Herr Müller, am 9. Februar hat das Limmattal seinem Unmut über das rasante Wachstum Ausdruck verschafft. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass dem am 30. November noch Nachdruck verliehen wird?

Otto Müller: Ich gehe davon aus, dass die Initiative keine Mehrheit finden wird, gerade weil die Masseneinwanderungsinitiative angenommen wurde. Personen, mit denen ich mich unterhalten habe, sagen aus, dass kein weiteres Zeichen nötig ist, dass aber die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ernsthaft an die Hand genommen werden muss.

Was würde eine noch radikalere Einwanderungsbeschränkung, wie sie die Ecopop-Initiative fordert, für das Limmattal bedeuten?

Viele unserer Firmen sind auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Einzelne bekämen Probleme und müssten sich die Standortfrage stellen. Bei international tätigen Firmen rückt dann eine Verlegung ins Ausland näher. Es ist auch möglich, dass es zu Leerständen bei Wohnungen kommen wird.

Die enorme Bautätigkeit führt bei einigen zum Gefühl, einem ungebremsten Wachstum ausgesetzt zu sein, von dem sie nicht profitieren. Ist die Region zu schnell gewachsen?

Ja und nein. Es muss differenziert werden: In einzelnen Gemeinden wie Dietikon ist das Wachstum tendenziell zu schnell erfolgt, was auch mit grossen Herausforderungen für das Erstellen der Infrastruktur und markanten Kosten für die Gemeinden verbunden ist.

Das verdichtete Bauen entlang bevölkerungsreicher und verkehrstechnisch gut erschlossener Korridore wie dem Limmattal wird national gefördert, um eine zu starke Zersiedelung zu verhindern. Zahlt das Limmattal den Preis dafür?

Verdichtetes Bauen entlang gut erschlossener Verkehrskorridore ist ein Gebot der Stunde, um auch unseren Kindern und Kindeskindern noch Freiräume zu erhalten. Gemäss der kantonalen Raumplanung ist Bevölkerungswachstum eine Aufgabe, die neben dem Glattal die Städte Winterthur und Zürich sowie das Limmattal übernehmen müssen. Die negativen Seiten der Bevölkerungszunahme sind verstärkt auf den Strassen, in den Bahnen und Bussen spürbar. Ein Preis wird aber dann nicht bezahlt, wenn beim Bauen Qualität erreicht wird, sowohl beim Wohnraum wie bei den Aussenräumen; wenn die Kapazitäten für den Verkehr gezielt erhöht werden, etwa mit der Limmattalbahn, dem Bau der dritten Gubriströhre und dem Ausbau der Velonetze; und wenn – was ganz wichtig ist – die Naturräume geschont und bewusst aufgewertet werden.

Hat die Bevölkerung bisher auch vom Wachstum profitiert?

Ja. Das Wachstum hat bislang den Wohlstand erhöht und zur Sicherung der Sozialwerke beitragen. Davon profitieren alle.

Neben dem Eindruck, dass die Landschaft unkontrolliert zugepflastert wird, sorgt auch die Integration der neuen Limmattaler, die meisten davon Ausländer, für Unmut. Wie kann man diesem begegnen?

Es muss eine Willkommenskultur entwickelt und umgesetzt werden, denn es besteht ein grosser Orientierungsbedarf bei neu zugezogenen Personen mit ausländischem Hintergrund. In Dietikon werden alle diese zu einem Begrüssungsgespräch eingeladen, wo auch auf die Pflichten aufmerksam gemacht wird. Es geht vielfach um Schulfragen, Krankenkassenpflicht oder Abfallentsorgung. Gleichzeitig sollen Neuzugezogene eingeladen werden, am Stadtleben teilzunehmen, etwa die Angebote der vielen Vereine zu nutzen.

Welche weiteren Massnahmen kann die Politik ergreifen, damit Wachstum auch ohne Zuwanderungsbeschränkung von breiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert würde?

Indem sehr sorgfältig mit Freiräumen wie Wäldern, Wiesen oder Parkanlagen im Stadtraum umgegangen wird und beim Bauen die Qualität im Vordergrund steht. Verdichtetes Bauen, nahe beieinander sein, kann auch Vorteile haben. So sind in Dietikon in letzter Zeit Wohnungen im gemeinnützigen Wohnungsbau entstanden, die mit Gemeinschaftsräumen, grosszügigen Spielplätzen und Betreuungseinrichtungen für Kinder auf die grosse Dichte reagieren. Historisch gesehen suchten die Menschen früher in den mittelalterlichen Städten mit der Nähe den Schutz.

In Dietikon steht mit dem Niderfeld noch eine der grössten Gebietsentwicklungen im Limmattal an. Braucht oder bräuchte Dietikon das neue Quartier nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative oder nach einer eventuellen Annahme von Ecopop überhaupt noch?

Die Frage stellt sich so nicht mehr, weil das Niderfeld eingezont wurde und die Entwicklungsplanung im Gange ist. Es soll ein Stadtteil mit Modellcharakter werden, wo gewohnt, gearbeitet und Erholung möglich wird. Es ist aber eine Frage des Zeitpunktes. Das Niderfeld wird erst in ungefähr zehn Jahren so weit sein. Je nach Marktlage, beziehungsweise Nachfrage wird das Niderfeld stärker in Etappen bebaut werden.

*Otto Müller (FDP) ist Stadtpräsident von Dietikon und steht der Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL) vor