Interview
Er schoss den EHC Urdorf in die 1. Liga: Was macht eigentlich Marco Pina?

Der ehemalige Eishockey-Stürmer Marco Pina (51) spricht über Sternstunden auf dem Eis, bittere Niederlagen auf und neben dem Feld sowie einen Plan, der nicht aufgegangen ist.

Ruedi Burkart
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Schneefall auf der Weihermatt. Und Marco Pina als Assistenztrainer mittendrin.

Schneefall auf der Weihermatt. Und Marco Pina als Assistenztrainer mittendrin.

zvg Bild: Ruedi Burkart

Schön hat es sich Marco Pina mit seinen Liebsten eingerichtet. Hoch über Rudolfstetten wohnt die vierköpfige Familie in einem schmucken Einfamilienhaus. «Ja, wir haben hier unsere Wurzeln geschlagen», sagt der gebürtige Bündner und offeriert dem Besuch einen Kaffee. Ausser dem Hausherrn ist an diesem Abend niemand daheim. Pinas Ehefrau Marionna ist mit einem der beiden gemeinsamen Söhne auf dem Weg ins Zürcher Unterland.

«Ivo und Gian spielen beide Eishockey», sagt der stolze Vater. Der 17-jährige Gian beim Nachwuchs des EHC Bülach in der U20 Top, der drei Jahre ältere Ivo durfte bereits für Bülachs Fanionteam in der MySports League (MSL) auflaufen und hat sich im September auf Leihbasis dem EHC Seewen angeschlossen. Die Pina-Brothers also wie vor drei Jahrzehnten ihr Vater? Nicht ganz. Während Pina senior damals in der 1. und 2. Liga Tore am Laufmeter erzielte, haben seine Söhne vorwiegend defensive Aufgaben auf dem Eis.

«Der Plan war damals, ein Jahr zu bleiben»

Anfang der 1990er-Jahre. Der EHC Urdorf ist im Schweizer Eishockey eine feste Grösse. Dank dem legendären Präsidenten Toni Schneider haben sich die «Stiere» in der 1. Liga bestens etabliert, der freiwillige Verzicht auf die NLB-Aufstiegsspiele 1986 hatte keine bleibenden Schäden hinterlassen – im Gegenteil! Die Gastteams kommen ungern auf die windige und offene Urdorfer Weihermatt-Kunsteisbahn. Weil Umkleidekabinen und Duschen getrennt sind, müssen die Spieler leichtgeschürzt an den im Garderobentrakt wartenden Fans vorbeihuschen – heute absolut unvorstellbare Zustände.

Doch drei Burschen aus dem Bündnerland haben keine Berührungsängste, sie schliessen sich im Sommer 1992 den «Stieren» an. Roman à Porta, Jürg Brügger und ein gewisser Marco Pina, damals 23-jährig und dem Vernehmen nach auf dem Eis ein wilder Kerl. Das Eishockey-ABC hatte Klein-Marco beim EHC Chur gelernt, über Villars und den EHC Arosa verschlug es ihn ins Züribiet. Pina fand Arbeit bei einer Bank, richtete es sich gemütlich ein im Limmattal. «Der Plan war damals, ein Jahr zu bleiben», blickt Pina zurück. Der Plan ist nicht aufgegangen – der Bündner ist hängen geblieben.

In den 1990er-Jahren ist es ein Auf und Ab

Insgesamt sieben Saisons hält Marco Pina für den EHC Urdorf die Knochen hin, meistens beendet er die Saison als teaminterner Topskorer. «Es war eine wunderbare Zeit», blickt er zurück. «Aber wir haben nicht nur positive Zeiten erlebt. Aber ich möchte kein Jahr davon missen.» In seiner zweiten Saison steigen die «Stiere» erstmals in der Neuzeit in die 2. Liga ab, im Winter 1995 klappt auch dank der legendären Sturmreihe Hanspeter Luzi/Marco Pina/Thomas Siegwart die Rückkehr in die dritthöchste Liga des Landes.

