International School

Eine Schule im Limmattal sucht Anschluss in der Stadt

Zwei Schülerinnen erklären ihr Plakat zum Thema Migration.

Zwei Schülerinnen erklären ihr Plakat zum Thema Migration.

Die Szene könnte sich in der Schule eines kleinen Bergdorfs abspielen: Im Klassenzimmer, das sich dereinst Kindergarten- und Schulkinder der 1. und 2. Klasse teilen sollen, sitzt nur die sechsjährige Livia.

Das blonde Mädchen ist die einzige Schülerin von Primarschullehrerin Caroline Griffiths – und eines von sieben Kindern aus verschiedenen Ländern, die derzeit an der «Swiss International School – Zurich West» (ISZW) an der Unterrohrstrasse in Schlieren unterrichtet und betreut werden.

Die Schule mit fünf Primarstufen, einem Kindergarten, einer Vorschule und einem Betreuungsangebot für Schulkinder nahm den Betrieb im August auf. Als Schwestercampus der «Swiss International School – Zurich North» (ISZN) in Wallisellen, angelockt von den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen im Limmattal. «Wir haben derzeit sieben Kinder bei uns und beschäftigen drei Lehrer – ein phänomenales Verhältnis», scherzt Primarschulleiterin Jane Hollands.

Sie bezeichnet die familiäre Atmosphäre, zu der auch Schulhund Cora und die gemeinsamen Mittagessen von Schülern und Lehrern beitragen, als «lovely». Trotzdem lässt sie keine Zweifel: Der Schlieremer Campus, den man ursprünglich 2009 eröffnen wollte, soll wachsen. Bis Ende Jahr will die Schulleitung mindestens zehn Kinder an Bord haben. Die von einem Schweizer gegründete ISZN in Wallisellen hat es vorgemacht. Vor zwölf Jahren startete sie mit siebzehn Schülern – inzwischen sind es laut Hollands rund 200 Schüler, darunter einige Schweizer.

Von der Farm zur Gabel

Zurück ins Klassenzimmer, wo auf den zweiten Blick die Unterschiede zur Dorfschule deutlich hervortreten – nebst der Tatsache, dass die Eltern pro Schuljahr 25000 Franken bezahlen: Stolz zeigt Livia ein Plakat, das sie zusammen mit ihrer Lehrerin gestaltet hat. «From farm to fork» – vom Bauernhof zur Gabel – lautet der Titel des Plakats. Mit Bildern und Pfeilen ist dargestellt, wie unser Essen irgendwo auf der Erde angebaut wird, wie es in die Schweiz gelangt und dort in der Küche verarbeitet wird.

Livia zeigt auf ein Bild mit «Afrikaleuten», die glücklich sind und lachen, wenn sie ihren Mais auf dem Weltmarkt zu fairen Bedingungen verkaufen können. Alle sechs Wochen behandelt die Lehrerin mit dem Mädchen ein neues Thema, das sich durch sämtliche schulischen Fächer hindurch zieht – «stets mit direktem Praxisbezug», sagt Almut Eger, Beraterin der internationalen Schule. «Die Kinder merken gar nicht, dass sie lernen.»

Englisch – die Unterrichtssprache an der ISZW – eignet sich Livia unter anderem beim Kochen an. «Ich bereitete ein Dessert mit Bananen und Himbeerjoghurt zu», erzählt sie. «Den anderen Kindern schmeckte es.» Das Dessertrezept hielt die Erstklässlerin in eigenen Worten auf Englisch fest. Auch Mathematik vermittelt die Lehrerin auf spielerische Art: In einer Ecke des Klassenzimmers ist ein kleiner Lebensmittelladen mit Plastikfleisch, Plastikkäse und Plastikgemüse eingerichtet. In der Rolle der Verkäuferin bedient Livia die Kasse und zählt das Retourgeld ab.

Schweizer Kultur wird vermittelt

Nebst Wissen in den üblichen Schulfächern will die ISZW vor allem zwei Dinge bei den Kindern aufbauen: erstens die Fähigkeit, selbstständig und nachhaltig zu lernen, und zweitens positive Charaktereigenschaften. «Soft Skills wie Kreativität oder Teamfähigkeit sind im 21. Jahrhundert zentral», sagt Primarschulleiterin Hollands. Bei Livia steht derzeit «Responsibility» – Verantwortungsbewusstsein – im Fokus. Sie erfährt, dass sich ihr eigenes Essverhalten global auswirkt, auf Menschen und Umwelt.

Obwohl an der ISZW globales Denken und die Weltsprache Englisch vermittelt werden, will sich die Schule nicht von der lokalen Gesellschaft isolieren. Im Gegenteil, man will diesem verbreiteten Image internationaler Schulen entgegenwirken: «Wir verstehen es als Teil unseres Auftrags, das Interesse der Kinder für die Schweiz und für Schlieren zu wecken», sagt Eger. Deshalb vermittle man den Kindern an der ISZW auch Schweizer Kultur. So wurden kürzlich nicht nur Kürbisse für die Halloween-Party geschnitzt, sondern auch Räben für einen Räbeliechtli-Umzug.

Eine weitere Besonderheit der ISZW gemäss Eger: Obwohl sie als internationale Schule den Vorgaben der International Baccalaureate Organisation verpflichtet sei, berücksichtigte sie auch Punkte des Zürcher Lehrplans. Zum Beispiel stehe Deutsch ebenso auf dem Stundenplan wie Französisch. «Wir bereiten die Kinder auf einen Wechsel an eine öffentliche Sekundarschule oder ans Gymnasium vor», sagt die Beraterin. Die Privatschule wolle zur Integration im multikulturellen Limmattal beitragen: Ausländische Kinder sollen auf das Leben in der Schweiz vorbereitet werden – und Schweizer Kinder auf das Leben in einer kulturell vielfältigen Welt.

«Graben wird vertieft»

Genau diese Integrationsleistung internationaler Schulen wird bezweifelt. Martin Wendelspiess, Chef des Zürcher Volksschulamtes, sagte kürzlich: Die Gefahr bestehe, dass Abgänger internationaler Schulen Probleme auf dem hiesigen Arbeitsmarkt bekämen. Ein Grund seien etwa mangelnde Deutschkenntnisse. Ein weiterer Kritikpunkt laut Wendelspiess: Internationale Schulen mit einem hohen Anteil Schweizer Schüler würden «in einem Teich fischen, der nicht für sie bestimmt ist» – sondern für die öffentlichen Schulen.

Die Bildungsdirektion schränkt deshalb die Zulassung ab Schuljahr 2012/13 ein. Schweizer Eltern, die nicht bald ins Ausland ziehen wollen, dürfen ihre Kinder nicht mehr an internationale Schulen schicken. «Das ist ein negatives Signal. Damit wird der Graben zwischen internationalen und öffentlichen Schulen vertieft und unsere Integrationsarbeit erschwert», sagt Hollands.

«Dieser Graben soll im Limmattal nicht existieren», wünscht Eger. Die ISZW verstehe sich als Ergänzung zum Angebot der öffentlichen Schule. Und mehr noch: Sie suche die Zusammenarbeit im Schulalltag, so Eger. Eine gute Basis dafür sei die Tatsache, dass die ISZW von der Standortförderung Limmattal und der Stadt Schlieren «hervorragend» empfangen worden sei. Ein erstes gemeinsames Projekt mit einer lokalen Institution wurde letzte Woche bereits durchgeführt: ein Waldtag im Limmattal mit einer Dietiker Kinderkrippe.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1