Urdorf
«Einmal wollte mir einer an die Gurgel»: Hans Karrer feiert sein 30-Jahr-Dienstjubiläum

Hans Karrer, Leiter der Schulverwaltung, hat am Freitag sein 30-Jahr-Dienstjubiläum – das ist Kantonsrekord.

David Egger
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Hans Karrer: «Ein Vorschlag wäre, dass Lehrpersonen alle fünf Jahre für ein Jahr in die Privatwirtschaft gehen.»

Hans Karrer: «Ein Vorschlag wäre, dass Lehrpersonen alle fünf Jahre für ein Jahr in die Privatwirtschaft gehen.»

SEVERIN BIGLER

Als die Urdorferinnen und Urdorfer vor einem Jahr Nein zur Einheitsgemeinde stimmten, sagten sie auch Ja dazu, wie die Urdorfer Schule war und ist – nämlich immer mal wieder einen Schritt voraus. So wie 1970, als die Schulpflege als eine der drei ersten im Kanton eine Schulsekretär-Stelle schaffte und sie mit Peter Schweizer besetzte. Als dessen 17-jährige Amtszeit zu Ende ging, sass Hans Karrer bei der Laufbahnberatung in Dielsdorf, weil ihm sein Job als Marketingplaner nicht mehr passte.

Der Berater legte Karrer das Urdorfer Stelleninserat auf den Tisch und fragte, ob er nicht für eine Schule arbeiten wolle, stammt er doch schliesslich aus einer Lehrerfamilie. «Und jetzt bin ich 30 Jahre da», sagt Hans Karrer. Eine Zeitspanne, in der eine Reform die andere jagte und die Funktion in Leiter Schulverwaltung umbenannt wurde. Zusammen mit seinem Amtskollegen in Horgen ist Karrer nunmehr der amtsälteste Leiter Schulverwaltung im ganzen Kanton. Zeit für ein Gespräch in der Schulverwaltung im Embri, wo inzwischen vier Personen in einem Totalpensum von 320 Prozent arbeiten.

Hans Karrer, haben Sie 1987 gedacht, dass Sie so lange in Urdorf bleiben?

Hans Karrer: Ich habe mir darum keine Gedanken gemacht. Aber von Anfang an spürte ich die spezielle Atmosphäre und den Goodwill, den der Schulpräsident Walter Müller mir entgegenbrachte. Unter ihm arbeitete ich drei Jahre lang. Die Arbeit war sensationell. Schnell habe ich gemerkt, dass man an dieser Schule etwas bewirken kann. Das war natürlich lässig.

Zur Person: Der Rümlanger Jazz-Fan im Thurgau

Hans Karrer ist 60 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Rümlang. Er arbeitete zuerst als eidgenössisch diplomierter Marketingplaner, bevor er zur Urdorfer Schulverwaltung wechselte. Sein Vater war Sek-Lehrer, seine Mutter Primarlehrerin und Logopädin. Er wohnt in Pfyn im Kanton Thurgau und ist jazzbegeistert. Er spielt auch selber Piano. 13 Jahre lang wirkte Hans Karrer zudem im Vorstand der Vereinigung des Personals Zürcherischer Schulverwaltungen. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Wie viele Lehrer waren es damals?

Heute sind es knapp 100, damals war es gut die Hälfte. Zudem waren es damals 850 Schüler, heute sind es 1100 Schüler.

Wie stark haben sich die Schulpräsidenten in den 30 Jahren unterschieden?

Jeder hat seine ganz eigene Art. Nach Walter Müller kam Alfons Jörger, der eineinhalb Jahre später Chef von Sulzer in Warschau wurde, weshalb Marion Schlatter für ihn einsprang. Unter ihr habe ich etwa gleich lang gearbeitet wie jetzt unter Stefan Zehnder. Frauen und Männer denken anders. Es war sensationell, unter einer fraulichen Führung zu arbeiten. Der heutige Schulpräsident Stefan Zehnder, ein Bauunternehmer, ist natürlich auch speziell. Er weiss, was er an uns hat, ist aber auch fordernd. Er treibt uns zu Höchstleistungen.

Wie oft treffen Sie sich denn mit den Behördenmitgliedern?

