«Wie viel geben fünf Rosinen minus zwei Rosinen?» Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: «Drei», rufen die neun Schülerinnen und Schüler aus Lotti Kellers Einschulungsklasse im Schulhaus Oberengstringen laut durcheinander. Nach der vollbrachten Rechnung schieben sie sich die Rosinen in den Mund. So scheint Rechnen Spass zu machen.

Drei Mädchen und sieben Jungen zwischen sechs und sieben Jahren bereitet die ausgebildete Lehrerin in Integrativer Förderung (IF) dieses Jahr auf den Eintritt in die erste Klasse vor. Sie alle gelten als noch nicht oder zu wenig schulreif. Die Gründe dafür variieren von Kind zu Kind. Einigen mangelt es eher an kognitiven Fähigkeiten, bei anderen sind es Schwierigkeiten mit Motorik oder Sozialkompetenz, die sie von anderen Gleichaltrigen unterscheiden. Gemeinsam haben sie aber eines: Sie alle besuchen die Einschulungsklasse mit dem Ziel, in einem Jahr allfällige Entwicklungsrückstände aufzuholen.

Nicht in jeder Gemeinde existiert dieses Angebot. Keller unterrichtet die Einschulungsklasse in Oberengstringen seit fünf Jahren alleine. Davor hatte sie die Klasse gemeinsam mit einer Kollegin in kleinerem Pensum betreut. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung war es ihr möglich, die Weiterbildung zur IF Lehrperson an der Hochschule für Heilpädagogik berufsbegleitend und innerhalb von nur zwei Jahren zu absolvieren.

«Mit jeder neuen Klasse braucht es vor allem am Anfang sehr viel Geduld», sagt Keller. Das Wichtigste sei es, die Schüler und Schülerinnen an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen. Zu diesem Zweck stellen sie jeden Morgen gemeinsam den Kalender ein. Nebst dem Datum stellt er das aktuelle Wetter und den Stundenplan zur Schau. Solche Abläufe gäben den Kindern Halt, erklärt Keller.

Die Lehrerin spricht mit ihren Schülern im Unterricht konsequent Hochdeutsch. Das ist heutzutage an allen Zürcher Schulen Vorschrift. Lieder und Verse vermittelt sie den Kindern aber auch in Mundart, denn sie findet: «Schweizerdeutsch darf als Kulturgut ja nicht vergessen werden.» Der Wechsel stelle für die Kinder kein Problem dar. Wenn es doch einmal zu Verständnisproblemen bei der Schriftsprache kommt, wiederholt Keller den Satz zuerst auf Schweizerdeutsch und liest ihn erst danach erneut auf Hochdeutsch vor. Mit dieser Methode erziele sie gute Erfolge.

Der grosse Vorteil an der Einschulungsklasse ist die Intimität der Gruppe. In Oberengstringen werden nur neun Schüler pro Klasse zugelassen, dieses Jahr sind es ausnahmsweise zehn. Dies und die Tatsache, dass keine Lernziele der Primarstufe erreicht werden müssen, erlauben es Keller, jeden Schüler individuell zu betreuen. Hausaufgaben können an die Stärken und Schwächen der Kinder angepasst werden. Manchmal, sagt sie, gäbe sie ihren Schülern sogar mehr Hausaufgaben als die Erstklasslehrerinnen. Sie werden in der Regel vorbildlich gelöst, sagt sie. Die Rolle der Eltern ist dabei von grosser Bedeutung. Sie sollen ihre Kinder dabei unterstützen, die Hausaufgaben aber nicht für sie lösen. Wo das vorkommt, sucht Keller das Gespräch. Überhaupt tausche sie sich häufig mit den Eltern aus. Nicht selten werden für die persönlichen Treffen wie Zeugnisgespräch und Standortbesprechung Dolmetscher eingesetzt. In Oberengstringen wohnen viele Familien mit Migrationshintergrund, nicht alle Eltern sprechen Deutsch. Dass sich in der diesjährigen Klasse kein Schweizer Kind befindet, sei aber ein Zufall. «Die Einschulungsklasse ist nicht für Kinder, die kein Deutsch sprechen», erklärt sie. Sondern für solche, die mehr Zeit brauchen, um sich auf den Schulalltag vorzubereiten.

Bei den meisten Kindern machen sich Mühe mit Motorik, Sprache und Wahrnehmung bereits im Kindergartenalter bemerkbar. Wenn das so ist, haben die Kindergärtnerinnen in Oberengstringen die Möglichkeit, Kinder für die Einschulungsklassen vorzuschlagen. Ohne die Einwilligung der Eltern werden aber keine weiteren Schritte eingeleitet. Deren erste Reaktion sei oftmals abweisend, sagt Keller. Die grösste Sorge, dass mit dem Kind «etwas nicht stimmt», könne in den meisten Fällen allerdings in einem Gespräch aus der Welt geräumt werden. Keller fordert skeptische Eltern auf, eine Unterrichtsstunde zu besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen. Auf diese Art und Weise können sie sich versichern, dass die Einschulungsklasse keineswegs, wie viele befürchten, einem weiteren Jahr Kindergarten entspricht.

Den Vorwurf, dass lernschwache Schüler durch solche Klassen von den anderen separiert werden, weist Keller von sich: «Wir sind gut ins Schulhaus integriert und gehören fest zur Unterstufe.» Der wichtigste Austausch findet auf dem Pausenhof statt. Die Schüler sämtlicher Klassen vermischen sich und spielen oder streiten zusammen. Dass die Schüler aus ihrer Klasse anders behandelt oder gar gehänselt werden, hat die Lehrerin noch nie erlebt. «Wenn, dann sind es eher meine Kinder, die jemanden ärgern», witzelt sie. Einmal in der Woche turnen sie gemeinsam mit der Halbklasse einer ersten Klasse, das gäbe den Schülern ein Gefühl für die spätere Klassengrösse. Auch an Anlässen wie dem Sporttag, Schulreisen oder Projektwochen nehmen sie teil.

Keller ist Feuer und Flamme für die Einschulungsklasse. Nur ganz selten sei es vorgekommen, dass Schüler aus ihrer Klasse sich nicht im Schulalltag «der grossen ersten Klasse» zurechtfanden. Oft zählten ihre Schüler anfangs sogar zu den Klassenbesten, sagt sie, da sie bereits mit den Strukturen vertraut sind. In den meisten Fällen folge auf das Einschulungsjahr eine erfolgreiche Primarschulzeit. Letztes Jahr hat einer ihrer ehemaligen Schüler gar die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bestanden.

Montags dürfen die Kinder jeweils von ihrem Wochenende erzählen. Nikola war an der Hochzeit einer Verwandten und erzählt seinen Mitschülern, was er erlebt hat. Sofort beginnt ein lautstarkes Geplauder, jeder teilt seine eigenen Hochzeitserlebnisse mit. Geduldig leitet Keller das Gespräch und fordert die Schüler dazu auf, ihren Kameraden zuzuhören und ihnen auch einmal eine Gegenfrage zu stellen. Als es klingelt, springen sie auf und packen ihre Sporttaschen. Als Nächstes geht es in den Schwimmunterricht.