Doch die goldenen Zeiten im Urdorfer Eishockey sind da bereits vorbei. Es folgt der erneute Taucher in die 2. Liga, im Schnellzugstempo geht’s gar hinunter in die 3. Liga. Nach der Saison 1998/99 beendet Pina – er war phasenweise auch als Assistenztrainer tätig – seine Karriere beim EHC Urdorf. Kurz darauf passiert das Undenkbare: Die «Stiere» ziehen ihre Aktivmannschaft aus Mangel an Akteuren für ein Jahr aus der Meisterschaft zurück. Seither pendelt der EHCU zwischen der 2. und 3. Liga.

«Er war ein harter Hund»

In einem Album hat Pina zahlreiche Zeitungsartikel aus seiner Zeit als aktiver Eishockeyaner gesammelt. Als er die Seite mit dem Text und einem Foto über den direkten Wiederaufstieg 1995 in die 1. Liga aufschlägt, zeigt Pina mit dem Finger auf den damaligen Trainer. «Mit Hampe Vetsch hatten wir viel Erfolg. Er war ein harter Hund, knallhart in seinen Entscheidungen, aber immer auch korrekt.» Auf dem leicht vergilbten Bild stehen Vetsch, Pina und der damalige Verteidiger Daniel Hauser nach dem entscheidenden Sieg auf der Weihermatt vor der laufenden Dusche. Vetsch ist klitschnass, die Spieler lachen. «Zuerst haben wir den Coach unters Wasser gestellt. Und danach den Journalisten des Limmattaler Tagblatts. Weisst Du noch?», meint Pina mit einem Augenzwinkern.

Die Schlammschlacht wird in der Presse ausgefochten

Es geht nicht nur spassig zu und her auf der Weihermatt. Der negative Höhepunkt kommt 1996. Die alte Führungsriege des EHC Urdorf hat sich den sportlichen Erfolg zu teuer erkauft, plötzlich fehlt eine Viertelmillion Franken in der Kasse. Mitten in der Kritik stehen auch die Spieler, der damalige Kassier betitelt sie im «Limmattaler Tagblatt» als geldgierige Versager. «Wir mussten als Sündenböcke hinhalten, die damalige Schlammschlacht in der Zeitung war unschön», blickt Pina zurück.

Mit Anzug und Krawatte: Marco Pina heute.

Mit Anzug und Krawatte: Marco Pina heute.

zvg Bild: Ruedi Burkart

Freunde fürs Leben gefunden

Lange Jahre nach seinem letzten Spiel für die «Stiere» kehrte Pina nochmals zurück auf die Weihermatt. Als seine beiden Jungs mit Eishockeyspielen angefangen haben, stellte er sich als Nachwuchs-Coach zur Verfügung. Pina: «Ich habe sehr gute Erinnerungen an den Verein. Dort habe ich auch Freunde fürs Leben gefunden.» Mit einigen ehemaligen Mitspielern stehe er immer noch in Kontakt. Roman Biefer orchestrierte beispielsweise seine Hochzeit mit Marionna, Guido Fluri ist Götti von Gian, Hani Weber Götti von Ivo. Auch wenn Marco Pina nicht mehr im Detail über die Geschehnisse im EHC Urdorf informiert ist, gleichgültig ist ihm das Schicksal der «Stiere» gleichwohl nicht. «Ich habe gehört, dass sie einen motivierten Vorstand haben und auch sportlich gut dastehen. Schade, dass die Saison unterbrochen wurde.»

Grosse Karriere im Banksektor

Dass er sein Geld nicht mit Eishockeyspielen verdienen wird, war für Marco Pina schon früh klar. Er konzentrierte sich nach seiner KV-Lehre im Detailhandel auf eine Karriere im Mitte der 1990er-Jahre noch in den Kinderschuhen steckenden IT-Business, bildete sich stets weiter und stieg Stufe um Stufe empor. Aktuell arbeitet Pina bei der Credit Suisse in leitender Funktion. Ob er dereinst in seine alte Heimat Graubünden zurückkehren wird? Unmöglich sei nichts, so Pina, aber Stand heute ist ein Umzug nicht vorgesehen. «Uns gefällt es hier. Wir wollen eigentlich nicht weg.» Damit wäre auch das geklärt.

Was macht eigentlich? In ihrer Serie «Was macht eigentlich?» beleuchtet die «Limmattaler Zeitung» das aktuelle Leben ehemaliger Grössen des Regionalsports. Serie erscheint in loser Folge