Sonntagsgespräch
Emil Schönmann: «Abfall ist Materie am falschen Ort»

Emil Schönmann ist seit 1999 Geschäftsführer der Limeco, die aus dem Kläranlagenverband Limmattal, KVL, entstanden ist. Heute ist die Limeco nebst der Kläranlage auch für die Abfallbewirtschaftung zuständig. Sie bearbeitet pro Jahr 85000 Tonnen Abfall aus dem Limmattal, dem Knonaueramt und dem Furttal.

Flavio Fuoli
Merken
Drucken
Teilen
Emil Schönmann, Geschäftsführer der Limeco, wünscht sich eine bessere Infrastruktur nach dem Vorbild des Kantons Zug. Foto: Flavio Fuoli

Emil Schönmann, Geschäftsführer der Limeco, wünscht sich eine bessere Infrastruktur nach dem Vorbild des Kantons Zug. Foto: Flavio Fuoli

Herr Schönmann, freut es Sie, wenn die Leute möglichst viel Abfall produzieren? Schliesslich bringt Ihnen das Arbeit.

Emil Schönmann: Es freut mich nicht, wenn die Leute uns möglichst viel Abfall bringen. Sie sollen uns den richtigen Abfall bringen.

Wie meinen Sie das?

Der Abfallmanager

Emil Schönmann ist gelernter Ingenieur und arbeitet seit August 1998 für die Limeco. Seit 1. Januar 1999 ist er deren Geschäftsführer. Früher hiess die Limeco allerdings noch Kläranlagenverband Limmattal. Schönmann ist 63, verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Seine Hobbys sind Kochen, Klavierspielen, Fotografieren und etwas Spezielles: Er hegt und pflegt einen Oldtimer, einen alten Alfa Romeo. (fuo)

Zu uns sollte nur Abfall kommen, der sich nicht vermeiden oder sich nicht anderweitig sinnvoll wiederverwerten lässt. Damit haben wir immer noch genug Arbeit.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Abfall um?

Nach dem obigen Prinzip. Ich versuche zuerst zu vermeiden und anderweitig zu verwenden. Der Rest kommt in den Abfall.

Sie sind der Chef der Kehrichtverbrennungsanlage in Dietikon. Welches Verhältnis haben Sie zum Abfall?

Für mich ist Abfall ein Wertstoff, der sich wiederverwerten lässt, sei es mit konventionellem Recycling oder thermischem Recycling. Zudem erhält er oft wertvolle Energie, die genutzt werden kann. Schon 1981 hat Michael Thomsen in seiner Theorie des Abfalls festgestellt, dass Abfall Materie am falschen Ort ist.

Limeco verbrennt nicht einfach Abfall, sondern produziert auch Prozesswärme für die Industrie und Strom. Wie wichtig ist sie für die Energieversorgung der Region?

Heute beschränkt sich die Wärmeabgabe noch auf das Industriegebiet Dietikon. Dadurch können schon heute rund drei Millionen Liter Heizöl pro Jahr eingespart werden, das einer CO2-Reduktion von 8000 Tonnen entspricht. Ich denke, es ist für die Region ein Glücksfall, dass sie eine solch umweltfreundliche Energieerzeugung besitzt. Wir sprechen deshalb heute nicht mehr von einer Kehrichtverbrennungsanlage, sondern von einem Kehrichtheizkraftwerk.

Dank der Anlage sparen wir einiges an Energie.

Aus dem Abfall der Region kann die Region Energie beziehen und ist somit unabhängiger und umweltfreundlicher, als wenn sie Gas oder Heizöl verwendet. Nicht vergessen darf man die Nutzung unserer Abwärme aus der Abwasserreinigungsanlage. Der neue Dietiker Stadtteil Limmatfeld wird mit dieser Abwärme beheizt, und zwar für Warmwasser und Raumheizung.

In Zukunft kommt den Abfallverbrennungsanlagen eine noch grössere Bedeutung zu. Können Sie einen Beitrag zum Atomausstieg leisten?

An allen erneuerbaren Energien in der Schweiz haben die Kehrichtheizkraftwerke, abgesehen von der Wasserkraft, mit Abstand den grössten Anteil, also leisten sie heute schon einen entsprechenden Beitrag. Der würde sich noch steigern lassen durch Investitionen zur Wirkungsgradverbesserung. Heute sind die Strompreise auf dem Markt so tief, dass sich solche Investitionen ohne Fördergelder, wie zum Beispiel für Sonnenenergie, oft nicht amortisieren lassen.

Was heisst «Wirkungsgradverbesserung» in diesem Falle? Lässt sich die Energieausbeute in Dietikon noch steigern, zum Beispiel mit technischen Innovationen?

Die Ausbeute lässt sich nicht nur in Dietikon steigern. Heute produzieren wir wenig Fernwärme, aber entsprechend mehr elektrischen Strom. Der Wirkungsgrad bei der Fernwärme ist aber ungefähr um den Faktor vier besser als beim Strom. Wir planen deshalb das Fernwärmenetz auszubauen von Schlieren bis Spreitenbach. Das neue Limmattalspital in Schlieren soll an die Fernwärme angeschlossen werden. Kommt die Limmattalbahn, können wir parallel zum Trassee auch unsere Fernwärmeleitung vorantreiben. Das gibt erhebliche Kosteneinsparungen. Deshalb sind diese Leitungen in den heutigen Plänen für die Limmattalbahn schon eingezeichnet.

