Schlieren
«Eine Stadt braucht unbedingt Begegnungsorte»

Lukas Bühlmann, der Direktor des schweizerischen Vereins für Landesplanung, sagt, die Studie zur Stadtentwicklung sei wichtig, aber lückenhaft.

Florian Niedermann
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Lukas Bühlmann, Direktor des schweizerischen Vereins für Landesplanung.

Lukas Bühlmann, Direktor des schweizerischen Vereins für Landesplanung.

Christoph Heilig

Herr Bühlmann, der Schlieremer Stadtrat hat eine Studie zur Beurteilung der Stadtentwicklung in Auftrag gegeben. Was bringt das in einer Stadt, die sich noch immer in einem derart starken Wandel befindet?

Lukas Bühlmann: Als Standortbestimmung ist eine solche Untersuchung sehr wichtig. Den Willen, die Entwicklung der Stadt positiv zu beeinflussen, zeigte die Schlieremer Exekutive bereits 2003, als sie ein Stadtentwicklungskonzept zu erarbeiten begann. Dies haben aber auch viele andere Gemeinden getan, mit denen ich es zu tun hatte. Nur verschwand dort das Konzept anschliessend oft irgendwo in den Schubladen. Der Schlieremer Stadtrat hat das Konzept dagegen in vielen Bereichen sehr erfolgreich umgesetzt. Dass er seine Arbeit evaluieren liess, zeigt, dass er am Ball bleiben will.

Die Planpartner AG, die den Bericht erstellte, hat den Architekturwettbewerb für das Schulhaus «Reitmen» – einem wichtigen Stadtentwicklungsprojekt – durchgeführt. Es entsteht der Verdacht, dass nicht wirklich objektiv evaluiert wurde.

Ja, der Entscheid, die Evaluation so zu vergeben, war von aussen betrachtet nicht ganz glücklich. Vor allem deshalb, weil es auch viele andere Büros gibt, die solche Studien durchführen könnten. Aber ich denke, dass die Planpartner AG genügend Aufträge hat, und sich nicht durch Lobhudelei zusätzliche Arbeit beschaffen muss. Die Studie attestiert dem Stadtrat zu Recht, dass viele seiner Aktionsfelder sich in den letzten 10 Jahren sehr zum Besseren entwickelt haben, aber sie zeigt durchaus auch Mankos auf.

Können Sie Beispiele nennen?

Etwa, dass die Naherholungsgebiete zu wenig erschlossen wurden und der schlechte Entwicklungsstand des Zentrums. Eine Stadt braucht unbedingt Begegnungsorte und dies sowohl im Zentrum als auch in den Quartieren.

Was droht einer Stadt sonst?

Ansonsten kann eine starke Wachstumsdynamik wie in Schlieren dazu führen, dass die Bevölkerung diese Entwicklung als etwas Negatives aufnimmt und Gebietsentwicklungen politisch bekämpft. Wichtig wäre es daher auch, Begegnungs- und Kulturräumen in den Quartieren bei der Raumplanung und bei Vertragsverhandlungen mit Investoren Rechnung zu tragen. Diesen Aspekt beleuchtet der Bericht allerdings nicht. Generell gäbe es einige wichtige Themen, die es sich genauer anzuschauen gelohnt hätte.

Was vermissen Sie konkret?

Mich haben die Zahlen zur Durchmischung der Schlieremer Bevölkerung sehr beeindruckt. Diese hat sich extrem positiv verändert. Dazu haben sich auch die Bodenpreise auf über 1000 Franken pro Quadratmeter verdoppelt, was im regionalen und kantonalen Vergleich spitze ist. Was aber aus dem Bericht etwa zu wenig hervorgeht, ist, ob und wie der Stadtrat dem Rechnung trägt und etwa Investoren bei der Finanzierung der steigenden Infrastrukturkosten in die Pflicht nimmt.

Wo sehen Sie Fehlentwicklungen, die bei der zukünftigen Stadtentwicklung behoben werden müssen?

Insbesondere im Verkehrsbereich. Meines Erachtens hat der Stadtrat bisher die Anliegen des Gewerbes nach Parkplätzen zu stark gewichtet und zu wenig klar Stellung für einen konsequenten Ausbau der Fussgänger-Infrastruktur bezogen. Dies wäre enorm wichtig, denn es gibt in Schlieren ein grosses Potenzial für den Langsamverkehr. Die Stadtteile nördlich und südlich der SBB-Gleise sollten besser miteinander verbunden werden, damit die Stadtbevölkerung zusammenwachsen kann. Ich wünsche dem Stadtrat daher für die Zukunft viel Ausdauer und Rückgrat, die er braucht, um dies zu erreichen.