Dietikon
Eine Stehauffrau: Die Limmattaler Kandidatin von Miss Afrika Deutschschweiz

Elizabeth Okisai ist die erste Sans-Papier, die im Kanton Zürich eine Lehre angefangen hat. Nach turbulenten Jahren hat sich die 19-jährige mit ihrem Sohn im Limmattal niedergelassen und endlich etwas Ruhe gefunden

David Hunziker (Text und Foto)
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«Wir Frauen können das genauso gut – oder sogar noch besser», sagt Elizabeth Okisai über ihren technischen Beruf.

«Wir Frauen können das genauso gut – oder sogar noch besser», sagt Elizabeth Okisai über ihren technischen Beruf.

David Hunziker

Elizabeth Okisai hat einen harten Arbeitstag hinter sich. In der Zentralwerkstätte der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) in Altstetten hat sie heute die Heizungen von unzähligen Trams geprüft und wenn nötig geflickt. «Ich kann mir nichts Besseres vorstellen», sagt sie über ihre Arbeit als Automatikerin auf dem Weg zu ihrer gemütlichen Wohnung im Zentrum Dietikons, wo sie mit ihrem zwei Jahre alten Sohn im letzten Frühling eingezogen ist. Sie hat noch etwas Zeit, bis sie ihn um sechs in der Krippe abholen muss.

«Alles, was ich will, ist ein normales Leben zu führen und selbstständig zu sein», sagt Okisai. Mit Letzterem spricht sie die Stipendien an, die ihr derzeit noch helfen, mit Kind und Lehrlingslohn über die Runden zu kommen. Die 19-Jährige wirkt reif und gelassen. Wer ihre Geschichte gehört hat, weiss, dass Okisai in Sachen Selbstständigkeit niemandem mehr etwas beweisen muss.

Düstere Vergangenheit

Dass Okisai nun als erste Sans-Papier im Kanton Zürich eine Lehrstelle inklusive Berufsmaturitätsschule absolviert, ist keineswegs selbstverständlich. Okisai wuchs bei ihrer Grossmutter in Kenia auf, die sie und ihre beiden Brüder zu Hause unterrichtete. Eine offizielle Schule besuchte sie nur wenige Jahre lang. Als sie neun Jahre alt war, starb ihre Grossmutter. Damit begannen die schwierigsten Jahre ihres Lebens.

Zuerst wurden sie und ihre Brüder für den Tod ihrer Grossmutter verantwortlich gemacht und eingesperrt. Nachdem die drei Geschwister auf eigene Faust fliehen konnten, lebten sie eine Weile auf der Strasse. Als sie zehn Jahre alt war, starb ihr Zwillingsbruder. Mit ihrem jüngeren Bruder lebte sie darauf bei einer Tante und arbeitete tagsüber auf einer Plantage. 2008 schliesslich holte sie ihre Mutter, die schon einige Jahre hier gelebt hatte und die Okisai zuvor nicht gekannt hatte, zu sich in die Schweiz. Wegen ihrer guten Leistungen in mathematischen Fächern wurde Okisai gleich in der Sek A platziert und behauptete sich. Als ihre Mutter sich von ihrem Partner trennte und die Abschiebung zurück nach Kenia drohte, schaffte es Okisai mit einem Anruf beim Sorgentelefon für Jugendliche, in einem Heim untergebracht zu werden.

Dem Antritt ihrer Lehrstelle ging ein mehrjähriger Paperkrieg voraus, während dem Okisai nicht arbeiten durfte. Sie ist sehr dankbar, dass sich auch die VBZ für sie eingesetzt hatten. «Das kann ich nur zurückgeben, indem ich einen sehr guten Job mache», sagt sie. Es erstaunt allerdings nicht, dass man sie unbedingt einstellen wollte: Obwohl sie mehrere Jahre nicht mehr zur Schule gegangen war, bestand sie den Antrittstest der VBZ locker.

Dass ihr Lernen leicht fällt, verdankt Okisai auch ihrem intensiven Verhältnis zur Musik. «In der Schule merke ich mir Dinge in Form von Rap-Zeilen und erfinde Beats dazu», sagt sie. Den rhythmischen Gebrauch der Sprache im Alltag brachte ihr bereits ihre Grossmutter bei. Noch heute formt sie gern Worte zu Rap-Zeilen oder Poetry-Slam-Gedichten.

Miss Africa Deutschschweiz

Als eine von bisher acht Kandidatinnen wird Elizabeth Okisai am 17. Oktober zur Wahl für den Titel «Miss Africa Deutschschweiz» antreten. Seit Kurzem läuft das Onlinevoting, das in der Wahl zu 20 Prozent gewichtet wird. Die restlichen 80 Prozent machen je zur Hälfte der Entscheid einer Jury sowie des Saalpublikums am Finaltag aus. Dies ist bereits Okisais dritte Teilnahme an einem Schönheitswettbewerb. An der «Swiss most beautiful»-Wahl hat sie bereits denjenigen der «Miss Patience and Intelligence» gewonnen. (huz)

Schaut man sich in ihrem gemütlichen Wohnzimmer um, stechen sofort einige farbenprächtige Bilder an der Wand und damit weitere künstlerische Talente Okisais ins Auge. Doch nicht nur das: Daneben designt sie auch noch afrikanische Kleider und Schmuck. Am 17. Dezember ergibt sich für Okisai sogar eine Gelegenheit, ihre Kreationen auf einer Bühne vorzuführen: Dann wird sie nämlich zur Wahl der «Miss Africa Deutschschweiz» antreten (siehe Kontext).

Wenn es die Arbeit und die Betreuung ihres Sohnes zeitlich erlauben, nimmt Okisai immer wieder gerne Aufträge als Model wahr. Sie stand auch schon für einen Fotografen von Heidi Klum vor der Linse und ist bei einer Modelagentur angemeldet. Zwar würde sie gern mehr als Model arbeiten, «mein Sohn geht jedoch immer vor», sagt Okisai bestimmt. Auch bei der Arbeit würde sie dafür nicht kürzertreten, Technik fasziniere sie zu sehr. «Beim Modeln bewege ich nur mich selber, als Technikerin bringe ich andere Dinge zum Bewegen.»