So viel Ehre wird einem selten auf einmal zuteil: Am Mittwoch hat Erica Brühlmann-Jecklin den Milizpreis der Swiss Re für die Gründung und den Aufbau der Schweizerischen Gesellschaft für Muskelkranke (SGMK) entgegengenommen, am Freitagabend den Kulturpreis Goldene Lilie der Stadt Schlieren. Doch noch vor der ersten Interviewfrage rücken die beiden Preise für einen Moment in den Hintergrund: Plötzlich guckt ein keckes Füchslein durch die bodentiefen Scheiben in die Stube. Minutenlang schnüffelt das Tier im Garten herum, bis es sich wieder aus dem Staub macht.

Frau Brühlmann-Jecklin, Sie sind diese Woche zwei Mal für Ihr Schaffen und Wirken geehrt worden – und sagen, so viel Ehrung auf einmal müsse man erst verkraften. Wie meinen Sie das?

Erica Brühlmann-Jecklin: (Lacht) Ich bin in meiner Art eher unscheinbar und kann mich nicht so gut verkaufen. Nein, im Ernst: Ich habe jahrzehntelang am Aufbau der SGMK gearbeitet und mir oft gedacht, es wäre schön, würde jemand das zur Kenntnis nehmen. Und plötzlich merkt es jemand und ich bekomme einen so riesigen Preis.

Nicht nur ein Preis, sondern mit dem Schlieremer Kulturpreis gleich zwei.

Genau. Das ist sehr viel. Vor allem weil ich immer gedacht habe, dass Schlieren mein Schaffen gar nicht wahrnimmt. Ausserhalb der Stadt hat man mich als Schriftstellerin und Liedermacherin gekannt, in Schlieren nicht.

Hat Ihnen diese Anerkennung gefehlt?

Gefehlt? Nein. Ich mache, was mir wichtig scheint. Ich glaube, ich bin nicht narzisstisch genug, dass mir etwas gefehlt hätte.

Aber?

Ein Erlebnis mit der Kulturkommission Schlieren hat mich geprägt: Als ich als junge Frau mein erstes Kinderbuch «Balz und Bettina» veröffentlichte, wurde ich von der Kulturkommission für eine Lesung angefragt. Ich war sehr erfreut, wollte gerne für die Kinder lesen. Als es aber um die Honorarfrage ging und ich fand, dass ich gleich viel möchte wie ein Kollege, der ebenfalls vorlas, meinte die Kulturkommission: Nein, das geht nicht, Sie sind eine Frau.

Sie haben wohl abgesagt?

Ja. Da wollte ich nicht mitmachen, so eine Nicht-Wertschätzung als Frau, das wollte ich nicht unterstützen. Aber es hat mich schon getroffen.

Wie ist es nun für Sie, von dieser Stadt die Goldene Lilie bekommen zu haben – der Stadt, der ihr Mann Toni Brühlmann als Präsident vorsteht?

Als mir Stadtschreiber Hansruedi Kocher diesen Entscheid mitteilte, war ich erfreut und erschrocken zugleich. Als Frau des Stadtpräsidenten wirst du oft als sein Schatten gesehen – selbst wenn du in anderen Bereichen längst eine öffentliche Person bist. Mehr als die Hälfte meiner Bücher und CDs sind erschienen, bevor Toni sein Amt angetreten hat. Nur hat das in Schlieren kaum jemand zur Kenntnis genommen.

Sie leiden an einer angeborenen Muskelschwäche und sehen nur noch rund 10 Prozent. Eigentlich wären Sie in der Position, sich helfen zu lassen, helfen aber am liebsten anderen. Warum?

Ich glaube, das ist ein Gen, das mir meine Mutter mitgegeben hat (lacht). Sie hat mich und meine sechs Geschwister alleine grossgezogen und sich gleichzeitig immer auch um andere Leute gekümmert. Sie hat oft Leute bei uns aufgenommen, die kein Zuhause hatten.

Ist Ihre Mutter Ihr Vorbild?

Ja, insbesondere in ihrer Lebenshaltung: Nicht um jeden Preis eine Ehre zu bekommen, sondern eher sein Rückgrat zu behalten. Sein Ding durchziehen, auch wenn das nicht allen gefällt.

