Schlieren
Elisabeth Binder über Sonnenlicht und Schatten im Bergell

Zum Auftakt des Lesezyklus der Kulturkommission las Elisabeth Binder in der Bibliothek aus ihrem Roman «Der Wintergast».

Christian Murer
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Elisabeth Binder. mu

Elisabeth Binder. mu

Unter dem Titel «Literatur am Mändig» eröffnete die Schweizer Schriftstellerin Elisabeth Binder den Literaturzyklus 2012. An den kommenden Montagen werden Esther Pauchard und Lukas Hartmann ihre Bücher vorstellen. All ihre Geschichten drehen sich um Licht und Schatten, um helle und dunkle Tage, um Hoffnung und zerstörtes Glück, um Geborgenheit und um Verlust, um Schmerz und Tod.

Drei Monate ohne Sonne

In ihrem vierten Roman «Der Wintergast» porträtiert die preisgekrönte Autorin in einer eindringlichen Prosa und einer sehr eigenwilligen Satzstellung ein beinahe unscheinbares Dorf im Schatten dominanter Berge an der italienischen Grenze. Der Ort ist im Roman zwar nicht genannt. Aber es ist unverkennbar Bondo im Bergell – ein Ort, wo im Winter während dreier Monate kein Strahl Sonne hinkommt, da er zu nah an den hohen Bergen des Bondascatals liegt.

Berge, die neulich von sich reden machten, da sich am Piz Cengalo ein grosser Felssturz ereignet hat. «Ich war selber noch in dem Tal im letzten Herbst, allerdings nicht so nah an den hohen Bergen, dass uns der Bergsturz hätte gefährlich werden können», sagte Binder bei ihrer Einführung.

Blick auf verschiedene Charaktere

In dieser kleinen Welt also schickt die Schriftstellerin ihre Charaktere nacheinander ins Rampenlicht: die zweifelnde Pfarrerin Maddalena und den jungen Künstler Andreas aus der Stadt sowie einen kranken Adler. Sie werden den Winter in dem herrschaftlichen Palazzo bei Susanna, einer ehemaligen Opernsängerin, verbringen, die in ihrem Herrschaftshaus nicht nur verunglückte junge Künstler aufnimmt, sondern auch eine Greifvogelstation führt.

Da sind die Schwestern Ada und Franca, die Tag für Tag in ihrem kleinen Dorfladen sitzen. Es kommt auch Andrea vor, ihr Vater und ihre Grossmutter sowie der Berggeist, der traurig ist, weil ihn niemand mehr sehen kann. So lässt Elisabeth Binder den Leser durch ein Guckloch auf eine Handvoll Figuren blicken, während ein Winter kommt und geht.

Winziger Kosmos

Kulisse und Hauptdarsteller zugleich ist die Natur, das Erhabene der Schöpfung. Es ist ein winziger Kosmos von Figuren, die in dem Roman wichtig werden. Und auch mit ihnen geschieht auf unterschiedliche Weise etwas in diesem Winter. Nichts Spektakuläres allerdings, aber das, was man gewöhnlich als spektakulär anzusehen pflegt, gibt es sowieso nicht in diesem Roman. Dieser unterscheidet sich vom Landläufigen auch dadurch, dass Licht und Schatten zwar das Leben aller Figuren prägen, aber doch das Licht den Schatten verdrängt, wie es auch die Sonne tut, wenn sie im Frühling wieder über die Berge kommt.

Elisabeth Binder las nach der Einführung das ganze vierte Kapitel mit dem Titel «Letzter Schnee». Es zeigt zum ersten Mal den jungen Mann Andreas als Künstler. Dabei erhält – dem Ort entsprechend – auch Alberto Giacometti, der ja aus dem Bergell stammt, seine Bedeutung.