Schlieren
Einst ein Sport für Helden, ist Klettern heute massentauglich

Patrick Hilber eröffnete vor 20 Jahren das erste Kletterzentrum im Kanton Zürich.

Anina Gepp
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Kletterzentrum Schlieren
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Klettern: Auch ein Spass für Kinder.
Kletterzentrum Gaswerk
Kletterzentrum von aussen

Kletterzentrum Schlieren

Anina Gepp

Leichtfüssig erklimmt Patrick Hilber die schwarz gekennzeichnete Route an der Kletterwand. Griff um Griff gewinnt er an Höhe. Weder die 17 Meter, die Hilber nun vom Boden trennen, noch die überhängenden Wände scheinen dem erfahrenen Bergsteiger etwas auszumachen. In einem Zug erreicht der Geschäftsführer des Kletterzentrums Gaswerk die Decke der Halle.

Die Skizze für die erste dieser Hallen auf dem Gaswerkareal in Schlieren hat Hilber vor über 20 Jahren entworfen. Damals dachte er erst noch an einen Trainingsort für sich und seine Freunde. Denn rund um die Stadt Zürich gab es in den 1990er-Jahren noch keine Möglichkeiten, um den Sport auszuüben. Dass er aber einmal Inhaber von einem der grössten Kletterzentren weltweit sein würde, ahnte Hilber damals nicht. «Nie hätte ich gedacht, dass daraus mein neuer Beruf wird», sagt er.

So teuer wie ein Hallenbad

Schon als die erste Halle im Jahre 1994 eingeweiht wurde, war der Andrang riesig. Sportler aus der ganzen Schweiz kamen nach Schlieren, um das Indoor-Klettern auszutesten. Bald folgte der Bau einer zweiten, dritten und schliesslich vierten Halle. «Wir kamen gar nicht mehr nach. Vor allem die Finanzierung bereitete uns zeitweise grosse Sorgen», so Hilber. Ein ganzes Kletterzentrum zu unterhalten, koste in etwa so viel wie die Wartung eines Hallenbads. Dennoch habe er immer den Anspruch gehabt, eine Vorzeigeanlage zu betreiben, die neusten Techniken anzubieten und die Halle auf dem besten Stand zu halten.

In einer Halle zu klettern, sei vor 20 Jahren ganz neu gewesen. «Durch das Indoor-Angebot ist Klettern zu einem Breitensport für Jung und Alt geworden», so Hilber. Früher ein Sport für Waghalsige, sei das Bezwingen von verschiedenen Routen nun massentauglich. Heute sorgen rund 100 Mitarbeiter dafür, dass im Kletterzentrum Gaswerk alles reibungslos funktioniert. Sogar die Sekretärin klettert mittlerweile. Einmal angefangen, sei es ein Sport mit Suchtpotenzial, sagt Hilber. Selbst erklimme er zwei bis drei Mal in der Woche die Wände. Lasse es die Zeit zu, gerne auch öfter.

Wenn Hilber übers Klettern spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. In den 38 Jahren, in denen der Geschäftsmann dem Sport nun verfallen ist, hat er schon allerlei Verrücktes ausprobiert: etwa einen Handstand auf einer Bergspitze, das Abseilen auf einem Rollbrett oder Steileisklettern mit selbstgebogenen Pickeln.

So gefährlich Hilbers eigene Aktionen teilweise auch waren: Sicherheit wird im Kletterzentrum Gaswerk gross geschrieben. Das Verletzungsrisiko sei im Vergleich zu anderen Sportarten gering. Auch die Ausrüstung sei extrem sicher geworden, so Hilber. Klettern könne man zudem bis ins hohe Alter. «Jeder, der eine Leiter hinaufkommt, kann auch klettern.» Wichtiger als die Muskeln sei sowieso der Kopf: Die Bewegungsabfolgen und die Routen müssten geplant werden, damit sie am Schluss aufgehen und man in einen Rhythmus komme.

Die Überwindung, die es braucht, um neue Routen zu klettern, tue zudem der Psyche gut. Dadurch lebe man intensiver. Und auch die Höhenangst könne man bewältigen. «Klettern ist uns allen sehr nahe. Alle Kinder klettern auf Bäume», so Hilber.

Beim Klettern sind alle per Du

Im Schlieremer Kletterzentrum begeistern sich fast ebenso viele Frauen wie Männer für den Sport. Viele Gäste sind Akademiker, doch auch Büroangestellte und Handwerker sehen Klettern als willkommenen Ausgleich zum Alltag. Sowieso spiele es keine Rolle, welchen Hintergrund man habe, sagt Hilber. Sobald man die Hallen betrete, sei man per Du mit jedem. Während des Kletterns sei sogar die politische Gesinnung des Gegenübers nicht von Bedeutung. «Man konzentriert sich nur auf sich und seine Route.»