Mit dem Schulpräsidenten und der Präsidentin der Schulleiterkonferenz treffe ich mich eigentlich jeden Dienstag. Auch mit dem Liegenschaftenvorstand René Eberle, der Finanzvorsteherin Irmgard Struchen und der Vizepräsidentin und Sonderpädagogikvorsteherin Françoise Schellmann habe ich jede Woche zu tun. Ich unterstütze die Schulpflege bei den rechtlichen Sachen und muss gegenüber der Politik für das Gesamtbudget geradestehen.

2007 sorgte die Schule Urdorf für nationale Schlagzeilen, als die Gemeindeversammlung die EVP-Initiative für ein Handyverbot an der Schule angenommen hatte. Gilt dieses noch?

Ja, aber die ganze Informatik-Welt hat sich so geändert, dass man eigentlich versucht, das Handy in beschränktem Mass in den Unterricht zu integrieren, so wie die Tablets. Das Spielen im Unterricht ist natürlich zu unterbinden und das Verbot gilt auch auf dem Pausenplatz. Die Lehrerschaft versucht es durchzuziehen. Die Schulleitung zieht denn auch hie und da Handys ein. Es kann schon sein, dass irgendwann die Frage aufkommt, ob das Verbot nun ein alter Zopf ist oder nicht.

In Ihrer Amtszeit gab es auch unzählige Reformen auf kantonaler Ebene, so zum Beispiel vor zehn Jahren das neue Volksschulgesetz. Damals äusserten Sie die Befürchtung, dass die Pädagogik zu kurz kommen könnte. Ist es gekommen wie befürchtet?

Schwierig zu sagen. Ich finde einfach, dass die ganze Reformitis dazu führt, dass die Lehrer von zu vielen administrativen Sachen vereinnahmt werden. Mein Team und ich wollen dafür da sein, die Lehrerschaft und die Schulleitungen von administrativem Ballast zu entlasten. Ich bin der Überzeugung, dass dieser Ballast heute zu gross ist. Der Lehrer hat die Kernaufgabe, die Schüler zu bilden. Aber dieser Teil, der die Lehrerschaft absorbiert, der wächst und wächst. Zum Beispiel gilt mit dem neuen Berufsauftrag ab Sommer 2018 die Pflicht, dass Lehrer ihre Arbeitszeit erfassen müssen. Dabei ist es doch bisher gut gelaufen. Nur haben gewisse Leute das Gefühl, Lehrer würden zu wenig arbeiten. Es ist ein schwieriges Thema.

Wie haben sich die Lehrer verändert?

Früher haben viele Lehrer diesen Job aus Berufung gemacht. Ich bin nicht sicher, ob die Berufung heute noch die gleiche Rolle spielt wie damals. Aber wichtig ist ja die Arbeit, die sie machen. Und die ist in Urdorf sehr gut. Geändert hat sich auch, dass der Lehrerberuf ein Frauenberuf geworden ist. Als ich hier anfing, waren es 40 Prozent Männer, jetzt sind es 10 Prozent.

Beschäftigt Sie das? Schliesslich wird ja manchmal diskutiert, ob Jungs heute zu wenig Männer um sich haben.

Mich persönlich berührt diese Frage überhaupt nicht. Zum einen, weil die Frauen nicht minder stark sind, und zum anderen, weil es nicht viele Unterschiede gibt. Einer ist vielleicht, dass wenn es zu Problemen kommt, sich die Eltern erlauben, eine Frau mehr in den Senkel zu stellen als einen Mann. Das merken wir schon. Der unterschiedlich hohe Anteil hat natürlich auch mit den Löhnen zu tun. Als mein Vater Lehrer war, waren die Lehrerlöhne absolute Spitzenlöhne. Heute findet man mit der Lehrerausbildung besser bezahlte Jobs in der Privatwirtschaft. Da hat man dann zwar nicht mehr 13 Wochen unterrichtsfreie Zeit, aber dafür auch nicht den Stress, den Psycho-Stress, den der Lehrerberuf manchmal mit sich bringt.

Apropos Stress: Fahren Sie eigentlich immer noch jeden Tag mit dem Auto aus dem Thurgau nach Urdorf?

27 Jahre lang habe ich das gemacht. Aber irgendwann hat mich der Stau dann psychisch fertiggemacht. Seit rund drei Jahren nehme ich meistens den Zug. Natürlich habe ich 90 Minuten Fahrt, aber heute hat man ja extrem viele Mails. Die kann ich dann zum Beispiel abarbeiten.

Gab es Konflikte, die Ihnen besonders geblieben sind? Sie sind ja bei amtlichen Vorladungen von Eltern dabei.

