Er ist der Stadt seit 45 Jahren treu

Die Coronapandemie schwächt die Lust auf Marroni nicht. Niemand weiss das besser als die Familie von Kurt Mersiovsky.

Cynthia Mira
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Dietikon wächst in rasantem Tempo. Aktuell sind die Baustellen der Limmattalbahn sind ein Zeichen dafür, wie sich das Stadtbild immer wieder verändert. Eines aber bleibt gleich: Die Stadt hat ihren Marroniverkäufer und das schon seit gut 45 Jahren. Kurt Mersiovsky ist Dietikon seit 1977 treu. Er führt seinen grünen Stand direkt neben den Bushaltestellen am Bahnhof. Auch die Coronapandemie kann der Nachfrage nach der goldbraunen Nussfrucht in dieser Saison nichts anhaben.

Gelassen rührt Mersiovsky mit der Hand in der heissen Pfanne die Marroni durcheinander. «Die Qualität ist in diesem Jahr hervorragend», sagt er. Das sei den idealen Wetterbedingungen zu verdanken. Für ein gutes Erntejahr brauchen die Bäume Regentage im Winter und Sonnenschein in den ersten Sommermonaten, bis es im August wieder vermehrt nass werden sollte. Die Ernte beginnt jeweils im Herbst. Die Edelkastanien werden bis zu 500 Jahre alt und tragen die ersten Früchte erst nach 25 bis 30 Jahren. Je nach Sorte und Alter können bis zu 100 Kilogramm pro Baum geerntet werden.

Dieses Jahr stammen alle Marroni aus Italien

Seine Ware komme in diesem Jahr ausschliesslich aus Italien, sagt der gelernte Bauingenieur Mersiovsky, der seinen ersten Stand 1970 in Zürich übernahm. Das Land gehört weltweit zu den grössten Produzenten. In den letzten Jahren habe er öfters auch auf Portugal ausweichen müssen. Jene aus Italien seien aber schmackhafter, findet er: «Sie haben den typischen, süsslichen Marroniduft.»

Mersiovsky vertreibt tonnenweise Marroni in der ganzen Schweiz von Chur bis Basel. Trotz der vielen abgesagten Märkte laufe der Verkauf vor allem an den Wochenenden gut. Dass weniger Leute wegen der Coronapandemie unterwegs seien, merke er nicht. «Wir hatten am Anfang der Saison kurzzeitig Engpässe, weil ich die Ware vorsichtig bestellt hatte», erklärt er.

Er selbst esse selten Marroni. Trotzdem sei ihm der Duft nicht verleidet: «Es ist mein Hobby und meine Passion.» Er könne nach so vielen Jahren nicht einfach zurücktreten und wolle das auch nicht. Mersiovsky hätte das Pensionsalter schon länger erreicht, aber er macht gerne weiter. Vor allem an Sonntagen ist er häufig am Stand anzutreffen. An den übrigen Tagen habe er wegen des Geschäfts kaum Zeit, vor Ort zu sein.

Sein Sohn Reto ist bereits in seine Fussstapfen getreten. Aus dem Unternehmen wurde eine Kollektivgesellschaft. «Ich dachte nicht, dass er einsteigen würde», sagt Mersiovsky. Bis zum 25 Lebensjahr habe sein Sohn nur wenig Interesse für den Marronihandel gezeigt. Aber dann habe es ihn gepackt. Der Preis habe sich in den letzten Jahren bei ihm kaum verändert: «Ich verkaufe lieber günstig und dafür mehr», sagt Mersiovsky.

«Die beste Bratwurst weit und breit»

Bei einem Besuch vor Ort deckt sich Shpresa Boshtraj aus Dietikon spontan mit 500 Gramm Marroni ein. «Wo warst du denn am Samstag?», fragt sie Mersiovsky, als er ihr die warme Tüte reicht. Denn Mersiovsky verkauft nicht nur Marroni, sondern auch jeden Samstag auf dem Kirchplatz für fünf Franken Bratwürste vom Holzkohlengrill. Ganz zur Freude von Boshtrajs Tochter Alina.

Die Elfjährige schwärmt: «Es ist die beste Bratwurst weit und breit.» Ein Besuch beim Stand gehöre für sie fast schon zu jedem Samstag dazu, sagt Boshtraj. Sie sei enttäuscht gewesen, als er für einmal nicht da war. Sie kaufe seit vielen Jahren bei Mersiovsky ein: «Die Marroni sind sehr gut und er ist einfach so ein lieber und sympathischer Mensch.»