Letzten Sommer verfärbte sich das Limmattal gelb: Der Singapurer Velo-Verleih-Anbieter O-Bike überschwemmte es über Nacht mit seinen Fahrrädern. Zu Dutzenden standen sie an Veloabstellplätzen, auf Trottoirs und immer wieder völlig im Weg herum. Vor allem in Dietikon, Schlieren und Urdorf tauchten sie auf.

Doch jetzt können Ordnungsliebende aufatmen: Das Limmattal wird bald wieder frei sein von O-Bikes. Denn der Fahrrad-Verleih-Riese lässt seine Velos im Bezirk Dietikon einsammeln. Das bestätigt Firat Kutal, Inhaber der St. Galler Firma Umzug-24, gegenüber der Limmattaler Zeitung: «Wir sind nächste Woche in Dietikon sowie im ganzen Limmattal unterwegs, suchen nach den O-Bikes und sammeln sie ein.»

Bereits letzte Woche war bekannt geworden, dass O-Bike sich aus Winterthur und Zürich zurückzieht. Dort sind Kutal und seine Leute schon seit einem Monat unterwegs. Unklar war bisher, ob O-Bike auch die Velos im Limmattal einsammeln lässt. Das Unternehmen selbst war für diese Zeitung nicht erreichbar. Es kommuniziert seit Monaten nicht mehr. Auch die Verwaltungen der Städte Dietikon und Schlieren kontaktierte die Firma nicht; dort wusste man nichts von den Rückzugsplänen.

Kutal hingegen gibt Auskunft. Er sagt, O-Bike habe ihm nicht nur den Auftrag
gegeben, in den beiden Städten die Hinterlassenschaft des Bike-Sharing-Riesen aufzuräumen, sondern auch im Umland. «Ich weiss nicht genau, wie viele Velos es im Limmattal noch sind. Aber mehr als fünfzig sollten nicht mehr übrig sein», so Kutal. Eine genaue Zahlenangabe wäre früher einfach gewesen. Denn die Velos haben alle einen Peilsender.

So konnten Kunden sie mit dem Handy orten und entsperren. Jetzt geht das nicht mehr, wie Kutal erklärt: «Das elektronische Ortungssystem von O-Bike läuft nicht mehr.» Also müssen Kutal und seine Mitarbeiter wohl oder übel das ganze Limmattal abfahren und sich auf ihre Augen verlassen. Deshalb bittet Kutal um Mithilfe der Bevölkerung: «Wer ein O-Bike sieht, kann uns das gerne melden.»

O-Bikes waren ein Verlustgeschäft

Kutals Firma ist laut Website eigentlich eine Umzugs-, Maler- und Reinigungsfirma. Bis Februar 2017 hiess sie gemäss Handelsregister noch «Kreatiweb-Kutal» und bot Webdesign, Online-Marketing und Computer-Reparaturen an. Ende März ist der Konkurs über das Unternehmen eröffnet worden. Anfang April wurde das Verfahren allerdings mangels Aktiven wieder eingestellt. Das bedeutet nicht, dass die Schulden getilgt sind.

Diese betragen laut eines Berichts des «Tages-Anzeigers» 120'000 Franken und hätten sich wegen des Geschäfts mit O-Bike angehäuft. Kutal hätte für die Singapurer die Velos seit letztem Sommer verteilen, bei Beschädigung einsammeln und lagern sollen. Dafür stellte er acht Mitarbeiter an. O-Bike bezahlte aber plötzlich nicht mehr und Kutal verschuldete sich. Jetzt, nach dem Rückzug von O-Bike, wurde ihm offenbar mit dem Einsammeln der Velos ein Deal vorgeschlagen: Die Hälfte des Erlöses, den er beim Einsammeln der Velos in ganz Europa generiert, darf er behalten. Der andere Teil geht an O-Bike. Damit bekommt Kutal die Chance, seine Schulden zu tilgen.

Mehrkosten erwartet

Im Limmattal werden beim Einsammeln wohl aber Mehrkosten auf ihn zukommen. Denn die Dietiker Stadtpolizei hat 16 O-Bikes eingezogen. Laut der Kommunikationsverantwortlichen der Stadt Dietikon, Esther Pioppini, kann die Stadt sichergestellte Fahrräder und auch zusätzliche Umtriebe verrechnen. Dennoch sagt Kutal: «Ich werde die O-Bikes holen und ich werde die anfallenden Kosten bezahlen.» Auch im Schlieremer Werkhof lagern O-Bikes, die abgeholt werden müssten. Dass das teuer werden könnte, sei ihm bewusst, sagt Kutal. Ein Verlustgeschäft? «Ja, wohl schon. Aber es hängt davon ab, wie gut ich die O-Bikes verkaufen kann. Dann ist es entweder ein kleines oder ein grosses Problem.»

Verkaufen wird er die Velos ungefähr für 50 Euro pro Stück ins europäische Ausland, wie Kutal sagt. Zumindest die, die noch fahrtüchtig sind und wenige Gebrauchs-
spuren haben: «Die Kunden demontieren den Bluetooth- und den GPS-Sender, schmirgeln das O-Bike-Logo ab und verkaufen die Velos dann einzeln.» Die Velos, die Kutal nicht mehr verkaufen kann, werden verschrottet.

Die Limmattaler O-Bikes landen also entweder in einer Schrottpresse oder werden irgendwo in Europa, wohl vor allem im Osten, inkognito über die Strassen fahren. Über das Verschwinden der gelben Velos sind wahrscheinlich viele im Limmattal nicht unglücklich. Die Kommunikationsverantwortliche Pioppini sagt für die Stadt Dietikon: «Die Stadt will keine wild parkierten und herrenlosen Fahrräder auf öffentlichem Grund.» Ein geordnetes Bike-Sharing werde aber grundsätzlich befürwortet.