«Mein ‹Guggeli› kommt und kommt nicht», sagt Heiri Lüthi aus Schlieren. Betroffen blickt er auf das leere Nest auf seinem Balkon. Es wäre bereits das achte Mal, dass er im Frühling Entenbesuch bekommt. So hat sich Lüthi auch dieses Jahr darauf gefreut. «Ich habe schon vor Wochen die Nestmulde gesäubert, damit sich die Ente auch heuer wohl an ihrem Brutplatz fühlt.»

Normalerweise habe sich die Ente Ende März im Spinea-Strauch, einem weissblühenden Busch mit dichtem Wuchs, niedergelassen. Es war jedes Jahr die gleiche Ente, dessen ist sich Lüthi sicher. Denn bei ihrem ersten Besuch markierte er einen grünen Punkt auf dem Schnabel des Tieres.

Hatte sie ihr Nest eingerichtet, legte die Ente jeweils nach rund einer Woche ihre Eier. Nach weiteren vier Wochen Brut watschelten die Entlein dann auf Lüthis Balkon herum. «Da musste ich manchmal auch als Adoptivvater einspringen», sagt er und lacht. Dabei habe er die Entlein mit Salatblättern versorgt und den Balkonboden mit Wasser benetzt.

Reden beruhigte die Entlein

Um den Marder zu vertreiben, der in den letzten Jahren immer wieder das Entennest aufsuchte, schützte Lüthi den Busch mit einem Netz. Manchmal stellte er sogar ein kleines Radio neben den Strauch, das ihn zusätzlich abschrecken sollte. Angst vor Lüthi selber habe die Entenfamilie nie gehabt. Um die Tiere zu beruhigen und ihr Vertrauen zu gewinnen, habe er, wann immer er auf dem Balkon war, mit ihnen geredet. Da kam es auch mal vor, dass er Entengeräusche imitierte, gibt er zu.

Diese Bemühungen muss der pensionierte Metzger dieses Jahr nicht mehr auf sich nehmen. Er vermutet, dass Krähen und Elstern der Grund dafür sind, dass sein «Guggeli» nicht mehr auf seinem Balkon brütet. «Diese Vögel sind aggressiv und machen Jagd auf andere», sagt er. Dies beobachte er immer wieder von seinem Balkon aus. Auch er sei schon einmal von solchen Vögeln angegriffen worden.

Der Schlieremer könnte sich auch vorstellen, dass sich die neuen Gebäude des Rietbach-Quartiers mittlerweile mitten in der Flugbahn der Enten befinden. Denn einige von ihnen fliegen von der Limmat beim Kloster Fahr über die Stadt zur reformierten Kirche in Schlieren. «Dort lassen sich Enten gern im kleinen Teich nieder», so Lüthi. Wovon der Rentner aber am ehesten ausgeht, ist, dass seine Ente altershalber verstorben ist. «Immerhin war sie bereits älter als acht Jahre», sagt er.

Von einem natürlichen Tod geht auch Josef Zihlmann aus. Der Tierarzt und Tierschützer aus Weiningen erklärt, dass wilde Enten im Schnitt sieben bis acht Jahre alt werden. Dies sei im Verhältnis zu Schwänen, die ein Alter von bis zu 20 Jahren erreichen können, wenig. Darum sei zu vermuten, dass Lüthis Theorie zutrifft.

Brut-Rhythmus bleibt gleich

Zwanzig bis dreissig Prozent der Enten hätten weniger Glück und würden vorher von Füchsen gefressen, bei der Entenjagd geschossen oder von freilaufenden Hunden tödlich verletzt, so Zihlmann. Zudem würden Enten oft gefüttert. So komme es auch hin und wieder zu Futtervergiftungen. Dass Lüthis Ente dieses Jahr verspätet auf seinen Balkon zur Brut kommt, glaubt Zihlmann nicht. «In der Regel suchen sich die Tiere jeden Frühling zum selben Zeitpunkt ihre Brutplätze aus», sagt er.

Lüthi will die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben. Sein Busch habe dieses Jahr spät grüne Blätter bekommen. Jetzt erst beginne er zu blühen. Vielleicht locke dies die Ente trotzdem nochmals an. Und bis sein «Guggeli» wieder kommt, tröstet ihn das tägliche Ständchen einer Amsel auf seinem Balkon.