Schlieren

Eine Schulklasse fragt sich: «Warum braucht es Neuanfänge?»

Dieses Zitat von André Blöchlinger ziert die Bauwand der Reitmen-Baustelle. Es stammt aus Interviews, die die Klasse mit Bauleuten geführt hat.  Dominique Meienberg

Dieses Zitat von André Blöchlinger ziert die Bauwand der Reitmen-Baustelle. Es stammt aus Interviews, die die Klasse mit Bauleuten geführt hat. Dominique Meienberg

Eine Klasse des Schlieremer Schulhauses Reitmen setzt sich mit Wohnen und Bauen auseinander – das Resultat ist auf einer Bauwand zu sehen.

Bauwände, auf denen entweder nichts oder lediglich einige Logos von Bauunternehmen prangen, prägten einst den Schlieremer Westen. Hier entstand in den vergangenen Jahren ein neues Quartier. Nun neigt sich die Bautätigkeit dem Ende zu, aktuell wird auf dem zweitletzten Baufeld des Reitmen-Quartiers gebaggert. Auf den weissen Bauwänden, die das Geschehen auf der Baustelle von der Aussenwelt verbergen, prangen grosse, schwarze Buchstaben. «Ein Bürojob wäre nichts für mich. Ich bin gerne draussen», lässt sich von der Badenerstrasse aus lesen. Oder: «Es ist spannend, wie aus dem Nichts etwas Neues entsteht.» Was hat es mit diesen kryptischen Passagen auf sich?

«Wir suchten mit der Bauherrschaft nach einem Weg, die Überbauung in Schlieren zu integrieren. Man kann nicht ein neues Quartier hinpflanzen und sich nicht um die Einbettung in die Umgebung kümmern», sagt Stefanie Rigutto vom Unternehmen, das mit der Kommunikation betraut ist. Eine solche Bauwand sei interessant, da man sich bereits frühzeitig mit der Stadt vernetzen könne und dem Ort eine Identität geben könne. «Wir wollten keine klassische Werbefläche, sondern etwas, wo man sich austoben kann.»
Die Gestaltung der rund 120 Meter langen Bauwand entstammt den Vorstellungen einer 3. Sekundarklasse aus dem benachbarten Schulhaus Reitmen. Unter der Leitung von Klassenlehrerin Martina Krah entwarfen die Schüler ein Konzept, auf dessen Basis die Wand gestaltet werden sollte. Krah wusste, dass sie den Fokus nicht auf eine bildliche Gestaltung legen würde: «Ich unterrichte vorwiegend Sprachen, weswegen der literarische Aspekt wichtiger wurde.» Vor den letzten Sommerferien startete die Klasse. Erklärtes Ziel war es, den Ruf der Schlieremer Jugend aufzubessern. «Dass dieser über längere Zeit gelitten hat, ist den Schülern durchaus bewusst», sagt Krah.

Interviews mit den Bauarbeitern

Erster Schritt war eine Baustellenführung im vergangenen Sommer. Damals sah man von den Gebäuden noch nicht viel, heute steht man hingegen kurz vor der Aufrichte. «Wir lernten die Architekten kennen. Das war spannend, da wir so auch mit den Menschen hinter dem Projekt sprechen konnten», sagt Tatiana, eine der Schülerinnen. Speziell ist, dass die Baustelle tatsächlich eine Rolle im Alltag der Schülerinnen und Schüler spielt. «Von unserem Klassenzimmer sehen wir direkt auf die Baustelle und konnten den Fortschritt beobachten», sagt Carolina. Mit Eindrücken vom Treiben in der Baugrube im Hinterkopf, verfasste die Klasse kleine Gedichte, in denen sie sich, ihre Heimat und ihre Lieblingsorte vorstellten. Wo gebaut wird, entsteht etwas Neues. Daher stand auch das Thema Neuanfang auf der Projektliste und die Klasse setzte sich mit entsprechenden Fragen auseinander. Fragen wie: «Warum braucht es überhaupt Neuanfänge?» und «Worauf kommt es dabei an?», waren einige. Aus zahlreichen Stichwörtern, die zum Thema passten, wählten die Schüler zehn Begriffe aus. In einem dritten Schritt befasste man sich mit Berufen auf der Baustelle und interviewte Bauarbeiter, Architekten und Poliere. Aus diesen Interviews wählten die Schüler prägnante, bewegende oder witzige Zitate.
Die aus diesen drei Projektschritten resultierten Wörter und Sätze malten die Schüler in Grossbuchstaben auf ein A3-Blatt, die anschliessend von einem Grafiker digitalisiert wurden. Rigutto und ihr Team wählten die besten Beiträge aus. Diese wurden Anfang Februar im Rahmen einer kleinen Vernissage aufgeklebt.
Die 15-Jährigen sind sichtlich stolz auf das Geleistete. Das grosse Projekt beschäftigt die Schülerinnen und Schüler nicht nur im Klassenzimmer: «Auch wegen der Gespräche mit den Menschen auf der Baustelle kann ich mir gut vorstellen, später Architektin zu werden», sagt Paula. Tatiana und Carolina sehen ihre berufliche Zukunft im Pflegebereich. Sie beginnen im Sommer eine Lehre zur Fachangestellten Gesundheit.

Ab 2020 bezugsbereit

Die Dekoration der Wand ist noch lange nicht fertiggestellt. Im nächsten Schritt wählen die Jugendlichen einen Lieblingsgegenstand aus ihrem Zimmer und fotografieren ihn. «Wir kleben die Bilder danach ebenfalls auf die Wand», sagt Krah. Tatiana, Carolina und Paula nennen allesamt ihr Bett als den favorisierten Einrichtungsgegenstand.
Die Überbauung «Stadtsiedlung Reitmen» wird ab September 2020 bezugsbereit sein und in sechs Baukörpern 177 neue Wohnungen wie auch 1500 Quadratmeter Gewerbeflächen auf den Schlieremer Markt bringen. Die genauen Preise werden zum Vermarktungsbeginn Anfang April bekannt. Eigentümer sind die beiden Anlagestiftungen Turidomus und Adimora. Für die Schülerinnen steht jedoch bereits jetzt fest: Sie alle könnten sich gut vorstellen, einmal hier zu wohnen.

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