Als Treffpunkt für seine Führung durch Schlieren wählt Nikolaus Wyss — studierter Volkskundler, GLP-Gemeinderat und seit vier Jahren in der Stadt wohnhaft – einen symbolischen Ort: das Wartehäuschen zwischen den Gleisen 3 und 4 des Schlieremer Bahnhofs, der auf einer der meistbefahrenen Bahnstrecken der Schweiz liegt. Für Wyss ist der Bahnhof Symbol einer Stadt, die als Durchgangsort im Dunstkreis Zürichs wahrgenommen wird.

Dort, im Wartehäuschen, finden sich an diesem Samstag nach Weihnachten trotz Schneeregen elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein. Warm gekleidet, lauschen sie Wyss’ spannenden Ausführungen über seinen Wohnort, die der Gemeinderat auch mit Anekdoten aus dem Stadtparlament anreichert.

So erzählt er von einem Postulat, mit dem er sich dieses Jahr für eine Verbesserung der Verhältnisse am Bahnhof für die Wartenden einsetzen wollte. Als Lösung habe man schliesslich die Schutzstreifen auf den Perrons um 15 Zentimeter nach innen verschoben — für Wyss symptomatisch für das Machtungleichgewicht zwischen den national mächtigen SBB gegenüber der Stadt Schlieren. Würden die Limmattaler Gemeinden mehr zusammenarbeiten, hätten sie mehr Gewicht in solchen Situationen, meint Wyss dazu.

Geschichtsstunde im Bus

Nun verlässt Wyss mit den Teilnehmern die Komfortzone: Es geht raus in den Schneeregen und in die Bahnhofstrasse, die Wyss zurzeit gerade per Volksinitiative autofrei machen will. Die Befürchtungen des ansässigen Detailhandels, dass dann die Kundschaft ausbleiben würde, kann Wyss nicht teilen, wie er seinen Zuhörern erzählt:

Er habe in den 1970er-Jahren als Buchhändler in Kolumbien gearbeitet und kenne deshalb die Alltagssorgen der Detaillisten aus erster Hand. Von einem attraktiven Zentrum würde auch das Gewerbe profitieren, ist er überzeugt. Während des Spaziergangs können die Stadterkunder seinen Ausführungen einfach folgen: Alle Teilnehmer haben Kopfhörer erhalten, die mit Wyss' Mikrofon verbunden sind.

Weiter gehts durchs Parkside-Gebäude, das «ursprünglich als Zentrum Schlierens gedacht, aber falsch geplant» wurde, zum Bus der Nummer 31, der die Teilnehmer zur Gasometerbrücke fährt. Während der kurzen Fahrt nimmt Wyss die Besucher mit auf eine historische Reise. Er stellt ihnen Schlieren als Industriestadt vor, die das Land mit Gas, Leim, Kühlschränken, Aufzügen und Waggons belieferte.

Dabei zieht er auch Parallelen zu heute: Damals sei Arbeiten und Wohnen noch viel mehr in Schlieren vereint gewesen, erklärt er. Da heute viele Schlieremer auswärts arbeiten, fehle es zusehends an Engagement für die Belange der Stadt. Hinzu komme ein hoher Ausländeranteil, der nicht stimmberechtigt ist. Dies wiederum führe dazu, dass alteingesessene Schlieremer, die eher konservativ abstimmen, die Stadtpolitik bestimmen, so Wyss.

Partizipation geht über Religion

Doch es gibt auch andere Arten, am städtischen Leben teilzunehmen, wie Wyss beim Spaziergang durch die Schlieremer Wohnquartiere später erklärt. Dort macht der Tourguide auf die Weihnachtsdekorationen aufmerksam: «Auch Tamilen und Kosovo-Albaner haben ihre Wohnungen und Häuser weihnachtlich geschmückt. Partizipation ist wichtiger als Religionszugehörigkeit.»

Angekommen im Industriequartier, verrät Wyss den Besuchern, dass heute hoch qualifizierte Wissenschaftler hier forschen. Im Wagi-Quartier, das sich zum Biotechzentrum gemausert hat, entdeckt er schliesslich eine weitere Eigenheit Schlierens: die unkomplizierte Koexistenz von Gegensätzen. So gebe es hier nebst den Forschungsstätten auch eine grosse Schwulendisco sowie eine Befreiungskirche.

Als sich die Stadtwanderer im Gemeinschaftsraum der Futura-Siedlung bei Mandarinen, Nüssen und heissem Tee aufwärmen, lassen sie den Tag Revue passieren. Esther Krebs aus Meilen sind beim Rundgang vor allem Parallelen zwischen Zürich West und der Agglomerationsgemeinde Schlieren aufgefallen. «Nur ist Zürich West etwas luxuriöser», sagt sie. Auslandschweizer Heini Conrad war insgesamt sehr beeindruckt von Wyss' Stadtführung, was auch Kamerafrau Cyanma Zürcher bestätigt: «Auf diese Weise Schlieren zu entdecken, hat mir grossen Spass bereitet – trotz Schneeregen.»