Dietikon
«Er wollte sie erniedrigen und demütigen»: Obergericht bestätigt Strafe gegen Vergewaltiger

Die Oberrichter bestätigen den Dietiker Schuldspruch gegen einen Türken, der sich an seiner Ex-Frau verging.

David Egger
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Die Hölle mitten im Dietiker Stadtteil Oberdorf: An dieser Kreuzung passte der Straftäter seine Ex-Frau ab. Von dort ging es dann auf einen Spielplatz.

Die Hölle mitten im Dietiker Stadtteil Oberdorf: An dieser Kreuzung passte der Straftäter seine Ex-Frau ab. Von dort ging es dann auf einen Spielplatz.

David Egger

Es verging nicht einmal eine halbe Stunde, bis der 45-jährige türkische Beschuldigte den Oberrichtern die erste nachweisliche Lüge auftischte. «Nein, bis jetzt gar nicht», antwortete er dem Vorsitzenden Daniel Bussmann auf die Frage, ob er Vorstrafen aufweise. «Das entspricht nicht den Tatsachen», erwiderte Bussmann. Denn das Bezirksgericht Dietikon hatte den Mann am 11. März 2015 wegen Drohung, Missbrauch einer Fernmeldeanlage sowie Pornografie zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt.

Doch hauptsächlich ging es am Freitag nicht darum. Das Obergericht hatte sich vor allem der Tat anzunehmen, die nur 25 Tage nach dem Bezirksgerichtsurteil geschah: Auf einem Spielplatz im Dietiker Stadtteil Oberdorf vergewaltigte der Türke am 5. April 2015 seine Ex-Frau, nachdem er diese auf ihrem Nachhauseweg vom Bahnhof abgepasst hatte. Wegen der Vergewaltigung sowie wegen mehrfacher Nötigung und wiederum Missbrauch einer Fernmeldeanlage hatte ihn das Bezirksgericht unter der Leitung von Stephan Aeschbacher am 11. Oktober 2016 schuldig gesprochen und ihn zu 44 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Hinzu kamen eine Busse von 1000 Franken, ein dreijähriges Kontakt- und Rayonverbot sowie die Umwandlung der bedingten Geldstrafe in eine unbedingte. Und schliesslich wurde der Mann verpflichtet, dem Opfer eine Genugtuung von 15 000 Franken zu zahlen.

Der Beschuldigte und sein Verteidiger reichten gegen dieses Bezirksgerichtsurteil Beschwerde ein. Sie erhofften sich einen vollumfänglichen Freispruch. «Ich habe nicht das Gefühl, sie zu etwas gezwungen zu haben», sagte der Angeklagte zum Auftakt des Prozesses. Er habe die Frau angerufen, woraufhin sie zum Treffpunkt gekommen sei – so wie angeblich schon dreimal zuvor innert weniger als einem Monat.

Schäferstündchen in kalter Nacht?

Doch wie schon das Bezirksgericht kaufte es das Obergericht dem Mann nicht ab, dass die Frau sich freiwillig mit ihm zu lustvollen Stunden in einer kalten Dietiker Aprilnacht zwischen grossen Mehrfamilienhäusern getroffen habe. «Sie müssen wissen, wir waren stets eng umschlungen und spürten die Kälte nicht», übersetzte der vom Gericht aufgebotene Türkisch-Dolmetscher. Die Justiz wusste aber auch, dass die beiden schon länger getrennt lebten und dass ihn die Frau schon mehrmals angezeigt hatte, weil er sie trotz der Trennung einfach nicht in Ruhe liess. Er terrorisierte sie mit Telefonanrufen mitten in der Nacht sowie mit hunderten SMS und legte ihr auch einen Zettel in den Briefkasten mit den Worten: «Ich ficke euch alle.» Anders gesagt: Die Vorgeschichte warf ein schlechtes Licht auf den Mann.

Hinzu kam, dass die Frau – die wie auch der Staatsanwalt gestern nicht mehr zum Prozess erscheinen musste – während ihrer Aussagen am Bezirksgericht Dietikon stark zitterte, schluchzte und weinte. Zudem versagte ihr die Stimme (die Limmattaler Zeitung berichtete). «Ein solch eindrückliches nonverbales Verhalten kann nicht vorgespielt werden und deutet auf selbst erlebte Ereignisse hin», hiess es denn auch im 56-seitigen Urteil des Bezirksgerichts. Doch blieb es nicht nur bei den Emotionen am Bezirksgericht: Die Frau machte psychisch so einiges durch. Seit den Vorfällen hatte sie schon mehrmals mit suizidalen Absichten zu kämpfen und wurde auch mehrmals in eine Klinik eingeliefert.

Alles vorgespielt, fanden dagegen der Angeklagte und sein Verteidiger – die Frau wolle nur erreichen, dass ihr Ex-Mann das Land verlassen müsse, damit sie ihn endgültig loswerde. Eine Verteidigungsstrategie, die beim Anwalt des Opfers gar nicht gut ankam. «Am Schluss ist es nur der Versuch des Schönredens einer sehr niederträchtigen Tat», sagte er. Die Frau sei über Jahre hinweg richtiggehend terrorisiert worden. Der Mann habe ihre Schwächen ausgenutzt. Besonders verwerflich sei die Tat gewesen, weil die Frau wegen mehrerer körperlicher Beschwerden seit längerem gebrechlich ist. «Es ging ihm darum, sie zu zerstören. Das ist ihm gelungen», so der Anwalt weiter.

Die Oberrichter sahen es ebenso. Sie bestätigten das Urteil des Bezirksgerichts vollumfänglich und hatten nichts daran auszusetzen, ausser dass die Strafe auch etwas höher hätte ausfallen können. Da die Staatsanwaltschaft aber keine Berufung einlegte, konnten die Oberrichter das Urteil gestern nicht verschärfen.

Es gebe keine Zweifel daran, dass die Aussagen der Frau glaubwürdig sind, erläuterte Richter Bussmann das Urteil. Es falle auch negativ ins Gewicht, dass er sein Opfer abgepasst hatte. Der Mann sei rücksichtslos und hemmungslos vorgegangen. «Er wollte sie erniedrigen und demütigen», so Bussmann.

Der Mann trug das Urteil mit Fassung. Er hat wohl selber nicht an ein milderes Urteil geglaubt, sagte er doch in seinem Schlusswort, man solle ihn bitte nur zu zwei Dritteln der Strafe verurteilen.