Als Peter Vetsch vor 37 Jahren mit dem Modell seines ersten Erdhauses bei der Dietiker Verwaltung vorsprach, erntete er verwunderte Blicke. «Die haben mich ausgelacht», erinnert sich der Architekt. Und: «Sie fragten sich, wieso ich keine langen Haare habe.» Denn wer unter der Erde hausen möchte, so wohl die damals gängige Meinung, der muss wohl ein Hippie sein. Dabei war Vetsch weder ein Hippie — auch wenn ihn Ende der 1970er-Jahre ökologische Probleme beschäftigten —, noch war sein erstes «Höhlenhaus» wirklich in der Erde eingelassen. Doch der kreisrunde Grundriss, die organisch-fliessende Form des freistehenden Einfamilienhauses im Süden der Stadt, sie dienten als Grundlage für Vetschs weitere Erdhöhlen-Projekte. 

Peter Vetsch entwirft auch mit 72 Jahren noch neue Erdhäuser.

Peter Vetsch entwirft auch mit 72 Jahren noch neue Erdhäuser.

Krieg stoppt Bau auf der Krim

Und von denen hat er in den letzten drei Jahrzehnten viele realisiert. «92 sind es inzwischen», sagt der 72-Jährige beim Gespräch in seinem kleinen Büro und Atelier im Kreis 8, in dem die Erdhäuser als Modell, Skizzen und grossflächige Bilder die Einrichtung dominieren. Er hat sie in Hüttwilen gebaut, in Ascona und in Arni. Aber auch in New York, in Spanien und zuletzt auf der Krim. Wegen des Kriegs auf der ukrainischen Halbinsel seien aber erst 27 der rund 60 Erdhäuser fertiggestellt, erzählt Vetsch. Auch heute noch sind seine Haare kurz.

Und auch heute noch kommt er ins Schwärmen, wenn er über die höhlenartigen, organischen Häuser spricht: Sie seien dank der bis zu drei Meter dicken Erdschicht auf der sehr stabilen kuppelförmigen Hülle sehr gut isoliert und deshalb ökologisch, eigneten sich zur optimalen Ausnutzung des Baulandes und könnten exakt auf die Bedürfnisse der Bauherren ausgerichtet werden. «Dazu setze ich die Auftraggeber auf einen Harass in der Mitte der Parzelle», schildert Vetsch den Anfang der langen Planung. Der Bauherr könne so am besten die wichtigsten Eckpunkte für einen Entwurf liefern: Ob er beispielsweise lieber Morgen- oder Abendsonne in den Räumen möchte, ob ihn ein Nachbarshaus störe und es deshalb in diese Richtung nur Oberlichter brauche. Die Planung, sie ist laut Vetsch wie die Form der Erdhäuser: organisch.

22 Stimmen gaben den Ausschlag

Die unkonventionellen Gebäude erfreuen sich vor allem im Ausland einer wachsenden Beliebtheit. «Ich erhalte Woche für Woche neue Anfragen», sagt Vetsch. Vor allem aus Japan würden sich sehr viele Interessenten melden. Unter den Anfragen seien oft auch solche für ganze Siedlungen. «Meistens fehlt den Investoren aber der Mut. Sie haben Angst, dass sie die Häuser nicht loswerden.» Doch das scheint Vetsch nicht gross zu stören. «Ich mache nur noch das, was mir wirklich gefällt.» An Wettbewerben der öffentlichen Hand muss er nicht teilnehmen. «Die Leute melden sich von alleine bei mir.»

An einem Wettbewerb nahm Vetsch teil, als die Stadt Dietikon Ende der 1980er-Jahre die Freizeitanlage Chrüzacker neu gestalten wollte. Vetsch reichte einen Entwurf mit Erdhäusern ein, der von der Stadt ausgewählt wurde, in der Bevölkerung aber sehr umstritten war: Nachdem der Gemeinderat eine Version für 4,6 Millionen zunächst zurückwies, wurde das überarbeitete Projekt 1992 an der Urne mit einem hauchdünnen Vorsprung angenommen: 22 Stimmen gaben letztlich den Ausschlag und die Stadt baute für 3,9 Millionen Franken Vetschs Erdhäuser.

Heute ist die Freizeitanlage Chrüzacher eine der grössten Über- respektive Unterbauungen mit Erdhäusern in der Schweiz. Morgen wird ihr 20-jährige Bestehen gefeiert. «Leider bin ich dann in den Ferien», sagt Vetsch, der sich noch lebhaft an den Rummel erinnert, den sein Vorschlag damals ausgelöst hatte — und an die anfänglich fehlende Akzeptanz auch der Stadtoberen.

«Zu Beginn wurde die Anlage nicht gepflegt, sie war vernachlässigt und dreckig.» Zwei Jahrzehnte später sind die Erdhäuser nicht mehr aus dem Stadtzentrum wegzudenken — auch nicht für die städtische Verwaltung. Stadtpräsident Otto Müller habe ihm gegenüber einmal seine Freude über die Erdhäuser ausgedrückt, erzählt der im Rheintal aufgewachsene Architekt.

Besucher wollen nicht gehen

Gross war die anfängliche Aufregung auch, als wenige Jahre vor dem Neubau des Chrüzachers an der Dietiker Lättenstrasse eine Siedlung mit neun Erdhäusern gebaut wurde. «Bei der Besichtigung sind Deutsche nach Dietikon gekommen und auf den Dächern rumgelaufen», sagt Vetsch. Entsprechend schnell waren sämtliche Einheiten verkauft. Und auch die heutigen Bewohner scheinen sich in der Siedlung wohlzufühlen. Etwa ein älterer Herr, der seit über 20 Jahren eines bewohnt und bei der Frage, ob er gerne hier sei, zufrieden lächelt und nickt. Und er bestätigt, was Peter Vetsch als einen der Vorteile des Erdhauses anpreist: Das Klima in den Räumen sei sehr angenehm. «Es wurde auch jetzt im Hochsommer nie wärmer als 25 Grad.» Das Einzige, das der Herr im Scherz als Problem ausmacht: «Besucher wollen nicht mehr gehen.»

Das Erdhäuserfest auf dem Chrüzacker findet morgen von 10 bis 18 Uhr statt. . Das 20-jährige Jubiläum wird unter anderem mit einem Puppentheater, einer Erlebniswelt im Heulager und mit «The Rich Man`s Kitchen Orchestra» gefeiert.