Mit dem neuen Uitiker Gemeinderat Chris Linder zieht ein Tourismusexperte in die Exekutive ein. Macht er aus dem ruhigen Dorf am Fuss Üetlibergs nun eine Touristenattraktion? Linder lacht: «Ich sehe nicht sehr viel Potenzial dafür – ausser, man entdeckt eine Heilwasserquelle», sagt er. Seine Gemeinde habe mit dem Naherholungsgebiet zwar heute bereits eine gewisse Magnetwirkung. «Dass wir ein Tourismusbüro einrichten werden, glaube ich jedoch nicht.»
Mitte Woche wurde bekannt, dass Linder den durch den Rücktritt des Uitiker Gemeindepräsidenten Victor Gähwiler (FDP) frei werdenden Sitz im Gemeinderat besetzen wird. Mangels anderer Kandidaten schaffte der 64-Jährige den Sprung in die Exekutive in stiller Wahl und wird am 1. Juli ins Gremium einziehen. Uitikern mit schulpflichtigen Kindern oder Teilnehmern der Gemeindeversammlungen dürfte Linder bereits bekannt sein: Während zehn Jahren amtete er als Finanzvorstand der Schulgemeinde.

Nach der Handelsschule in Zürich arbeitete Linder bei Kuoni. «Dafür entschied ich mich, weil ich ins Ausland wollte.» 36 Jahre sollte die Anstellung beim Reiseunternehmen andauern, zuletzt war er Leiter der strategischen Planung. Im Jahr 2007 entschied er sich für eine Master-Ausbildung im Bereich Management und machte sich anschliessend selbstständig. Die Unternehmen, die er heute berät, kommen aus dem Dienstleistungs- oder Tourismusbereich. Schwerpunktthemen dabei seien deren Reorganisation, Marktpositionierung und strategische Ausrichtung, wie Linder sagt.

Kampf steht noch bevor

Seinen Beruf führt er nicht in einem 100-Prozent-Pensum aus: «Dies erlaubt mir auch Flexibilität bei der Amtsführung – ob als Gemeinderat oder als Gemeindepräsident», so Linder. Nach dem Einzug in den Gemeinderat steht nämlich bereits die nächste Hürde an: Am 5. Juni werden die Uitiker an der Urne darüber befinden, ob sie Linder oder Markus Hoppler (CVP), den langjährigen Finanzvorstand der Gemeinde, als neuen Gemeindepräsidenten wollen.
Zu Kampfwahlen kommt es in Uitikon nur selten. Personal für öffentliche Ämter zu finden, gestaltet sich – vornehmlich in kleineren Gemeinden – immer schwieriger. Linder führt dies auf die berufliche Belastung, aber auch auf die steigenden Ansprüche an die Behördenmitglieder zurück. «Während meiner Zeit in der Schulpflege habe ich gemerkt, wie das Amt komplexer und anspruchsvoller wurde», so Linder. Die Ehre, die eine ehrenamtliche Tätigkeit mit sich trage, sei schon lange nicht mehr in einem Ausmass gegeben, wie dies früher der Fall war. Zudem würden sich viele Menschen nicht mehr der öffentlichen Kritik aussetzen wollen. «Man muss teils eine dicke Haut haben.»

Es brauche den Finanzausgleich

Das Wachstum der Gemeinde – vornehmlich durch die Entwicklung des Gebiets Leuen-Waldegg, wo mit dem Zuzug von 700 Menschen gerechnet wird – sei eine der grössten Herausforderungen, die auf Uitikon zukommen, sagt Linder. «Die Ausgaben für Infrastruktur sind hoch, die Höhe des zusätzlichen Steuersubstrates hängt zu grossen Teilen auch davon ab, wie die neuen Uitiker ihre Wohnungen finanzieren.» Müssen sie Hypotheken abbezahlen, zahlen sie weniger Steuern. Obwohl Uitikon heute eine der reichsten Gemeinden des Kantons ist, könne sich dies schnell ändern. Bereits heute nage der kantonale Finanzausgleich an den Finanzen: «Zwar braucht es ihn, die Mechanismen sollte man jedoch hinterfragen.» Der gebürtige Dietiker merkt an, dass der Bezirkshauptort mit dem heutigen Modell nicht langfristig funktionieren könne. «Der Anreiz für Nehmergemeinden, mehr Steuern einzunehmen, wird jedoch kleiner, je mehr Geld sie mit dem Finanzausgleich einnehmen», sagt er. Dies ist aus seiner Sicht zu ändern.

Die Gemeinde wandelt sich auch in sozialen Belangen: «Seit meinem Zuzug vor 30 Jahren wurde Uitikon ein wenig anonymer.» Trotzdem gebe es ein lebhaftes Kulturleben, das es zu unterstützen gelte. «Das angrenzende Zürich mit all seinen Angeboten konkurrenzieren zu wollen, macht aber überhaupt keinen Sinn.» Er bevorzugt es eben klein aber fein.
Im Gespräch ist es nicht schwierig, Linders Affinität fürs Wirtschaftliche und Finanzielle herauszuhören: «Es würde kurios anmuten, sähe ich mich selber nicht gern im Ressort Finanzen der Gemeinde, sollte ich nicht ins Präsidium gewählt werden.» Zwar sei ihm klar, dass der «Neue» jeweils jenes Ressort übernehmen müsse, das übrig bleibt. Für Linder dürfte der Einzug in die Exekutive, egal ob er selber oder Hoppler ins Präsidium gewählt wird, erfreulich sein. Denn: Unterliegt er Anfang Juni, kann er sich wahrscheinlich mit dem frei werdenden Finanzressort trösten.