Max Gubler, einst ein ganz grosser Name in der Schweizer Kunst. Das zeichnerisch begabte «Wunderkind», das es als jüngster von drei Künstlerbrüdern fast autodidaktisch zum bedeutenden Maler brachte. Gubler, der im Kunstkritiker Gotthard Jedlicka einen Freund hatte, der bewundernd für ihn eintrat, immer wieder über ihn schrieb und ihn auch international bekannt zu machen suchte. Und dann Gubler, der 1957, auf der Höhe seines Erfolges, zusammenbrach; Krankheit, Krisen und Verluste, Angst, Zorn und Wahn standen über seinem letzten Schaffensabschnitt, gefolgt von langen Jahren des Verstummens als Maler. Was Gubler in dieser Zeit schuf, blieb auf Wunsch der Familie ein halbes Jahrhundert lang vor der Öffentlichkeit verborgen.

Jetzt sind die Werke aus Max Gublers Krankheitszeit wissenschaftlich aufgearbeitet worden und werden im Museum Allerheiligen in Schaffhausen zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt. Egal wie hoch oder eben nicht ganz so hoch man die Leistung dieses Malers einschätzt: «Dass Gubler sich zeit seines Lebens bemüht hat, einen eigenen Weg zu gehen, kann man heute sehen. Neben diesen bekannten Gubler tritt nun ein unbekannter auf, dem alle Sicherheit abhandengekommen ist und der sich mit seiner Malerei in einer zersprungenen Welt zurechtfinden und neu erfinden muss. Ob er damit heute – mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung dieser Werke – Verständnis finden wird, bleibt abzuwarten.»

Das schreiben Bettina Brand-Claussen und Peter Cornelius Claussen, die beiden Autoren des gewichtigen Bandes, der in der Auseinandersetzung mit diesem besonderen Künstler, diesem an sich Schwierigen, als Ereignis gelten darf. «Max Gubler: Malen in der Krise. Das unbekannte Spätwerk» ist ein Grundlagenwerk – klug, zurückhaltend im Urteil, reich an allgemeingültigen Überlegungen und in seiner Beispielhaftigkeit weit mehr als ein Beitrag zum Spätwerk des Zürcher Künstlers. Am liebsten würde man sich anhand von ausgewählten Sätzen aus diesem Buch durch die Ausstellung leiten lassen, welche nun, im Gefolge des Buchprojektes, unter dem Titel «Der andere Gubler» in Schaffhausen zu sehen ist.

Auch die Ausstellung ist reich, reich an Exponaten und reich an Fragestellungen. Sie wirft, wie Kurator Matthias Fischer betont, mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt: Sie stellt einen komplexen Sachverhalt zur Diskussion. Und natürlich geht es hier nicht einfach um ein «Malen in der Krise», sondern vielmehr um ein Spätwerk, man könnte es ein Anderwerk nennen, das sich nicht einfach so vom bis 1957 entstandenen Werk trennen lässt. Deshalb stellen in den hellen, offenen Räumen der Kammgarn-Halle, wo die rund 170 Exponate gezeigt werden, auch einige Arbeiten aus dem früheren Schaffen eine Anbindung an das bisherige Werk her.

Und um zu zeigen, dass der körperlich und seelisch erkrankte Künstler Max Gubler nicht aus einer Schwäche heraus, sondern trotz und mit einer Schwäche arbeitete.

Jeder Besucher der Schaffhauser Ausstellung, der keine bestimmte Vorstellung von Gubler mitbringt, wird sich von ihrer Wildheit, den Vergitterungen und Skelettierungen, den Reduktionen und Abstraktionen, den immer mehr zu Chiffren verknappten Zeichen und heftigen Bewegungen ansprechen lassen. Heute sehen wir anders. Das war den Verantwortlichen schon 1961, als Gubler nach vier Jahren in der Krise und zwölf Jahre vor seinem Tod das Malen ganz einstellte, bewusst: «Was für uns unverständlich ist, kann für ein späteres Geschlecht lesbar sein» (Gotthard Jedlicka, Tagebuch August 1961).

Dass hier ein Verzweifelnder am Werk ist, zeigt sich dem Betrachter allenfalls vor den Porträts von Maria Gubler, der Frau des Künstlers, denen laute Hilferufe eingeschrieben sind wie «Gott hilf uns». Aber sonst? Dieses eigenständige Spätwerk am Ende eines Malerlebens beschäftigt sich mit dem, was Gubler schon immer beschäftigt hat: Porträts, Interieurs und Atelierbilder, Stillleben, Landschaften zu allen Jahreszeiten und ab 1937 – nach Zürcher und Pariser Jahren sind Max und Maria Gubler nun in Unterengstringen zu Hause – ganz intensiv die Landschaft des Limmattals.

Natürlich stellen sich da Fragen wie: fertig? – Unfertig? Weiterentwicklung oder ferner Nachhall einstiger Schöpferkraft? Zerfallende oder neue Perspektiven? Gublers Krankheit bedeutet auch für seine Malerei eine Entfesselung der Normen, eine Auflösung des bisher Gültigen. Das zeigt sich beim Gang durch die mehr oder weniger motivisch gegliederten zehn Räume.

Wo überzeugt der «andere» Gubler am meisten? Für die einen mögen das die (Selbst-)Bildnisse sein, die längst mehr Innensicht als Aussensicht zum Ausdruck bringen. Für andere sind es die Landschaften, in denen – so der Eindruck der Auswahl aus den 375 zwischen 1957 und 1961 entstandenen «kranken» Gemälden – die Abstraktion am weitesten vorangetrieben scheint.

Neben den Landschaften (immer wieder: der fremd vertraute Blick auf das Kloster Fahr), die wie aus den Fugen geraten wirken, Landschaften, die durch den Kopf des Künstlers zucken und zu Bild gebracht werden wollen, sind es die abstrakten Landschaften aus dem Jahr 1961, dem letzten Schaffensjahr. In ihnen kommt viel Schönes, Freies, Befreites zum Ausdruck. Die «Landschaft mit fünf Bäumen», die «Abstrakte Landschaft mit Haus» oder das vermutlich allerletzte Bild Max Gublers, die «Landschaft mit drei Bäumen»: Sie alle sind leuchtende Selbstbehauptungen.

Der andere Gubler

Das unbekannte Spätwerk des Malers Max Gubler – Bis 8. Februar 2015

Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen.