Dietikon

Er bringt das Volksfest zurück: «Eine Stadt ohne Chilbi ist keine Stadt»

Willy Bourquin ist Schausteller und schon in einer Zirkus- und Chilbifamilie aufgewachsen. Er bringt für Dietikon die Chilbi zurück auf den Zelgliplatz. Foto: Anina Gepp

Willy Bourquin ist Schausteller und schon in einer Zirkus- und Chilbifamilie aufgewachsen. Er bringt für Dietikon die Chilbi zurück auf den Zelgliplatz. Foto: Anina Gepp

Dank Willy Bourquin kommt die Chilbi Mitte Oktober wieder zurück nach Dietikon. Das Comeback des Volksfests ist eine grosse Herausforderung, Angst vor einem weiteren Scheitern hat Bourquin aber nicht.

Herr Bourquin, dank Ihnen steht eine tot geglaubte Tradition wieder auf. Die Chilbi kommt vom 18. bis 20. Oktober 2013 zurück nach Dietikon.

Willy Bourquin: Eine Stadt ohne Chilbi ist keine Stadt. Ich bin der Meinung, dass die Chilbi sogar in jedes Dorf gehört. Wenn diese Tradition fortlaufend abgeschafft wird, haben wir Schausteller keine Zukunft mehr. Wir leben schliesslich das ganze Jahr nur von der Chilbi.

Die Situation in Dietikon war sehr verfahren. Wieso nehmen Sie sich dieser Herausforderung an?

Schlägereien und Ausschreitungen waren Gründe für die bisherigen Schausteller, die Chilbi in Dietikon aufzugeben. Sie waren für die Sicherheit der Veranstaltung zuständig und wollten diese Verantwortung nicht länger tragen. Sie sagten sich irgendwann, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Sie schlugen mir vor, dass ich künftig die Chilbi in Dietikon organisieren könnte.

Und Sie hatten keine Angst, dass es erneut schiefgehen könnte?

Ich habe mir das gut überlegt und mich dann dieses Jahr sehr dafür eingesetzt, dass die Chilbi wieder zurück nach Dietikon kommt. Ich will die Chilbi traditionsgemäss weiterführen mit Peter Hutter. Er ist ein Berufskollege von mir und Marktfahrer. Für alle Esswarenstände und den Warenmarkt übernimmt er die Verantwortung. Der Anlass kostet uns viel Geld. Wir müssen sogar zusätzliche Toiletten installieren. Wir hoffen deshalb, dass die Chilbi wieder laufen wird wie in alten Zeiten. Ich bin aber überzeugt, dass es in Dietikon klappt. Wir stellen das wieder auf die Beine. Der Zelgliplatz ist für die Chilbi wie gemacht.

Dann sehen Sie Dietikon also als längerfristiges Projekt an.

Ich hoffe, dass auch in den folgenden Jahren der Zelgliplatz unbebaut zur Verfügung steht. Eine Chilbi muss möglichst im Zentrum sein. Wir planen für Dietikon dieses Jahr eine schöne Budenstadt, und wenn das Erfolg hat, wollen wir die Chilbi nächstes Jahr noch grösser aufziehen.

Verraten Sie, was die Besucher an der diesjährigen Chilbi noch alles erwartet?

Die Chilbi wird etwas kleiner sein als üblich. Dennoch halten wir einige Attraktionen bereit. Es gibt einen grossen Skilift, der auf 23 Meter hochfährt, eine Miniaturachterbahn, die beliebte grosse Schaukel namens Chaos, eine Autoscooterbahn, Kinderkarussells, einen Flugsimulator und Schiessbuden. Es werden 30 bis 40 Marktfahrer da sein und vielleicht auch einige Vereine von Dietikon, die noch etwas auf die Beine stellen. Ich bin überzeugt davon, dass es ein Erfolg wird.

Seit fünf Generationen steht die Familie Bourquin für Chilbi. Was bedeutet sie für Sie?

Die Chilbi ist unser Lebensunterhalt. Ich bin schon mit ihr aufgewachsen und habe 20 Jahre lang Showgeschäfte auf der Chilbi präsentiert. Die Nummer mit dem Menschen auf dem elektrischen Stuhl oder eine mit 400 weissen lebendigen Mäusen habe ich oft präsentiert. Ich komme aus der Zirkusfamilie Nock.

Was haben Zirkusleute und Schausteller gemeinsam?

Zirkusleute und Schausteller sind sich sehr nahe. Wir kennen uns untereinander und pflegen regen Kontakt. In beiden Branchen muss man verschiedene Talente besitzen. Das haben wir aber alle im Blut. Unsere Familie ist sehr stolz, den Namen Bourquin zu tragen.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?

Wenn Kinder auf den Bahnen vor Freude schreien. Es gibt wirklich nichts Schöneres. Die strahlenden Kinderaugen machen mich glücklich. Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Ich verteile nur Freude. Eine Gratisfahrt oder eine verlängerte Fahrt auf einer Bahn ist für Kinder das Tollste, was man ihnen offerieren kann.

Gibt es denn gar keine Schattenseiten im Beruf des Schaustellers?

Die Saison beginnt bereits im Februar mit der Fasnacht. Schausteller zu sein, ist ein harter Beruf. Wenn alles aufgebaut ist, die Lichter blinken und die Musik ertönt, denken alle: Die habens schön. Die können den Leuten eine Freude machen und dabei noch Geld verdienen. Aber man muss sich auch durchsetzen können. Jedes Wochenende müssen wir wieder einen neuen Platz finden für unsere Chilbi und ein Fest organisieren. Man weiss auch nie, wie das Wetter wird. Wenn es regnet, haben wir weniger Einnahmen.

Sie sind oft mehrere Monate am Stück auf Reisen im ganzen Land. Gibt es dennoch einen Ort, den Sie als Ihr Zuhause ansehen?

Wir fühlen uns in der ganzen Schweiz zuhause. Ich bin nirgendwo ein Fremder. Ich kenne die Städte, da ich sie schon als Kind mit meinem Vater und seinem Grossvater besucht habe. Uns ist es wichtig, in gutem Kontakt zu den jeweiligen Gemeinden zu stehen. Wir hinterlassen den Platz nach der Chilbi immer sauber und ohne Schäden. Wir freuen uns, wenn wir im Folgejahr wieder eine Chilbi auf die Beine stellen dürfen. Die Leute sollen Freude haben an uns, das ist die Hauptsache.

Sie sind jeweils mit der ganzen Familie unterwegs, wohnen in Wohnwägen, bauen die Chilbi gemeinsam auf und wieder ab. Wie funktioniert dieses Leben auf engstem Raum?

Wir haben ein tolles Familienverhältnis. Wir hocken oft zu zehnt oder mehr zusammen. Für einen Familievater gibt es nichts Schöneres, als wenn alle am selben Strick ziehen. Nur so kommen wir weiter. Auch in harten Zeiten halten wir stets zusammen.

Wollten denn alle Ihre Kinder Schausteller werden?

Meine Frau und ich haben drei Söhne und eine Tochter. Alle haben einen Beruf erlernt. Zwei der Jungs sind Elektriker und einer ist Schlosser. Nun sind aber alle Söhne zurückgekehrt und üben den Beruf des Schaustellers aus. Nur unsere Tochter ist Tierarztgehilfin. 99 Prozent der Menschen, die einmal Gefallen gefunden haben am Schaustellerleben, wollen aber nie mehr etwas anderes machen.

Weshalb ist es Ihnen wichtig, dass alle Ihre Kinder noch einen anderen Beruf erlernt haben?

Sie sollen wissen, dass es nicht nur das fröhliche Chilbitreiben gibt. Als Schausteller muss man auch handwerklich begabt sein, die Buchhaltung führen und ab und an auch einen Brief schreiben können.

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