Schlieren
Er schaut, dass die Geschichte des Gaswerks nicht vergessen geht

Als Max Kübler erstmals das Gaswerk in Schlieren betrat, hätte er angesichts des Gestanks nie gedacht, dass er dort 26 Jahre lang arbeiten würde. Mittlerweile sorgt er seit 20 Jahren dafür, dass die Geschichte des Areals nicht in Vergessenheit gerät.

Sandro Zimmerli
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Max Kübler begutachtet das Herzstück des «Gasimuseums», die Sulzer-Dampfmaschine mit Baujahr 1904.

Max Kübler begutachtet das Herzstück des «Gasimuseums», die Sulzer-Dampfmaschine mit Baujahr 1904.

Sandro Zimmerli

Max Kübler befindet sich auf einem Rundgang durch das ehemalige Areal des Schlieremer Gaswerkes. Er kennt den Ort wie kaum ein Zweiter. 1948 hat er das Kohlegaswerk zum ersten Mal betreten und ist bis heute geblieben. Kübler arbeitete bis zur Schliessung des Werkes 1974 als Techniker. Danach war er bis zu seiner Pensionierung 1989 bei der Erdgas Ostschweiz AG engagiert, deren Firmengelände sich noch heute in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Gaswerkes der Stadt Zürich befindet. Anstatt sich zur Ruhe zu setzen, hob Kübler noch im selben Jahr das «Gasimuseum» aus der Taufe. Seit nunmehr 20 Jahren führt er Interessierte durch die Ausstellung in der ehemaligen Kraftzentrale mit dem charakteristischen Wasserturm.

Im Arbeiterlokal im Restaurant Gaswerk traf man sich nach der Arbeit
8 Bilder
Am 3. Oktober 1909 erfolgte der Start zum Gordon-Bennett-Wettfliegen
Die Gasverteil-Kommandonzentrale mutete für damalige Verhältnisse futuristisch an
Die Gasometer gehörten zu den Wahrzeichen des Werkes
Die Arbeiterwohnkolonie wurde 1901 bezogen
Max Hübler vor dem ehemaligen Magazingebäude beim Haupteingang ins Gaswerkareal
Von oben, das Gaswerk 1949
Das Holzlager, wie es sich zwischen 1942 und 1948 präsentierte

Im Arbeiterlokal im Restaurant Gaswerk traf man sich nach der Arbeit

Zur Verfügung gestellt

Max Kübler, wie wurden Sie vom ehemaligen Mitarbeiter der Erdgas Ostschweiz zum Museumsdirektor?

Max Kübler: Nach der Stilllegung des Kohlewerkes 1974 war das Transportunternehmen Zaugg die erste Firma, die sich auf dem Gelände einmietete. Der Vater des Firmenbesitzers hat sein ganzes Leben auf dem Areal gearbeitet. Weil er wusste, dass ich ebenfalls für das Gaswerk gearbeitet habe, wurde ich angefragt, ob ich bei der Aufarbeitung der Geschichte des Werkes mitmachen wolle. Ich habe dann begonnen, Ausstellungsstücke und Fotos zusammenzutragen.

Wenn Sie nicht angefragt worden wären, würde es heute also kein Museum geben?

Vermutlich nicht. Es war ein Zufall.

Sie leiten das Museum nun schon 20 Jahre. Weshalb ist es Ihnen so wichtig, die Leute über das Gaswerk zu informieren?

Ich habe mittlerweile über 350 Führungen für Firmen und Vereine gemacht. Dabei habe ich immer wieder festgestellt, dass die Leute gar nicht wissen, dass man aus Kohle Gas gewinnen kann. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Besuchern zu erklären, was wir damals gemacht haben. Bis das Gas ins Leitungsnetz eingespeist werden konnte, war es ein langer Weg. Die per Bahn angelieferte Kohle wurde entweder in das Kohlelager gebracht, das mit einer Kapazität von 200 000 Tonnen für die Deckung eines Jahresbedarfs ausreichte, oder wurde direkt aufbereitet. In der Ofenanlage wurde die zermahlene Kohle durchgeglüht. Dabei trat Gas aus, das danach umfangreichen Reinigungsprozessen unterzogen werden musste. Dabei fielen verschiedene Nebenprodukte wie Teer, Ammoniak oder Schwefel ab, die im Strassenbau, in der chemischen Industrie oder zur Munitionsherstellung verwendet wurden. Die entgaste Kohle, der Koks, wurde zu Heizmaterial aufbereitet.

