Curling
Erfolgstrainer Thomas Lips: «Bei Misserfolg lande ich in Sibirien»

«Das Schweizer Curling verliert seinen derzeit erfolgreichsten Funktionär», vermeldete die Sport-Nachrichtenagentur im Juni. Der Urdorfer Thomas Lips tritt seinen Posten als Frauen-Nationaltrainer in Russland an.

Andreas Fretz
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Mit den Schweizer Männern hat Thomas Lips (h.) 2010 Olympia-Bronze gewonnen. Jetzt soll er Russlands Frauen auf das Podest führen.

Mit den Schweizer Männern hat Thomas Lips (h.) 2010 Olympia-Bronze gewonnen. Jetzt soll er Russlands Frauen auf das Podest führen.

Keystone

Thomas Lips, Mitglied im Curling Club Limmattal, holte als Spieler 2006 EM-Gold. Als Coach führte er die Männer zu Bronze an den Olympischen Spielen 2010. Zuletzt coachte der zweimalige Limmattaler Sportler des Jahres ein Jahr das Davoser Frauenteam mit Carmen Schäfer und Janine Greiner aus der Fahrweid sowie Alina Pätz, die wie Lips selbst aus Urdorf stammt. Das Team um Skip Mirjam Ott errang im März in Kanada den ersten WM-Titel für das Schweizer Frauencurling seit 29 Jahren.

Nun wird Erfolgsgarant Lips Frauen-Nationalcoach in Russland. Er erhält einen bis März 2014 befristeten Vertrag als vollamtlicher Coach zu Bedingungen, wie sie ihm ein Schweizer Team respektive Swiss Curling nicht bieten könnten. Die Vorgabe: eine Olympia-Medaille in Sotschi 2014. Seinen Job als Kundenberater bei einer Bank hat der 42-Jährige gekündigt. Am 15. Juli steigt Lips in den Flieger nach Sotschi.

Thomas Lips, sprechen Sie schon Russisch?

Thomas Lips: Nein, beim besten Willen nicht. Vielleicht besuche ich mal einen Kurs. Aber das Beherrschen der russischen Sprache steht nicht im Vordergrund. Um die Sprachbarriere zu überwinden, hat das Frauen-Nationalteam eigens eine Managerin angestellt, die Deutsch spricht. Und mit den Spielerinnen kann ich mich auch auf Englisch unterhalten.

Wie lange sind Sie noch in der Schweiz?

Noch arbeite ich auf der Bank. Am 15. Juli fliege ich nach Sotschi. Die Halle dort hat zwar noch kein Eis, aber wir werden uns in erster Linie um die Fitness der Spielerinnen kümmern. Weil ich in diesem Bereich nicht der grosse Guru bin, stehen mir zwei Fitness-Coaches zur Verfügung. Voraussichtlich im August werden wir rund einen Monat in der Schweiz trainieren. Im September geht es dann los mit den internationalen Turnieren.

Sie hängen Ihren Bank-Job an den Nagel und werden Entwicklungshelfer des russischen Curlings. Eine riskante Sache.

Ich bin mir der Risiken vollauf bewusst. Aber es war immer mein Wunsch, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Das ist in der Schweiz noch nicht möglich. Im ersten Moment tönt es nach einer tollen, spannenden Aufgabe. Aber letztlich ist es ein normaler Trainer-Job. Ohne Erfolg bin ich schnell weg vom Fenster. Sollte ich bis 2014 durchhalten – holen wir gar eine Olympische Medaille – werden sich möglicherweise viele Türen für mich öffnen. Bei Misserfolg bin ich wohl schneller in Sibirien, als mir lieb ist (lacht). Bei diesem Engagement gibt es nur top oder Flop.

Wie kam es zu dem Engagement?

Ich halte mich über das Geschehen in der Curling-Szene stets auf dem Laufenden. Auf der Homepage des russischen Verbandes sah ich Anfang Mai, dass Gespräche mit einem schwedischen und einem kanadischen Trainer stattfinden. Ich schrieb dem Präsidenten ein Mail, fragte, ob die Trainersuche abgeschlossen sei, und mit wem das Gespräch gesucht wurde.

Und dann?

Ich erhielt umgehend eine Antwort, wurde gefragt, ob meinerseits Interesse am Trainerjob bestehe und wie ich das Team um Skip Anna Sidorowa einschätze.

Was haben Sie geantwortet?

Ich habe dem Präsidenten eine Präsentation zukommen lassen mit meinen Vorstellungen bis 2014. Eigentlich habe ich gedacht, damit sei die Sache erledigt. Aber ich wurde nach Moskau eingeladen. Ich denke, mein Palmarès gab den Ausschlag. Später hatte ich noch eine Audienz beim Sportminister und lernte das Team kennen.

Die Erwartungen an Sie werden entsprechend hoch sein.

Der Sportminister hat gesagt, die ganze Welt schaue nach Sotschi. Er wolle, dass wir eine Medaille holen und ich soll alles tun, was dafür notwendig sei. Wir haben immer einen Arzt beim Team, wir haben Physios. Und wenn ich einen Psychologen will, dann bekomme ich einen Psychologen. Ich muss einfach sagen, was ich will, und der Wunsch wird erfüllt.

Was liegt in Sotschi drin?

Das Team liegt auf Rang neun der Weltrangliste. 2006 wurden die Russinnen Europameister. Danach stagnierte ihr Spiel. An der Heim-EM 2011 holte Skip Sidorowa Bronze. Sie hat dem Druck standgehalten, das ist ein gutes Zeichen.

Die Russinnen können spielen, kein Zweifel. Aber jetzt sind Intelligenz und die Bereitschaft für Veränderungen gefragt. Mit ihrer aktuellen Spielweise wird es schwierig sein, weitere Medaillen zu gewinnen. Die Frage lautet, ob ich die nötige Zeit für diese Veränderungen erhalte. Denn es braucht Geduld. Eine Medaille ist ein relativ hohes, aber kein unrealistisches Ziel.

Fiel es Ihnen schwer, das Team Ott zu verlassen?

Es war kein Entscheid gegen das Team von Mirjam Ott. Wir hatten es immer gut. Mich reizt einfach dieses einmalige Abenteuer. Ich kann mein Hobby zum Beruf machen. Vom Curling leben zu können, ist genau das, was ich immer wollte. Mir ist bewusst, dass ich mir mit diesem Entscheid in der Schweiz nicht nur Freunde gemacht habe. Mit Ott hätte ich die Olympia-Qualifikation möglicherweise auf sicher.

Mit Russland sind Sie als Gastgeber zu 100 Prozent qualifiziert.

Das schon, aber es ist nicht zu 100Prozent garantiert, dass ich im Februar 2014 noch immer der Coach bin.

Angst, zu scheitern?

Ich habe keine Angst, aber Respekt vor der russischen Mentalität und der neuen Herausforderung. Es ist ein Weg mit vielen Unbekannten. Wichtig ist, dass mich meine Frau unterstützt. Ich spüre ihr Vertrauen.

Mein Lebensmittelpunkt bleibt die Schweiz. Aber was mache ich am 1.März 2014? Ich weiss es nicht. Vielleicht öffnet sich durch mein Engagement in Russland irgendeine Türe, vielleicht kommt etwas, das mit Curling nichts zu tun hat. Aber im Moment interessiert mich nur das Morgen und nicht, was in zwei Jahren sein wird.