Zürich

«Entschuldigung, ich bin ein feuriger Italiener»: Arzt verging sich an 83-Jähriger aber praktiziert weiter

Das Bezirksgericht Zürich hatte den Beschuldigten vor einem Jahr wegen Schändung und mehrfacher sexueller Nötigung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 21 Monaten verurteilt.

Das Bezirksgericht Zürich hatte den Beschuldigten vor einem Jahr wegen Schändung und mehrfacher sexueller Nötigung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 21 Monaten verurteilt.

Obergericht verurteilt Arzt wegen Schändung und mehrfacher sexueller Nötigung. Trotz der 24-monatigen bedingten Freiheitsstrafe darf er weiterhin praktizieren.

Der 50-jährige Beschuldigte mit italienischen Wurzeln war der Arzt ihres Vertrauens. Sieben Jahre lang war die 83-jährige Schweizerin bei ihm in Behandlung. Dann, im Jahr 2016, kam es zu den ersten Übergriffen.

Angefangen hatte alles damit, dass die Patientin den Arzt in der Praxis spontan auf die Wange küsste. Einfach weil sie glücklich darüber war, dass er ihre Schmerzen im Bein ein wenig lindern konnte. Doch die harmlose Geste löste beim Mediziner etwas aus. Bald meldete er sich bei ihr und gestand, dass ihm der Wangenkuss nicht mehr aus dem Kopf gehe. Er könne nachts nicht mehr schlafen.

Bei den darauf folgenden Terminen küsste er die betagte Frau jeweils auf die Wange – und einmal sogar gegen ihren Willen auf den Mund. Doch er ging noch weiter. Unter dem Vorwand, er könne damit ihre Beinschmerzen lindern, musste sich die ältere Dame jeweils ausziehen und von ihm massieren lassen. Dabei drückte er einmal die Beine auseinander und streichelte die Innenseite ihrer Schenkel.

Bei einem weiteren Mal versuchte er seine langjährige Patientin mit der Zunge zu küssen und massierte ihre Brüste. Als er kurz darauf in ihren Slip griff und dabei ihr erschrockenes Gesicht sah, soll er gemäss Anklageschrift gesagt haben: «Entschuldigung, ich bin ein feuriger Italiener.»

Nur drei Wochen später verging er sich wieder an ihr. Diesmal massierte er zuerst ihre nackten Brüste, legte dann ihre Hand um sein erigiertes Glied und begann zu reiben, bis er schliesslich ejakulierte.

Die betagte Frau war nicht das einzige Opfer. Seine Vertrauens- und Machtposition nutzte er auch bei einer jüngeren Patientin aus. Die 42-Jährige litt unter einer Depression und gestand dem Arzt, dass sie Angst habe, zu vereinsamen. Auch sie massierte er regelmässig, wobei er ihr unter anderem über die Vagina strich. Schon bald begann der verheiratete Mann und Vater einer Tochter eine Beziehung mit seiner Patientin. Er rief sie an, schickte Nachrichten. Insgesamt 3500 Kontakte zählte die Ermittlungsbehörde.

«Ich schwöre zu Gott, dass ich das nicht getan habe»

Das Bezirksgericht Zürich hatte den Beschuldigten vor einem Jahr wegen Schändung und mehrfacher sexueller Nötigung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 21 Monaten verurteilt. Vom Vorwurf der Ausnutzung einer Notsituation wurde er freigesprochen.

Trotz dieses Urteils durfte der Mediziner weiterhin in seiner kleinen Praxis und in Spitälern praktizieren – allerdings unter Auflagen der kantonalen Gesundheitsdirektion. Bei Behandlungen muss stets eine Drittperson anwesend sein.

Am Montag, beim Berufungsverfahren am Zürcher Obergericht, gab sich der Arzt einsilbig und wies erneut jegliche Anschuldigungen von sich. Unter den Augen seiner Ehefrau sagte er lediglich: «Ich schwöre zu Gott, dass ich das nicht getan habe.»

Für die Staatsanwältin gab es keinen Grund, an den Aussagen der Patientinnen zu zweifeln. Diese seien glaubhaft und konstant. Der Arzt habe seine Machtposition ausgenutzt, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Der 42-jährigen, stark verunsicherten Patientin habe er privat geholfen und gleichzeitig zu verstehen ge­geben, dass sie schwach sei. «So schuf er ein Abhängigkeitsverhältnis.»

Auch bei den Übergriffen auf die 83-jährige Patientin sei es vor allem um Macht und weniger um Sex gegangen, sagte deren Anwalt. In den Einvernahmen habe seine Mandantin detailreiche Aussagen gemacht. «Dass sie sich heute Vorwürfe macht, diese Nähe zugelassen zu haben, unterstreicht die Glaubwürdigkeit.» Die mittlerweile 87-Jährige leide unter den seelischen Verletzungen, sie sei traumatisiert und lebe sehr zurückgezogen.

Die Opfer hätten die sexuellen Handlungen überzeugend geschildert, befand das Obergericht bei seiner Urteilsbegründung und erhöhte die Strafe der Vorinstanz. Wegen sexueller Nötigung und Schändung verurteilt es den Beschuldigten zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Die ältere Patientin erhält eine Genugtuung von 4'000 Franken. Es sei schäbig, eine alte Dame, die ihrem Arzt vertraue, so schamlos sexuell auszunutzen, sagte der Gerichtspräsident. Ganz knapp komme er mit einem bedingten Strafvollzug davon. Einen Freispruch gab es für den Vorwurf, er habe eine Notlage mehrfach ausgenutzt.

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