Was war Ihre Aufgabe innerhalb dieses Verarbeitungsprozesses?

Der Vater des «Gasimuseums»

Max Kübler ist im Tösstal aufgewachsen. Seine Lehre absolvierte er bei Sulzer in Winterthur. 1948 kam der heute 85-Jährige nach Schlieren. Bis zur Schliessung des Gaswerkes 1974 arbeitete er dort als Techniker. Danach war er bis zu seiner Pensionierung bei der Erdgas Ostschweiz AG engagiert. Max Kübler wohnt mit seiner Frau noch heute in Schlieren. (zim)

Ich habe in der technischen Abteilung gearbeitet. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Anlagen laufend erneuert. So wurden Entgiftungs- und Entschwefelungsanlagen angeschafft. Ich war für deren Erneuerung zuständig. Es war eine spannende und abwechslungsreiche Aufgabe. Deshalb bin auch so lange geblieben.

Wollten Sie sich ursprünglich nicht so lange engagieren?

Angesichts des Gestankes, des Staubes und des Lärms habe anfänglich nicht gedacht, dass ich so viele Jahre dort arbeiten werde. Heute könnte man einen solchen Betrieb aus Umweltschutzgründen wohl nicht mehr aufrechterhalten. Allerdings war ich durch meine Arbeit nicht so stark dem Staub ausgesetzt wie andere Mitarbeiter.
Die Arbeit im Gaswerk war hart. Lange musste die Kohle noch von Hand in die Öfen geschaufelt werden. Zwar wurde die Produktion mit den Jahren weitgehend automatisiert, die Arbeit der Ofenarbeiter blieb angesichts der Hitze aber weiterhin anstrengend. Zudem machten den Arbeitern die Staubbelastung und die giftigen Dämpfe zu schaffen. «Es wurde in drei Schichten rund um die Uhr gearbeitet, um die Gasversorgung sicherzustellen», erinnert sich Kübler. Zu jener Zeit seien neben der Stadt auch die beiden Zürichseeufer sowie das Limmat- und Glatttal mit Gas beliefert worden. Dafür sei in den Spitzenzeiten ein Personalbestand von 300 Leuten notwendig gewesen. Dies sei mitunter auch ein Grund dafür gewesen, entlang der Bernstrasse ausserhalb des Areals eine Wohnkolonie mit 36 Wohnungen zu erstellen. «Es war die erste betriebseigene Wohnsiedlung, die die Stadt Zürich gebaut hat», so Kübler. Im Volksmund ist sie noch heute als «Negerdörfli» bekannt. Ein Name, den die Wohnkolonie den russgeschwärzten Gesichtern der dort wohnhaften Arbeitern zu verdanken hatte.

Haben Sie jemals erlebt, dass der Betrieb stillgestanden ist?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals kein Gas liefern konnten. Einen grossen Ausfall konnten wir uns nicht leisten. In unserer Werkstatt arbeiteten 120 Leute fast aller Berufsgattungen. Die wichtigsten Maschinen hatten wir doppelt, um die Produktion sicherzustellen. Es gab aber vor meiner Zeit einen Ausfall der Gasproduktion.

Wann war das?

Das war 1909. Damals gab es eine längere Regenperiode und das gesamte Limmattal wurde überschwemmt. Alle unterirdischen Förderanlagen waren überflutet. Drei Tage lang konnte kein Gas produziert werden. Zudem bestand eine erhöhte Explosionsgefahr. Sobald Luft in die Gasleitungen gelangt, kann dieses Gemisch explodieren.

