Limmattal
Erica Brühlmann-Jecklin: «Künstler müssen ihre Stimme erheben»

Die Schlieremer Autorin und Liedermacherin Erica Brühlmann-Jecklin kandidiert auf der Liste «Kunst und Politik». Sie will ein Zeichen für soziale Gerechtigkeit setzen – auch wenn ihre Chancen gegen null tendieren

Sophie Rüesch
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Findet, die Kunstwelt müsse sich in die Politik einmischen können: Erica Brühlmann-Jecklin (66).

Findet, die Kunstwelt müsse sich in die Politik einmischen können: Erica Brühlmann-Jecklin (66).

Isabelle Grubert

Frau Brühlmann-Jecklin, Sie kandidieren auf der Liste «Kunst und Politik» für den Nationalrat. Deren erklärtes Ziel ist es, die «Vielfalt der Kunst und Kultur zu verteidigen» – ist diese zurzeit denn besonders bedroht?

Erica Brühlmann-Jecklin: Der Bund verteilt die Fördergelder heute einseitig. So funktioniert auf eidgenössischer Ebene die Förderung von Filmschaffenden oder Schriftstellern aus der Topliga gut. Die allermeisten Kunstschaffenden spielen aber eben nicht in dieser Liga mit. Die Klein- und die Mittelkunst gehen weitgehend unter. Zur Vielfalt gehören aber auch diese.

Dann müssten die Fördergelder aus Ihrer Sicht anders verteilt werden?

Ja, und man dürfte sie auch noch ein bisschen erhöhen.

Die Chancen, dass jemand von der Liste tatsächlich gewählt wird, ist gering. Wieso die Mühe?

Wir gehen tatsächlich nicht davon aus, dass es im ersten Anlauf klappt. Doch es ist wichtig, dass wir mal einen Anfang machen. Kunstschaffende haben eine gesellschaftliche Verantwortung – in Bereichen, die grosse Schnittstellen mit der Politik haben.

Welche?

Mein Hauptanliegen, das auch im Manifest von «Kultur und Politik» verbrieft ist, ist soziale Gerechtigkeit. Künstler haben einen Auftrag, sich dafür einzusetzen, und sie müssen wiederum auch für ihre Arbeit unterstützt werden. Ich denke manchmal: Bauern bekommen für alles Mögliche Subventionen zugesprochen, während ich etliche Schriftstellerinnen und Schriftsteller kenne, die am Hungertuch nagen. Vor allem im Alter stehen viele, die ihr Leben am Schreibtisch oder im Atelier verbracht haben, finanziell schlecht da. Kunstschaffende haben einfach eine schlechtere Lobby als die Bauern. Wobei es auch nicht so einfach ist, zu definieren, was Kunst ist.

Was hat Sie dazu bewogen, für ein politisches Amt zu kandidieren – auch wenn Ihre Chancen vom Listenplatz 30 aus verschwindend klein sind?

Klar, meine Chancen liegen im Null-Komma-Promillebereich. Doch indem ich mich zur Verfügung stelle und im «schlimmsten» Fall auch nach Bern gehen würde, will ich ein Zeichen setzen. Ich war immer ein politisch denkender Mensch, aber nie eine Parteipolitikerin; ich verstehe mich eher als Sozialpolitikerin.

Wieso dann auf der Kunstschaffenden-Liste antreten?

Weil mir auch kulturpolitische Anliegen immer schon wichtig waren. Ich war viele Jahre Vorstandsmitglied der Gruppe Olten, die sich 1971 vom Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband abspaltete, weil sich eine Gruppe linker Schriftsteller nicht mehr mit der Verbandspolitik identifizieren konnte. Dieser «linke Schriftstellerverband» engagierte sich stets auch politisch. Ich selbst habe zum Beispiel 1991 – unterstützt von der Gruppe – mitgeholfen, kurdische Flüchtlinge aus der Innerschweiz zu verstecken. Am Tag der Jubelfeier zu 700 Jahren Eidgenossenschaft ging ich zusammen mit Peter Bichsel, Mariella Mehr und Gerold Späth zu Bundesrat Cotti ins Bundeshaus, weil just an diesem Tag unsere Flüchtlingsfamilien verhaftet worden waren. Doch seit die beiden Verbände 2002 zum heutigen Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz zusammengeführt wurden, ist das politische Engagement nicht mehr in den Statuten festgehalten.

Dadurch entstand eine Art Vakuum, welches «Kunst und Politik» nun füllen will?

Das könnte man so sagen, ja. Wobei auf der Liste nun eine breitere Palette an Gesinnungen vorhanden ist – bei der Gruppe Olten war die politische Ausrichtung klar links.

Die Liste «Kultur und Politik» will auch explizit nicht als Partei verstanden werden. Auf welche Positionen können Sie sich dennoch alle einigen?

Es gibt den grundlegenden Konsens, dass sich alle Kandidatinnen und Kandidaten für Anliegen wie die Kulturförderung, die kulturelle Vielfalt und künstlerische Freiheit, den Schutz der Urheberrechte und den Zugang zu kultureller Bildung einsetzen. Und dass wir uns zum Völkerrecht bekennen. Das ist für mich eine der wichtigsten Positionen.

Wieso?

Heute denkt man global. Auch wenn im Nationalrat keine Weltpolitik gemacht wird, ist es wichtig, über die Grenzen hinauszuschauen und den Umgang der eigenen Gesellschaft mit globalen Problemen zu thematisieren. Ich denke dabei an die Solidarität mit Flüchtlingen oder mit im Ausland inhaftierten Schriftstellern. Der Entscheid, ob man diese im eigenen Land aufnehmen will, ist auch eine Stellungnahme zum Thema Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Wie aber zurzeit etwa gegen Bootsflüchtlinge gehetzt wird, ist eine Katastrophe. Für mich ist klar: Niemand nimmt ein solches Risiko auf sich, wenn keine wahre Not besteht. Künstler haben eine Verantwortung, gegen solche gesellschaftlichen Tendenzen ihre Stimme zu erheben.

Wieso liegt diese Verantwortung bei den Kunstschaffenden?

Weil man Kunst und Kultur nicht voneinander trennen kann. Und weil die Kultur einer Gesellschaft die Grundlage jeglicher Politik bildet. Deshalb muss sich die Kunstwelt in die Politik einmischen können.

Werden Sie Wahlkampf betreiben?

Nicht aktiv, nein. Mir geht es mehr darum, die Idee zu unterstützen.