Bergdietikon
Erfolgsmodell Begabungsförderung: «Die Kinder dürfen auch Irrwege gehen»

Die Begabungsförderung an der Schule erweist sich als Erfolgsmodell.

Gabriele Heigl
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Dieser Bergdietiker Schüler baute im Rahmen der Begabungsförderung einen eigenen Dynamo.

Dieser Bergdietiker Schüler baute im Rahmen der Begabungsförderung einen eigenen Dynamo.

zvg

Der Freitag ist ein besonderer Tag für die Schulfamilie in Bergdietikon. Knapp 30 000 Franken kann sie dann am Nachmittag dem Haus Morgenstern, der Einrichtung für geistig behinderte Menschen auf dem Hasenberg, überreichen. Hereingekommen ist das Geld durch eine überaus erfolgreich verlaufene Spendensammlung der Bergdietiker Schülerinnen und Schüler. 220 Kinder hatten an einem Spendenlauf teilgenommen, bei dem jeder Schüler eine vorgegebene Zeit lang Runden gelaufen ist und für jede dieser Runden von einem Sponsor einen Beitrag erhalten hat. Darüber hinaus verkauften die Schüler am dorfeigenen Holzerfest im Juni selbst gemachte Artikel wie Buchzeichen, Kerzengläser oder Schlüsselanhänger. Unterstützt wurde die Aktion durch Spitzbuben, die die Bewohner des Hauses Morgenstern gebacken hatten und die ebenfalls auf dem Fest verkauft wurden.

Besonders grossen Anteil an der Aktion hatten die 15 Kinder, die im letzten Semester am Begabungsförderungsprogramm der Schule teilgenommen hatten. In ihren Händen lagen die Planung, Organisation und Durchführung des Spendenlaufs wie des Verkaufs. Mit Begleitung und Unterstützung von Christine Marti, der verantwortlichen Lehrkraft für das Programm, hatten sie selbstständig während zweier Lektionen pro Woche ein Semester lang die Aktion auf die Beine gestellt und durchgeführt. Eine starke Leistung.

Eigenständig arbeiten

Ziel der integrativen Begabungsförderung ist es, dass jedes Kind seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend neue Herausforderungen im Schulalltag findet und eigenverantwortlich arbeiten kann. Ausgewählte Kinder verlassen für ein oder zwei Lektionen pro Woche den Regelunterricht und arbeiten mit der schulischen Heilpädagogin für integrative Begabungsförderung in einem separaten Raum (Pull-Out). Den Stoff, den der Schüler im Regelunterricht verpasst, muss er sich in seiner Freizeit eigenständig erarbeiten. Die Kinder können, jedes für sich oder als Gruppe, an Projekten arbeiten, die sie sich selbst wählen.
Die Bandbreite reicht von Schulstoffvertiefung über Filmprojekte und Experimente bis zu Modellbau. Immer im Fokus: das eigenständige Arbeiten. Die Lehrperson greift nur begleitend und reflektierend, zum Teil auch motivierend ein, etwa wenn sich vermeintliche Lösungswege als falsch erweisen.
Die Auswahl der Schüler liegt zunächst bei der Schule. Voraussetzung: Die Kinder zeigen Stärken und Begabungen, die im Regelunterricht zu einer Unterforderung führen, und sie müssen in der Lage sein, den verpassten Schulstoff auch aufzuarbeiten. Das Angebot ist freiwillig; die Kinder entscheiden selbst, ob sie es wahrnehmen wollen. Erst danach wird das Einverständnis der Eltern eingeholt.

Das findet auch Christine Marti: «Wir hätten nie gedacht, dass die Aktion so erfolgreich verlaufen würde.» Die ersten Anläufe der Schüler hatten sich zunächst als «harzig» erwiesen. Der zu Anfang angepeilte Spielenachmittag wurde wegen organisatorischer Probleme wieder verworfen. Christine Marti: «Die Kinder dürfen auch Irrwege gehen.» Frustrationen kämen immer mal wieder vor. «Wenn es schwierig wird, sucht man gemeinsam nach Lösungswegen», so Marti.

Von der Gemeinde finanziert

Marti ist die Initiantin der Förderung in Bergdietikon. Mit dem Angebot sollten sich Schüler, die im Regelunterricht unterfordert sind, neuen Herausforderungen stellen können. Im Schuljahr 2013/2014 erarbeitete sie das Konzept zusammen mit den schulischen Heilpädagoginnen Angie Theiler und Beatrice Laube und in Abstimmung mit den anderen Lehrpersonen, der Schulleitung und der Schulpflege. Mit Beginn des laufenden Schuljahrs hat sich Marti in Richtung Lenzburg verabschiedet; die Weiterführung und Weiterentwicklung der Begabungsförderung liegt jetzt in den Händen von Theiler und Laube.

Die Personalkosten für die fünf Wochenlektionen werden rein von der Gemeinde finanziert. Regula Weidenmann, Präsidentin der Schulpflege: «Mit der Finanzierung der Begabungsförderung kommen indirekt alle Schüler und Schülerinnen von Bergdietikon in den Genuss von zusätzlicher Förderung und Unterstützung. Das gesprochene Pensum vom Kanton Aargau für die Schulische Heilpädagogik kann so vollumfänglich für die Förderung von Kindern mit Lernschwächen, Beeinträchtigungen oder vorübergehenden Leistungsschwierigkeiten eingesetzt werden.»

Flaschenrakete und MRT-Modell

Die ausgewählten Kindergartenkinder und die Kinder bis zur 2. Klasse werden für eine Wochenlektion aus dem Regelunterricht genommen (daher der Name Pull-Out, siehe auch den Kontext), die Dritt- bis Sechstklässler für zwei Wochenlektionen. Der Stoff des Regelunterrichts muss von den Schülern nachgearbeitet werden. Nach Ablauf eines Semesters kommen andere Schülerinnen und Schüler zum Zuge. «Das Wichtigste bei der Begabungsförderung ist es, das Kind dort abzuholen, wo es steht, und dann gemäss seinem Lernstand mit ihm zusammen zu arbeiten», so Marti. Neben den Pull-Outs wird die Begabungsförderung auch in flexiblen Lektionen durchgeführt. Weidenmann: «Diese werden zur Begleitung von Schülern während des Unterrichts oder ganzen Klassen bei Projekten oder für die Beratung von Lehrpersonen eingesetzt.»

Im Laufe der bisher vier Semester wurde an erstaunlichen Pull-Out-Projekten gearbeitet. Das Modell eines Planetensystems wurde erstellt und eine PET-Flaschenrakete gebaut. Man befasste sich mit Solarenergie und Alexander dem Grossen. Die Kinder lernten das Programmieren mit der Lernsoftware Kara und wie ein Feuerwerk funktioniert, ein Kurzfilm wurde gedreht, Speckstein bearbeitet, ein Modellboot aus Holz gebaut, Säuren und Basen kennen gelernt und Modelle eines MRT und eines CT erstellt. Im letzten Semester schliesslich lautete das Projekt: eine Spendensammlung durchführen.

Die Evaluation nach jedem Semester zeigt, wie sehr die Begabungsförderung geschätzt wird, nicht nur von Schülern und Lehrern, sondern auch von den Eltern. «Wir erhalten durchweg positive Rückmeldungen», bestätigt Christine Marti. Die gingen vor kurzem auch vom Gönnerverein von Haus Morgenstern ein. Deren Bewohner können sich mithilfe des unverhofften Geldsegens auf ein Ferienlager und ein Kinderkonzert freuen.