Welche Entwicklung werden die Abfallverbrennungsanlagen nehmen?

Schon heute wiederverwerten wir zum Beispiel mehr Aluminium aus der Schlacke als aus dem konventionellen Alu-Recycling. Das Thermo-Recycling mittels eines Kehrichtheizkraftwerks hat eine grosse Zukunft. In der Anlage des Zentrums für nachhaltige Abfall- und Ressourcennutzung in Hinwil läuft eine Versuchsanlage mit dem sogenannten «Thermo-Re-Verfahren», welche es ermöglicht, auch kleinste Metallpartikel aus der Schlacke des Kehrichtheizkraftwerks zurückzugewinnen. Die Kehrichtheizkraftwerke des Kantons Zürich haben die ZAV Recycling AG gegründet und bauen eine zentrale Schlackenaufbereitungsanlage, wo in Zukunft alle Kehrichtheizkraftwerk-Schlacke des Kantons nach dem Thermo-Re-Verfahren aufbereitet werden soll.

Was kann man davon erwarten?

Dass man auch Edelmetalle wie Gold herausnehmen kann. Viele Dinge sind dünn mit Gold beschichtet. In der Masse lohnt es sich, dies zu tun. Es lohnt sich auch finanziell. Das Ziel ist also, Metallstäube zurückzugewinnen.

In jüngerer Zeit werden die Anlagen als regelrechte Goldgruben betrachtet, aus denen Rohstoffe zur Wiederverwertung gewonnen werden; Stichwort urban mining. Sehen Sie das auch so?

Ja, es werden heute schon grosse Mengen Metall aus der Schlacke zurückgewonnen. Nur ist es wenig bekannt in der Öffentlichkeit. Die Umwelt-Arena Spreitenbach zeigt in ihrer «Recycling City» diese Entwicklung bei der thermischen Abfallverwertung auf. Das zeigt auch, dass die Kehrichtheizkraftwerke keine Konkurrenz zum konventionellen Recycling sind, sondern mit ihrem Thermorecycling eine notwendige Ergänzung dazu. Für mich gilt: Dort, wo das konventionelle Recycling nicht mehr weiterkommt, hilft das thermische Recycling der Kehrichtheizkraftwerke.

Wie wird sich die Dietiker Anlage entwickeln?

2012 hat der Kanton zusammen mit den Betreibern von Kehrichtheizkraftwerken eine Kapazitäts- und Standortstudie durchgeführt. Es ging darum, langfristig festzulegen, welche Standorte beibehalten werden, allenfalls ausgebaut oder auch rückgebaut werden sollen. Dabei wurden noch verschiedene Abfallszenarien untersucht. Als einzige Anlage im Kanton Zürich ist für die Anlage in Dietikon geplant, dass sie für alle Szenarien ausgebaut werden sollte. Als Zeitpunkt ist das Jahr 2030 vorgesehen.

Wie wird sich die Abfallmenge entwickeln. Reicht das flächendeckende Recycling, oder müssen weiterreichende Massnahmen ergriffen werden, um Abfall zu vermeiden?

Langjährige Statistiken zeigen, dass der Abfall, respektive die Materie am falschen Ort gemäss Michael Thomson, pro Person recht konstant ist. Die Frage ist, was macht man damit? Gelingt es uns, den Abfall, also die Materie, möglichst wieder an den richtigen Ort zu bringen, also umweltschonend wiederzuverwerten? Haben wir dann eigentlich keinen Abfall mehr? In der Fachsprache sagt man dem «die Kreisläufe schliessen».

Sie verbrennen auch Schlamm aus der Kläranlage. Könnte man den nicht sinnvoller einsetzen, etwa als Dünger?

Es ist seit 2005 verboten, Klärschlamm als Dünger einzusetzen. Der Schlamm muss thermisch verwertet werden. Zurzeit wird im Werdhölzli eine zentrale Klärschlammverbrennungsanlage für den Kanton Zürich geplant. Aus der dort anfallenden Klärschlammasche soll in Zukunft Phosphor zurückgewonnen werden, welcher als Dünger wiederverwertet werden kann.

Was ist Ihr Wunsch bezüglich des Abfallverhaltens der Limmattaler Bevölkerung?

Neben dem Littering-Problem finde ich persönlich das Verhalten den Umständen entsprechend gut. Möchte man ein noch besseres Verhalten, muss man eine bessere Infrastruktur bieten. Vorbild ist für mich in dieser Hinsicht der Kanton Zug mit seinen Öki-Höfen. Diese Sammelstellen sind bei der Bevölkerung so beliebt, dass sie ausserkantonalen Bürgern den Zutritt verbieten mussten, weil sie diese Mehrmengen gar nicht mehr bewältigen konnten. Ich denke, wir können uns im Limmattal noch weiterentwickeln. Limeco möchte auch hier einen Beitrag leisten, damit wir, ähnlich wie der Kanton Zug, eine über alle Trägergemeinden optimierte Abfallsammlung haben, welche der Bevölkerung hilft, ihren Abfall optimal zu entsorgen.