Als er seinen Nuggi unter die Honigschleuder der Eltern strecken und ihn von der süssen, klebrigen Masse übergiessen lassen durfte, musste Roger Wigger wohl der glücklichste Bauernsohn auf Erden gewesen sein. «Mit dieser Maschine gewannen sie jeweils den Honig aus den Waben. Natürlich hatte ich meine Freude daran», erinnert sich der Dietiker an seine Kindheit zurück. Heute isst er noch immer sehr gerne Honig. Doch die «Honigproduzenten» selbst sind ihm viel wichtiger: Seit drei Jahren kümmert er sich um rund 800 000 Bienen. «Freunden und Bekannten verschenke ich oft ein Glas Honig», so Wigger. Ohne seine Freude am Schenken wäre er wohl nie auf die ausgeschriebene Imkerstelle im Geroldswiler Wiesentäli aufmerksam geworden.

«Meine Bekannte erfuhr durch das Honigglas davon, dass ich imkere und sprach mich auf die Stelle an», sagt er. Lange überlegen musste Wigger nicht. Auf dem Dach eines Firmengebäudes in der Dietiker Industriezone hält er bereits 20 Bienenvölker. «Viele Leute sind skeptisch, wenn sie von meinem ‹Industriehonig› hören», sagt Wigger. Dafür seien sie dann umso überraschter über den feinen Geschmack. «Da die Industriezone gerade an ein Naturschutzgebiet grenzt, finden meine Bienen dort Nektar der verschiedensten Blüten», sagt er. Das führe dazu, dass sein Honig aromatischer schmecke als viele, die auf dem Land hergestellt werden. «Dort ist die Vielfalt der Pflanzen geringer. Und wenn eine Pflanzenart verblüht ist, finden die Bienen keine Nahrung mehr», so Wigger. Das Erholungsgebiet Wiesentäli kam für Wigger wie gelegen. «Ich möchte meinen Bienenstandort schon lange erweitern», sagt er. In Imkerkreisen heisse es nämlich oft: «Ein Standort ist kein Standort.» Das kommt einerseits daher, dass die Nahrung für die Bienen im Umkreis von bis zu drei Kilometern knapp werden kann. Andererseits wäre bei Ausbruch einer Bienenkrankheit gleich der ganze Standort betroffen. «Hält man die Bienen hingegen an mehreren Orten, bliebe der grösste Teil verschont.» Ein bisschen erstaunt war Wigger zwar vorerst schon, dass Geroldswil wieder einen Imker suchte. Das einstige Imkerhäuschen im Wiesentäli wurde nämlich in der Nacht auf den 16. Februar 2013 dem Erdboden gleichgemacht und die Stelle seither von wilden Pflanzen überwuchert.

Beat Meier, Geroldswiler Gemeindeschreiber, weiss, was mit dem Häuschen geschehen war: «Leider wurde es angezündet und ist vollständig niedergebrannt.» Daraufhin habe man nach einem Imker gesucht, der das Wiesentäli wieder zum Leben erweckt. Doch das war gar nicht so einfach. «Wir brachten lange Zeit einen Aufruf in den Gemeindenachrichten», sagt Meier. Bis sich Wigger meldete. Der gelernte Hauswart hatte früher in seinem Job zwar nur mit Bienen zu tun, wenn ein Nest von einem Balkon entfernt werden musste. In den letzten drei Jahren absolvierte er aber mehrere Imkerausbildungen und -weiterbildungen. Um hobbymässig Bienen zu halten, braucht man diese zwar nicht. «Für die Gemeinde waren die Ausbildungen aber Voraussetzung. Ich muss mich nämlich auch im Bienenrecht, zu dem das Lebensmittel- und Tierseuchenrecht gehört, auskennen», so der Imker. Er schätzt es, ein Hobby als Ausgleich zu seinem herausfordernden Hauswartsalltag gefunden zu haben. «Wenn ich nach den Bienen schaue – manchmal auch über Mittag – kann ich mein Handy ausschalten und alle Sorgen vergessen», so Wigger.

Seine Bienen sind auf dem Dach zurzeit in 20 sogenannten Bienenmagazinen untergebracht. Das sind grüne Styroporboxen, die aufeinandergestapelt werden können. 12 davon werden ab Mai im Wiesentäli aufgestellt. Nur alle 14 Tage wird Wigger die Waben dort herausnehmen. «Weniger ist mehr. Wenn man sie dauernd herausnimmt, zerstört man die Bruttemperatur und Luftfeuchtigkeit», so der Imker. Deshalb beobachtet Wigger die gestreiften Insekten mehrheitlich von aussen: Er schaut sich das Flugloch und die Aktivitäten der Bienen davor an. Will er zwischendurch doch einmal einen Blick in die grünen Kisten werfen, kann er dies aber trotzdem tun. «Magazine haben einen grossen Vorteil gegenüber Bienenhäuschen. Bei ihnen wird eine Folie über die Waben gelegt. So kann man reinschauen, ohne das Klima zu verändern», sagt er.

Gestochen wurde Wigger zwar auch schon von seinen Bienen, aber nur vereinzelt. Im Sommer, wenn die Bienen genügend Futter finden und deshalb besonders friedlich sind, kümmert er sich sogar nur im T-Shirt bekleidet um sie. «Bienen sind aber auch im Allgemeinen nicht aggressiv. Auch Kinder konnten meine Bienen schon problemlos in die Hände nehmen», erzählt er. Ab Mai möchten die Gemeinde und Wigger auch im Wiesentäli Menschen in Kontakt mit Bienen bringen. Und zwar wird dort ein Schaukasten aufgestellt, der einen Blick ins Bienenvolk gewährt. «Man wird sogar die Königin erkennen können. Sie ist mit einem farbigen Punkt markiert», so der Imker. Den Honig, den er im Wiesentäli und auf dem Dach gewinnen wird, kann man direkt bei ihm kaufen. «Auf Gewinn bin ich aber nicht aus. Auch verschenken werde ich ihn weiterhin», betont Wigger.

Er freut sich bereits auf die «Zügelaktion» seiner Bienen ins Wiesentäli Ende April. Frühmorgens, wenn alle Bienen in den Magazinen sind, wird er die Fluglöcher schliessen, die 12 Boxen in einen Lieferwagen laden und im Wiesentäli die Löcher wieder öffnen. Beim ersten Flug werden sich die Bienen erst orientieren müssen. «Sie fliegen dann raus, kehren sich ruckartig um und machen einen kreisenden Orientierungsflug», so Wigger. «Das ist immer der schönste Moment», so der Imker erfreut.