Humlikon

Er zog den Schlussstrich unter den Maschinenbetrieb Humlikon

Der Basler Ruedi Gnädiger wusste wenig über das Unglück.

Der Basler Ruedi Gnädiger wusste wenig über das Unglück.

Ruedi Gnädinger war der letzte Präsident des Maschinenbetriebs Humlikon. Bei den Sitzungen ging es nie um die Vergangenheit, dafür irgendwann um die Auflösung.

Das Erbe kann sich sehen lassen: Drei Mähdrescher, zwei Traktoren und über ein Dutzend weitere Landmaschinen besass der Maschinenbetrieb Humlikon am Ende. Ruedi Gnädinger, sein letzter Präsident, hatte das Schlussinventar vor ein paar Jahren erstellt, jetzt legt er es auf seinen Gartentisch. Es ist das Vermächtnis eines Betriebs, der nach dem Unglück von Dürrenäsch aus der Not gegründet wurde.

43 Humlikerinnen und Humliker kamen bei dem Absturz im September 1963 ums Leben. Viele von ihnen waren im besten Alter, hatten Kinder und einen Hof. Plötzlich waren sie weg und fehlten – nicht nur an den Familientischen, sondern auch auf dem Feld oder im Stall. 22 Bauernhöfe standen auf einmal ohne Meister oder Bäuerin da. Und das war umso schlimmer, als die Bauern noch richtig anpacken mussten, viel stärker als heute.

«Die Landwirtschaft war noch weit weniger mechanisiert», sagt Ruedi Gnädinger. Er absolvierte damals im Baselbiet, wo er aufgewachsen war, eine Lehre als Landwirt. Der Mist sei noch mit der Gabel geladen und das Getreide in Säcken geschleppt worden. Die Zuckerrüben wurden erst mit einer Schippe geköpft, dann von einem Pflug aus dem Boden gekehrt und schliesslich von Helfern eingesammelt.

Auch in Humlikon ernteten Bauernfamilien und Knechte häufig noch von Hand, etwa die Kartoffeln. Darum konnte die grosse Herbsternte nach dem Flugzeugunglück nur dank Hunderten Helferinnen und Helfern bewältigt werden. Doch allen war klar, dass das Dorf längerfristig nicht auf so viele fremde Hände zählen konnte. Daher wurden «arbeitssparende Maschinen» besorgt, wie der provisorische Verwalter 1964 in einem Bericht schrieb. Etwa ein Mähdrescher, ein Mistkran sowie Förderbänder. Daraus entstand der Maschinenbetrieb, den die Humliker Landwirte sorgfältig pflegten und regelmässig erneuerten. Das Geld dazu stammte vor allem aus dem Hilfsfonds, in dem die unzähligen Spenden gesammelt worden waren. Mit den Jahren wurde der Maschinenpark Hauptzweck des Fonds, und die Waisenhilfe verlor an Bedeutung.

Über den Hilfsfonds wachte ein «Kuratorium», in dem der Kanton, die Gemeinde Humlikon und die Bauern vertreten waren. Ruedi Gnädinger wurde Mitte der Neunzigerjahre zum Präsidenten gewählt. Er war damals Spezialist für Landtechnik bei der Beratungsstelle Agridea. «Man wollte bewusst wieder einen neutralen Fachmann von aussen.» Viel wusste er nicht über Humlikon und das Unglück, als er den Posten antrat. «Nur was ich damals im Radio gehört und in der Zeitung gelesen hatte», sagt er. Dabei blieb es auch mehr oder weniger. Denn an den zwei, drei Sitzungen im Jahr, zu denen sich das Kuratorium traf, ging es nicht um die Vergangenheit. Viel wichtiger war etwa, ob ein Traktor ersetzt oder ein Häcksler nochmals geflickt werden sollte. Die Maschinengemeinschaft sei eine gute Sache gewesen, sagt Gnädinger. Die Bauern konnten sich zum Beispiel günstig ein Druckfass leihen oder ein Weizenfeld mähen lassen. Ein Angestellter des Betriebs hielt die Maschinen in Schuss und sass auch oft am Steuer, wenn irgendwo Arbeit angesagt war. Der Maschinenpark habe zudem geholfen, die Böden zu schonen, sagt Gnädinger. Die Bauern waren flexibler und konnten mehr Rücksicht auf gutes Wetter nehmen.

Doch profitabel war der Betrieb nicht, obwohl der Werkführer auch für Landwirte ausserhalb Humlikons fuhr. Die Reserven nahmen langsam ab. Als auch immer mehr Bauern den Hof aufgaben, setzte Gnädinger sich hin und entwarf Skizzen, was aus den Maschinen werden könnte. Nach etlichen Gesprächen einigte man sich, sie zu verkaufen und mit dem Geld die Stiftung Einhorn zu gründen; sie ist benannt nach dem weissen Humliker Wappentier.

Gnädingers letzte Amtshandlung als Präsident war es 2005, den Wert der Maschinen zu schätzen und die Liste zu erstellen. Sie seien bis zum Schluss in gutem Zustand gewesen, sagt er. «Wir hatten stets Sorge getragen.» Darum ist so manche Maschine auch heute noch im Weinland unterwegs.

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