Dietikon

Endo Anaconda mit einer berauschten Wucht in Dietikon

Das Motiv der Krise kehrt in Endo Anacondas Texten immer wieder.

Das Motiv der Krise kehrt in Endo Anacondas Texten immer wieder.

Endo Anaconda, Sänger von Stiller Has, las im Gemeinderatssaal von Dietikon aus seiner neusten Kolumnensammlung «Walterfahren». Und er weiss sich zu inszenieren – seine Geschichten sind mitreissend und meist unglaublich komisch.

Endo Anacondas raue Stimme lässt vermuten, was der Mann schon alles getrunken und erlebt hat. Gerade Anfang dieses Jahres hat ihm sein Lebensstil wieder einmal zugesetzt, der Schriftsteller und Sänger der Band Stiller Has lag mit einer Nierenkolik im Berner Inselspital. Alle Auftritte waren bis auf weiteres abgesagt oder verschoben. Umso erfreulicher war es, ihn am Dienstagabend die Bühne des Dietiker Gemeinderatssaals betreten zu sehen. Er las aus seiner neusten Kolumnensammlung «Walterfahren».

Vermehrt als Kolumnist tätig

Als Sänger und Texter von Stiller Has, mit denen der Sohn einer Österreicherin und eines Schweizers seit 1989 unterwegs ist, ist Anaconda längt über die Landesgrenzen hinaus bekannt. In letzter Zeit hat er sich dazu vermehrt als Zeitungskolumnist einen Namen gemacht. Was er zu sagen hat, funktioniert, ob Anaconda nun singt, schreibt oder einfach vor sich hin erzählt. Er weiss sich zu inszenieren – seine Geschichten sind mitreissend und meist unglaublich komisch.

Dabei sind seine Erzählungen alles andere als heiter, nicht ohne Grund fühlt er sich zum Lebensgefühl des Blues so hingezogen. Es geht meist um die eigene Vergänglichkeit, um berauschte Zustände und immer wieder um gesellschaftskritische und politische Themen. Das sei alles nur am Rande autobiografisch, meint Anaconda und nennt dies «den Alltag weiterschreiben». Doch man zögert keine Sekunde, seine Schilderung von Begegnungen mit viel jüngeren Frauen, von einem Drogenabsturz an einer Goa-Party oder sein Wettern gegen Christoph Blocher authentisch zu nennen.

Die Kolumnensammlung «Walterfahren» ist benannt nach seinem Mazda MX5, mit dem er in der ersten an diesem Abend gelesenen Kolumne durch die Gegend rast, nachdem er sich beim Rasieren blutig geschnitten und das Rasierwasser lieber in die Kehle als auf die Haut geschüttet hat. Die meisten seiner Geschichten basieren darauf, dass Anaconda unterwegs ist, meist allerdings zu Fuss mit einem Kinderwagen, demselben, den auch Renzo Blumental fahre. Da trifft er dann auf Leute wie Samuel Schmid, der vor dem Kleezentrum Spielzeugpanzer im Sandkasten vergräbt, oder gerät in skurrile Situationen, wie eine tantrische Hodenmassage gegen die Angst vor der Finanzkrise.

Das Motiv der Krise und ihrer Bekämpfung kehrt immer wieder. Anaconda erzählt von spirituellen Methoden, um «materialistische Verkrampfungen» zu lösen, oder vom Genuss eines luxuriösen Menus im Hotel Bellevue, um das Ganze besser ertragen zu können. Sein Blick auf die Schweizer Gesellschaft und ihre Politik ist kritisch und meist ziemlich zynisch. Hoffnung klingt jedenfalls anders.

Trost finden im Rausch

Trost bietet ihm da immer wieder der Rausch, ob es nun gewöhnlicher Jim Beam aus dem Fläschchen seiner Tochter oder eine Designerdroge ist, die ihm an einer Party ins Getränk gemischt wird. «Anaconda tanzt Techno», heisst es dann plötzlich und er eilt einer jungen Piratin nach, um sich dann immer weiter von der Musik zu entfernen und in die düstere Stadt zu gelangen, in der statt Party Business gemacht wird – nur auf Kokain statt auf Psychedelika.

Wie in den meisten seiner Kolumnen verschwimmen in der Goa-Episode Traum, Rausch, Realität und im Unterton nicht zuletzt eine bissige Kritik zu einem faszinierenden Konglomerat. Wer Anaconda beim Lesen zuschaut, spürt, welch zwingende Kraft diese Texte haben und ist froh, dass er wieder zurück auf der Bühne ist.

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