf unserem Hof waren Pferde untergebracht», so Meier. Die Trainsoldaten, welche die Pferde pflegten, seien daher auf dem Hof präsent gewesen. «So ging es in vielen anderen Häusern auch zu und her», erinnert er sich.

Den Bauern und Fuhrhaltern kam ohnehin eine wichtige Aufgabe zu, als der Krieg ausbrach. «Sie mussten sämtliche militärdienstpflichtigen Pferde in Schlieren einsammeln und sie nach Zürich-Wiedikon bringen, wo sie auf die Truppen verteilt wurden», erklärt Meier. Damals hätten noch etwa 30 Bauern in Schlieren gelebt und eben so viele Pferde.

Ausnahmezustand hin oder her, Angst habe man in der Bevölkerung keine verspürt, sagt Meier. «Natürlich haben wir das Kriegsgeschehen am Radio verfolgt und in der Schule oder am Esstisch darüber geredet. Aber der Alltag ging für die Daheimgebliebenen weiter», so Meier. In den Fabriken in Schlieren sei der Betrieb angesichts der Umstände gut gelaufen. «In der Bevölkerung herrschte ein grosser Zusammenhalt. Kaum jemand war deutschfreundlich, wie das noch im Ersten Weltkrieg der Fall gewesen sein soll. Viele wollten die Soldaten unterstützen, sollten die Deutschen in der Schweiz einmarschieren», sagt Meier.

Lediglich im Mai 1940 habe man damit gerechnet, dass der Einmarsch der Deutschen kurz bevor stehe, erinnert sich Meier. Damals rückte die deutsche Armee in Holland, Belgien und Luxemburg ein. Das bislang weit entfernte Kriegsgeschehen verschob sich plötzlich näher zur Schweiz. «Die neue Gefahrenlage führte zur zweiten Mobilmachung jener Kräfte, die auf Pikett entlassen worden waren», sagt Meier. Doch die Deutschen wählten nicht die Schweiz, um Frankreichs sogenannte Maginot-Linie zu umgehen, sondern Belgien.

«Damals hatte ich mit meinem Grossvater abgemacht, aus welchen Fenstern wir auf den Feind schiessen würden. Zum Glück kam es nie so weit», so Meier. Allerdings hätte er wohl ohnehin nie einen Schuss aus dem elterlichen Wohnhaus abgeben. «Was wir damals nicht wussten: Unser Haus wäre wohl gesprengt worden, um freies Schussfeld vor dem Stützpunkt Schlieren zu erhalten.» Letztendlich sei man froh gewesen, vom Kriegsgeschehen verschont zu bleiben. «Für alle war es eine Erleichterung, als der Krieg fünf Jahre später vorbei war.»