Sie tanzen auf vielen Hochzeiten: Musik, Schriftstellerei, Psychotherapie, die Muskelgesellschaft. Warum sind Ihre Interessen so vielfältig?

Das müssen Sie den Schöpfer fragen, er hat mir diese Gaben mitgegeben. Meine Mutter hat sie gefördert, sie hat beispielsweise eines meiner ersten Gedichte, das ich als Kind geschrieben habe, an die Zeitung geschickt. Und wir haben immer viel gesungen. Das waren Erlebnisse, die mich stark geprägt haben.

Die SGMK haben Sie gegründet, nachdem Sie eine schlimme Diagnose erhalten haben.

Richtig. Man hat mir gesagt, ich hätte eine «fortschreitende Muskeldystrophie». Dann wollte ich wissen, wie andere Muskelkranke aussehen. Die Diagnose wurde Jahre später korrigiert. Gleich nach der Gründung fand ich viel Arbeit: Eltern mit muskelkranken Kindern, die nie entlastet wurden, Jugendliche, die man nach der Schulzeit in Altersheime steckte, erwachsene Muskelkranke, die Sozial- und Hilfsmittelberatung brauchten. Da begann die grosse Arbeit. Wir führten Lager durch, jahrelang leiteten Toni und ich diese gemeinsam, dann boten wir unter anderem Beratungen an. Das ist alles gewachsen, Schritt für Schritt. Ein Glück, dass ich nicht wusste, was für eine Arbeit auf mich zukommt. Wüsste man es, würde man so etwas vielleicht nicht gründen.

Warum?

Es bedeutete jahrzehntelange Arbeit, die unsere Familie sehr geprägt hat.

Vor vier Jahren haben Sie die Diagnose «Makuladystrophie beidseits» erhalten; Sie sehen noch rund 10 Prozent. Wie ist das für Sie, wo Sie doch so gerne schreiben und lesen?

Das ist sehr schwierig, das kann ich nicht verheimlichen. Ein Teil der Netzhaut geht zugrunde, ich bin zunehmend stark sehbehindert.

Wie gehen Sie damit im Alltag um?

Noch habe ich Hilfsmittel, die mir beispielsweise das Lesen am Computer ermöglichen. Im Archiv arbeitete ich mit einer Lichtlupe, um die Recherchen für mein neues Buch zu machen. Man wird viel langsamer in allen Dingen. Es wird mit Sicherheit das letzte Mal sein, dass ich in dieser Art ein Buch schreiben kann. Ich bin daran, die Blindenschrift zu lernen.

Sie lassen sich nicht unterkriegen.

Nein, auf keinen Fall. Ich habe ja Perspektiven. Und solange man Perspektiven hat, ist vieles lebenswert.

Was für Perspektiven?

Hören, spüren, das Wetter wahrnehmen. Und das Schönste bleibt: meine Familie, viele menschliche Begegnungen und die Musik. Aber ich tue mich nicht leicht mit dieser Augen-Geschichte, das muss ich ehrlich sagen.

Sind Sie manchmal wütend aufs Leben, dass Ihnen das passieren muss?

Ich habe keinen Grund, wütend zu sein. Ich fühle mich in meinem Leben reich beschenkt und bin sehr selten wütend. Das werde ich nur, wenn ich höre, was beispielsweise mit Kindern in Kriegsgebieten geschieht. Das ist böse, das ist schlecht. Aber das meiste, was Menschen sonst tun, tun sie nicht aus Bösartigkeit, sondern vielmehr aus Unvermögen. Darauf kann ich nicht wütend sein. Bevor ich beim Schöpfer reklamieren würde, müsste ich mich erst für all das Schöne bedanken, das ich schon erleben durfte.

Sie arbeiten an einem neuen Buch. Worum geht es da?

Es geht um die Luzerner Erziehungsanstalt Rathausen, wo Kinder von Nonnen und einem Priester geplagt wurden. Beat Bieri hat darüber einen Dokumentarfilm gemacht. In einem Nebensatz wurde da das Schicksal von zwei Schwestern angetönt, die in den Zwanzigerjahren dort lebten; die eine wurde von einer Nonne so massiv geschlagen, dass sie an den Folgen starb. Das andere Mädchen wurde daraufhin so lange eingesperrt, bis es versprochen hatte, darüber zu schweigen. Diese Geschichte hat noch keine Gerechtigkeit erfahren.