Vor vielen Jahrzehnten sei ein Angestellter von Sprüngli in eine finanzielle Notlage geraten. Hilfe suchend habe er sich an den Patron, Richard Sprüngli, gewendet, der ihm aus der misslichen Lage half. So, in der Rolle des Patrons, erinnert sich Milan Prenosil an seinen Onkel und Vorgänger als Sprüngli-Chef. Dieser verstarb am vergangenen Freitag 97-jährig in Rüschlikon.

Beinahe 40 Jahre lang leitete der gebürtige Kilchberger die Zürcher Traditionsconfiserie. Wobei leiten eine Untertreibung sein mag. «Er identifizierte sich nicht über Materielles, sondern über Aufgaben», umschreibt Milan Prenosil die Philosophie Richard Sprünglis. Als der damals 40-jährige Konditormeister Mitte der 1950er-Jahre das Zepter von seinem plötzlich verstorbenen Onkel Hermann Sprüngli übernahm, wurde eine Epoche des Wachstums eingeläutet.

Ab 1961 in Dietikon

Bereits nach einem Jahr im Chefsessel gelang ihm ein grosser Coup: die Lancierung der «Luxemburgerli». Ein junger Konditor hatte das Rezept aus dem gleichnamigen Kleinstaat mitgebracht. Die kleinen Macarons Fourés waren fortan das Markenzeichen der Confiserie und trugen den Namen Zürichs weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Beflügelt von diesem Erfolg, wagte sich das Traditionsunternehmen unter Sprünglis Führung über die Grenzen der Innenstadt und eröffnete bis 1994 18 Filialen in Shoppingzentren und anderen Schweizer Grossstädten. Dieses Wachstum war jedoch nur möglich wegen einer im Jahr 1961 durchgeführten Massnahme.

Aus verkehrs- und platztechnischen Gründen wurde die Produktionsstätte des Unternehmens nach Dietikon verlegt, wo sie noch heute ist. Das fabrikartige Gebäude neben den Bahngleisen könnte kühl anmuten. Menschlichkeit schwingt im Inneren jedoch mit. Noch immer sind antike Gerätschaften der Bäckerszunft ausgestellt. Sie gehören zur Sammlung Richard Sprünglis.

Weitergabe des Zepters

Seine Umtriebigkeit zeigte sich nicht nur in den Innovationen, um die er das Traditionshaus bereicherte. Neben der Leitung der Confiserie war Richard Sprüngli lange Zeit Präsident der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse und Zunftmeister der Schiffsleuten. Ambition zeigte er auch in der Armee, er hatte den Rang eines Oberst inne.

Im Jahr 2003 gab er das Verwaltungsratspräsidium an die nächste Generation weiter, die sechste. Sein Nachfolger, Neffe Milan Prenosil, übernahm gemeinsam mit seinem Bruder Tomas bereits zehn Jahre zuvor das operative Geschäft.

Doch - auch dies ein Indikator dafür, dass Richard Sprüngli ein Patron alter Schule war - besuchte er die Zürcher Filialen und sein Büro am Paradeplatz weiterhin täglich. Mit «Argusaugen» soll er die Arbeit seiner beiden Neffen beobachtet haben.

Regeln wurden befolgt

Dass man Richard Sprüngli nachsagt, er habe sein Geschäft nach dem Ruhestand nicht loslassen können, hält Milan Prenosil für falsch. Nach dem Ruhestand lasse sich der Lebensinhalt nicht einfach vernachlässigen. Die Familie und das Geschäft waren die Lebensinhalte von Richard Sprüngli. «Dadurch, dass er bis vor anderthalb Jahren noch immer täglich in den Confiserien war, blieb er fit», so Prenosil. Gestört habe ihn die Anwesenheit des alten Patrons nie, denn wenn Prenosils Bürotüre zu war, dann war sie zu: «Wir hatten Regeln und die wurden gegenseitig befolgt».

Dass Richard Sprüngli Korrektheit und das Befolgen von Regeln wichtig war, zeigt auch der Ausgang der eingangs erwähnten Anekdote. So war dem Mitarbeiter in finanziellen Nöten der Geldbetrag nicht erlassen, sondern geliehen. Prenosil: «Er war ein strenger aber fairer und gutherziger Mensch.»