Ich bin ein Mensch, der nicht gerne Konflikte hat. Das heisst aber nicht, dass ich ihnen aus dem Weg gehe. Einmal kam ein Vater in meinem Büro auf mich los und wollte mir an die Gurgel. Ich musste mich wirklich wehren. Da haben wir dann darüber diskutiert, ob wir neue Sicherheitsvorkehrungen einführen müssen. Das war wirklich heavy. Diese Eltern haben uns fünf Jahre lang stark beschäftigt. Die Aggression ging mir nahe, weil ich der bin, der zu vermitteln und eine beruhigende Funktion einzunehmen versucht. Auch der Schulpräsident macht das wirklich sehr gut, er hat das bestens im Griff.

Was ist Ihnen in den 30 Jahren jeweils am nächsten gegangen?

Am nächsten geht es mir immer, wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer früh stirbt.

Was war der schönste Moment?

Es gibt sehr viele schönste Momente. Für mich waren es immer die jährlichen Examenessen zum Schulschluss und die Tagungen, welche alle vier Jahre für die gesamte Schulbelegschaft stattfinden, das sind absolute Highlights. Events zu organisieren, ist mein Steckenpferd. Im Juni war es wieder so weit, wir gingen für zwei Tage in die Kartause Ittingen und hatten viele Workshops. Da gehörte zum Beispiel das Referat eines Pädagogikprofessors, eine Ernährungsberatung und eine Weiterbildung in Sachen Krisenintervention dazu. Ich schätze es, dass mir in Urdorf die Möglichkeit gegeben wurde, das Schulschlussessen und die Tagungen weiterzuentwickeln.

Dazu noch eine unbequeme Frage...

Sie dürfen alle Fragen stellen.

Könnte man nicht viel Geld sparen ohne das schöne Schulschlussessen?

Die Frage verstehe ich, aber wir wollen den Angestellten Ende Jahr etwas bieten. Zudem haben wir mal einen Kostenvergleich mit der Politischen Gemeinde gemacht, was Anlässe anbelangt. Es hält sich die Waage, wir sind sogar etwas günstiger. Auch andere Schulen machen solche Anlässe. Wallisellen zum Beispiel gibt mehr Geld dafür aus. Wir geben einfach jedes Jahr rund 20 000 Franken aus fürs Schulschlussessen. Man will den Angestellten etwas zurückgeben. Das ist die klare Haltung von Schulpräsident Zehnder und es war auch die klare Haltung von Marion Schlatter. Das befürworte ich und weiss es zu schätzen.

Sie haben damals die Umbenennung von Schulsekretär auf Leiter Schulverwaltung angeregt. Was würden Sie heute ändern? Sie hätten wohl einige Ideen.

Nun gut, ich bin nur der Verwalter und kein Pädagoge. Ein Vorschlag von mir wäre zum Beispiel, dass Lehrpersonen alle fünf Jahre für ein Jahr in die Privatwirtschaft gehen. Das wäre im Interesse der Unternehmen, wenn die Lehrer den Zugang zur Wirtschaft besser finden. Ich sah es bei meinem Vater: Du gehst in die Schule und gibst nachher Schule. Das wäre sicher nützlich, wenn mehr Erfahrungen aus der Privatwirtschaft in die Schule einfliessen würden. Es wäre wohl schwierig umzusetzen. Aber es ist mir wirklich ein grosses Anliegen, das ich vielleicht weiterverfolge, wenn ich mich in drei oder vier Jahren pensionieren lasse. Ich meine diesen Vorschlag nicht als Kritik, sondern als Förderung der Lehrerschaft.

Hat der Schulverwalter überhaupt selber einen Draht zur Wirtschaft?

Seit meinem Stellenantritt habe ich immer versucht, Urdorfer Firmen auf unsere öffentlichen Beschaffungen hinzuweisen und so im gesetzlichen Rahmen einen gewissen Einfluss auf die Auftragsvergaben zu nehmen. Die Urdorfer Wirtschaft finanziert schliesslich meinen Lohn mit. Beim Neubau des Doppelkindergartens Feld waren zwölf Urdorfer Firmen beteiligt.

Möchten Sie noch etwas erwähnen?

Was mir ganz ganz wichtig ist, ist mein Team. Wir haben hier keine Fluktuation. Monika Luder ist seit 20 Jahren dabei, Liliane Hischier seit 16 Jahren und Ursula Fluck seit 7 Jahren. Das spricht für uns. Und vielleicht auch ein bisschen für mich.