Wie hat man einem solchen Ausfall vorgebeugt, wurde Gas auf Vorrat produziert?

Nein, wir hatten unsere Gasbehälter, die einen Tagesbedarf abdeckten. Diese wurden in der Nacht gefüllt. Über Mittag, wenn die Leute am Kochen waren, war der Gasbedarf dreimal so gross wie die Produktion.

Sie haben von der Explosionsgefahr gesprochen. War ihre Tätigkeit gefährlich?

Wenn das Luft-Gas-Gemisch in einem bestimmten Verhältnis ist, besteht Explosionsgefahr. Das konnte vorkommen, wenn eine Anlage zur Revision stillgelegt wurde und Gas in die Leitungen gelangte. Einmal ereignete sich deswegen ein tödlicher Unfall.

Mehr ist in all den Jahren nicht passiert?

Ich habe insgesamt sieben tödliche Unfälle miterlebt. Ein Arbeiter musste im Winter die gefrorene Kohle im Magazin mit einer Eisenstange trennen. Als er damit beschäftigt war, wurde neue Kohle nachgekippt und der Arbeiter darunter begraben. Es war eine raue Arbeit an den Fördermaschinen. Obschon von den damaligen Produktionsstätten heute nichts mehr sichtbar ist, sind viele Zeugen bis heute erhalten geblieben, besonders im ältesten Teil des Areals rund um den ehemaligen Haupteingang. Dieser befindet sich an der Bernstrasse. Eine Strasse ins Gaswerk, wie es sie heute gibt, existierte früher nicht. «Die Arbeiter wohnten in Schlieren und in der Umgebung. Sie kamen zu Fuss oder mit dem Fahrrad zur Arbeit. Ein Auto hatte damals noch keiner», sagt Max Kübler.

Sind Sie heute manchmal noch wehmütig, wenn Sie an früher denken?

Eine gewisse Wehmut schwingt schon mit, wenn man so lange in einem Betrieb gearbeitet hat.

War es für Sie schlimm, als das Werk geschlossen wurde?

Ja, in gewisser Weise schon. Von den 300 Arbeitern blieben nach der Umstellung auf Erdgas noch 30 übrig. Allerdings wurden die meisten Mitarbeiter in anderen städtischen Betrieben untergebracht. Wer wollte, konnte bei der Wasserversorgung oder im Strassenbau arbeiten. Damals gab es noch genügend Stellen.

Nebst dem Direktorenhaus, dem Beamtenhaus, dem Ökonomiegebäude und dem Magazin ist auch das Restaurant Gaswerk gegenüber dem Eingang erhalten geblieben. «Im Restaurant hat man nach der Arbeit etwas getrunken. Das war früher gleich wie heute», so Kübler. Gebaut worden sei es, damit sich die Schichtarbeiter dort verpflegen konnten. «Ich erinnere mich an solche, die drei Tage lang nicht zu Hause waren und immer direkt vom Restaurant zur Schicht erschienen sind», sagt Kübler.

Andere Arbeiter hätten das Areal ebenfalls selten verlassen, weil sie dort wohnten. Im Ökonomiegebäude seien die Knechte und die Stallungen untergebracht gewesen. In frühen Jahren sei der Direktor noch mit der Kutsche nach Zürich gefahren worden. Im Beamtenhaus seien zwei Gasmeister untergebracht gewesen. Heute sind die Gebäude zumeist an Firmen vermietet. Dass das Areal heute vielen Menschen eher wegen des Kletterzentrums als wegen des Gaswerks ein Begriff ist, stört Kübler nicht: «Ich glaube, so, wie das Areal heute genutzt wird, ist es in Ordnung.»

Am Mittwoch, 19. September, findet um 18.30 Uhr eine öffentliche Führung mit Max Kübler im «Gasimuseum» statt. Nach dem Vortrag wird von der SVP Schlieren ein Apéro offeriert.