21 Monate bedingte Freiheitsstrafe und 7 Jahre Landesverweis: So lautet das Urteil gegen einen türkischen Sozialhilfebezüger aus dem Limmattal. Das Bezirksgericht Dietikon hat es gestern Abend verkündet. Verurteilt wurde der Mann wegen versuchter schwerer Körperverletzung und versuchter einfacher Körperverletzung.

Ins Rollen kam der Fall am 27. März 2017 um 13 Uhr, als der heute 60-jährige Täter den Rückwärtsgang einlegte: Mit seinem Auto wollte er den Parkplatz auf Höhe der Wiesenstrasse 19 in Schlieren verlassen. Gleichzeitig wollte ein anderer Autofahrer am Parkplatz vorbeifahren. Beide Männer beanspruchten den Vortritt. Und so schnellte bei beiden Männern der Puls in die Höhe. Es folgten entsprechende Mimik und Gestik, beide fühlten sich provoziert.

Der Täter bewegte seine Hand vom Schalthebel weg und hin zum Türgriff. Er verliess das Auto, begab sich zu seinem Widersacher und sprach ihn an. Es wäre der letzte Moment gewesen, um innezuhalten und zur Besinnung zu kommen. Stattdessen eskalierte der Streit. Mit der Faust holte der Mann nach hinten aus. Es folgte ein Faustschlag durchs offene Fenster der Fahrertür. Diagnose: Jochbogenprellung und Rissquetschwunde im Mundbereich.

Eiserne Wucht gegen den Schädel

Das Bezirksgericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher sah gestern total zwei Faustschläge als erwiesen an. Doch damit nicht genug. Der geschädigte Autofahrer stieg nun ebenfalls aus. Nachdem die beiden ein paar gehässige Worte auf Türkisch und auf Deutsch gewechselt hatten, eskalierte der Parkplatz-Streit weiter: Der Täter ging zurück zu seinem Auto, um daraus einen eisernen Radmutterschlüssel zu behändigen, zirka 31 Zentimeter lang und 465 Gramm schwer. So bewaffnet ging er zurück zum anderen Autofahrer. Er holte aus mit dem Radmutterschlüssel und knallte diesen seinem Opfer auf den Kopf. Eine rund drei Zentimeter lange Rissquetschwunde auf der linken Schädelseite war die Folge. Wie von der kantonalen Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte geltend gemacht, sah das Gericht zwei weitere Schläge als erwiesen an. Diese gingen verhältnismässig glimpflich aus: Das Opfer konnte seinen Schädel mit den Armen abschirmen, sodass es beim zweiten und beim dritten Schlag lediglich Prellungen an beiden Handgelenken erlitt.

Staatsanwalt Hanno Wieser: «Das Gericht hat richtig erkannt, dass ein Schlag mit einem Metallgegenstand auf den Kopf sehr sehr gefährlich ist»

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Hanno Wieser von der Zürcher Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte nimmmt Stellung zum Urteil des Bezirksgerichts Dietikon im Schlieremer Parkplatz-Streit (10. Juli 2018)

Freigesprochen wurde der Verurteilte einzig vom Vorwurf der mehrfachen versuchten Drohung. Bei den gehässigen Worten, die die beiden Widersacher austauschten, sei es vielmehr um Beschimpfung und Beleidigung und nicht um Drohung gegangen, erklärte Gerichtspräsident Aeschbacher. Diesen Kontext berücksichtigte das Gericht bei der Urteilsfindung.

Schuldig ist der Täter aber der Drohung: Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Täter, als er mit dem Radmutterschlüssel zuschlug, seinem Opfer sinngemäss zu verstehen gegeben hat, dass er ihn töten werde. Da er diese Drohung in die Tat umzusetzen versuchte, war in diesem Zusammenhang aber die versuchte schwere Körperverletzung und nicht mehr die vorangegangene Drohung zu bestrafen, wie Aeschbacher weiter ausführte.

Warum es kein Härtefall ist

Von den 21 Monaten bedingte Gefängnisstrafe hat der Mann 15 Tage bereits abgesessen: So lange sass er direkt nach der Tat in Untersuchungshaft. Die Bewährungsfrist beträgt zwei Jahre. Mit der Rechtskraft des Urteils wird auch der Landesverweis rechtskräftig werden. Dieser gilt sieben Jahre lang und wird auch im Schengener Informationssystem eingetragen.

Bei schweren Körperverletzungen – auch bei versuchten – handelt es sich um eine sogenannte Katalogtat, die seit der Umsetzung der Ausschaffungsinitiative mit einem Landesverweis bestraft werden muss, der 5 bis 15 Jahre dauert. «In Anbetracht des Lebenslaufs liegt auch kein Härtefall vor», hielt Gerichtspräsident Aeschbacher fest.

Nachdem der Mann Ende der 1980er-Jahre erstmals in die Schweiz kam, damals noch als Asylbewerber, ging er 1993 in die Türkei zurück, ehe er sich im Jahr 2000, im Alter von 43 Jahren, erneut in der Schweiz niederliess. Er könne ohne weiteres mit seiner türkischen Frau zurück in die Türkei, schliesslich seien seine Kinder, die ebenfalls in der Schweiz wohnen, erwachsen und dem Mann obliege keine Betreuungs- oder Fürsorgepflicht mehr, erklärte Gerichtspräsident Aeschbacher. «Ausserdem konnten wir heute feststellen, dass er so schlecht Deutsch spricht, dass wir einen Übersetzer benötigten», hielt Aeschbacher weiter fest. Hinzu kommt, dass der Mann in seiner Limmattaler Wohngemeinde Sozialhilfe bezieht, man ihm mit dem Landesverweis also keine Existenzgrundlage entziehe. Die Integration des Türken in der Schweiz beurteilte das Gericht als «bescheiden». Auch die Probleme mit seinem Rücken – der Mann geht an einer Krücke – und mit seiner Psyche standen einem Landesverweis nicht im Weg. «Er braucht keine medizinische Fachversorgung, die nur in der Schweiz gewährleistet ist», sagte Aeschbacher. Zudem verfügt der Mann in seinem Dorf in der Türkei noch über zahlreiche Familienmitglieder. Vor rund zwei Jahren war er denn auch drei Wochen lang bei seiner Schwester in der Türkei zu Besuch. Zumal es damals bei der Ein- und Ausreise keine Komplikationen gab, vermochte auch sein Argument, dass er in der Türkei politische Probleme bekommen würde, das Gericht nicht zu überzeugen.

Der Täter muss dem Opfer im Übrigen 1000 Franken Genugtuung plus 5 Prozent Zinsen seit dem 27. März 2017 zahlen. Hinzu kommen Verfahrenskosten.