Berikon/Widen
Eine U-Bahn für den Mutschellen: Ein Blick zurück auf eine Vision, die nie Realität wurde

Weil er die Überlastung des Knotens Mutschellen vorhersah, schlug Bauingenieur Josef Killer schon vor 50 Jahren einen Bahntunnel für die Bremgarten-Dietikon-Bahn vor. Die Idee war revolutionär – und auch chancenlos.

Jörg Baumann
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Schon 1970 sah Josef Killer die Überlastung des Knotens Mutschellen voraus: Drohnenaufnahme der Kreuzung Berikon/Widen zur Stosszeit.

Schon 1970 sah Josef Killer die Überlastung des Knotens Mutschellen voraus: Drohnenaufnahme der Kreuzung Berikon/Widen zur Stosszeit.

Sandra Ardizzone

Eine revolutionäre Idee lancierte der Badener Bauingenieur Josef Killer (1900–1993) im Jahr 1970. Er profilierte sich damals als Vordenker der Regional­planung, des Heimatschutzes und eines Strassenbaus, der die Landschaft schont. Beispielhaft zeigt sich sein Einsatz an der Linienführung der Autobahn N3. Killer machte sich zudem einen Namen, indem er mit Erfolg gegen die geplante Hochbrücke über den Bözberg votierte.

1970 war es also, als Josef Killer vorschlug, die Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDB) im Tunnel durch den Mutschellen zu führen. Von Rudolfstetten her sollte die Strecke danach durch das Reppischtal nach Urdorf statt nach Dietikon führen.

Er hängte seine Idee nicht an die grosse Glocke

Josef Killer publizierte seine Idee nicht in einer grossen Tageszeitung und auch in keinem Fachorgan, sondern in einem Lokalblatt, im Bremgarter Bezirksanzeiger. Was ihn dazu bewog, seinen Vorschlag nicht an die grosse Glocke zu hängen, ist nicht bekannt. Verschwand Killers Projektstudie auch deshalb sang- und klanglos in der Versenkung? Auf jeden Fall blieb ihm zeitlebens die grosse Bühne versagt. Vielleicht deshalb, weil der Vorschlag unkonventionell, wenn nicht sogar revolutionär daherkam.

Als der Ingenieur seine Ideen einer neuen Bremgarten- Dietikon-Bahn präsentierte, standen die Pläne für eine U-Bahn im Grossraum Zürich schon zur Diskussion. Sowohl U-Bahn als auch Lokalbahn-Studie wurden jedoch abgelehnt. Das Projekt für die Zürcher U-Bahn scheiterte an der Volksabstimmung. Josef Killers Studie verschwand in den Schubladen, und zwar ohne lange Diskussionen. Das Zeitfenster für grosse visionäre Projekte hatte sich eben geschlossen. Die Konjunktur flachte ab.

Recht hatte Josef Killer bestimmt, als er in der Projekt­studie festhielt, dass die Bevölkerung in der Agglomeration Bremgarten wachsen werde und man um einen Ausbau des Bahnnetzes in der Ost-West-Richtung nicht herumkommen werde. «Es wird die Zeit kommen, in der unsere Strassen nicht mehr die erforderliche Kapazität zur Bewältigung des anfallenden Motorfahrzeugverkehrs aufweisen, auch wenn sie weiter ausgebaut werden», schrieb Killer in seiner Studie zur BDB. Killer, der Prophet, wie man heute sagen könnte.

Ein unterirdischer Bahnhof auf dem Land?

Killer lehnte sich gar weit aus dem Fenster, als er der Bremgarten-Dietikon-Bahn einen 3,2 Kilometer langen Tunnel durch den Mutschellen verordnen wollte. Die Bahn hätte nicht an mehreren Haltestellen vorbei über den Mutschellen fahren sollen. Dass im Winter manchmal hoher Schnee lag, das freute das Bahnpersonal nicht besonders. Killers Idee: Die Bahnreisenden hätten von der Passhöhe her mit einem Lift in einen unterirdischen Bahnhof gelangen sollen. Ein unterirdischer Bahnhof auf dem Land? Das war doch etwas für die Städter, fand man. Die Fahrzeit von Bremgarten nach Rudolfstetten hätte so von 14 auf 4 Minuten reduziert werden können, rechnete Killer vor.

Weil die Bahnlinie in Dietikon streckenweise auf der Kantonsstrasse geführt wurde, schlug er eine kostengünstigere Lösung vor. Er war der Meinung, Dietikon müsste gar nicht angefahren werden, stattdessen sollte man Urdorf ansteuern. Von Bremgarten her erreiche man Urdorf in einer halben Stunde Fahrzeit. Ein weiterer Vorteil: Von Urdorf her sei der Anschluss ans Netz der SBB ebenfalls gewährleistet. Die Zeit sei günstig, schrieb Killer damals. Denn jetzt (gemeint ist das Jahr 1970) bekomme man das für die Streckenerweiterung erforderliche Land noch.

Die Vorortbahn wurde ohne Tunnel modernisiert

Die Geschichte der BDB entwickelte sich, wohl zum Leidwesen von Josef Killer, in eine andere Richtung. Man hielt an der Streckenführung zwischen Wohlen und Dietikon über den Mutschellen fest. Nicht einmal der Honeret-Tunnel, der Dietikon hätte entlasten sollen, wurde gebaut. Viel zu teuer, lautete das Verdikt. Stattdessen rüstete man die Bahn mit neuem Rollma­terial auf und integrierte sie 1990 ins S-Bahn-Netz – mit Halb- bis Viertelstundentakt. Die von Städtern gerne belächelte Vorortbahn blieb eine. Aber ohne Mutschellen-Tunnel und ohne Anbindung an das SBB-Netz in Urdorf.

2021 sollen Resultate vorliegen

Die Planungen am Mutschellen, wo sich die Strasse und die Bremgarten-Dietikon-Bahn begegnen, laufen bereits seit 2009. Aus diesem Zeitraum stammen auch die Planungsvarianten Bahn tief oder Strasse tief, also eine Tieferlegung des einen oder anderen, womit der Passübergang hätte entflechtet werden sollen. In jüngster Zeit zeigte sich, dass sich die Verkehrs­belastung gleichmässig auf alle vier Strassenäste zum Knoten hin verteilt. Der Knoten sei mit diesen neuen Voraussetzungen und mit der Verkehrsprognose 2040 deshalb neu geprüft worden, teilt Carlo Degelo, Leiter Abteilung Verkehr des Kantons Aargau, auf Anfrage mit. Mit nur einer objektbezogenen Sichtweise aufgrund der Prognose könne der Knoten, ob mit der Tieferlegung der Strasse oder der Bahn, allerdings schlecht ins Siedlungsgebiet integriert werden. Zudem stelle sich die Frage, wie stark ein grosszügiger Ausbau die Stausituation am Mutschellen unkontrolliert an einen anderen Ort oder Knoten verschiebe. Daraus ergebe sich, so Degelo, dass in der Planung nochmals eine Konzeptphase eingefügt werden soll. Der Mutschellen-Knoten soll im grösseren Zusammenhang aller Mutschellenachsen untersucht werden. Resultate sind laut Degelo bis Sommer 2021 zu erwarten. Es sei beabsichtigt, dass bis Ende 2021 die Gesamtsicht der Verkehrsabläufe am Mutschellen-Knoten vorliege und die zweckmässigste Variante dann weiterverfolgt werde.