Die reformierte Kirche in Dietikon ist ein schlichtes Gebäude. Man könnte meinen, Zwingli höchstpersönlich habe die Baupläne dafür geliefert: Zwar finden sich im Inneren ein paar Holzschnitzereien; ansonsten aber fällt das Auge auf viel Beton und unprätentiöse Fenster. Umso mehr Raum bot die Kirche am Sonntag für die Entfaltung barocker Klangwelten. Mit Verzierungen, Tremolos und Trillern sparen diese bekanntlich nicht, auch nicht beim Ausstaffieren des Klangbilds. Das Streichorchester Dietikon hatte sich für diesen Abend vorgenommen, nur Meister aus Italien zur Aufführung zu bringen.

Klassisch und wohlvertraut fing es an: mit einer Sinfonia von Antonio Vivaldi. Das lebendige, tänzerische Allegro vermochte sofort zu packen, man fühlte sich an seine ganz bekannten Stücke erinnert – Kritiker spötteln bis heute, er habe eigentlich nur ein Konzert geschrieben, dieses aber gleich mehrere hundert Mal.

Das Dietiker Streichorchester spielte mit erstaunlich viel Verve. Dabei setzt sich das Orchester fast ausschliesslich aus Laien zusammen, lediglich die Konzertmeisterin und die Gegenstimmführerin sind professionelle Musikerinnen. Als Dirigent zeichnete, wie gehabt, Günther Stückle verantwortlich.

Seit seiner Gründung im Jahr 2011 ist es ein besonderes Anliegen des Streichorchesters, auch eine Plattform für junge Talente zu bieten. Am Sonntag durfte sich die Oboistin und gebürtige Dietikerin Lisa Gross präsentieren. Sie liess sich nicht zweimal bitten und war für das Konzert eigens aus Paris zurückgekehrt. Am dortigen renommierten Konservatorium hat sie gerade zu studieren begonnen.

Es war eine Freude, der 23-Jährigen zuzuhören. Zusammen mit dem Streichorchester spielte sie gleich zwei Oboenkonzerte, zunächst eines von Alessandro Marcello, einem Zeitgenossen Bachs. Vollkommen in ihre Musik versenkt, oft mit halb geschlossenen Augen, verzückte sie das heimische, mehrheitlich etwas reifere Publikum.

Immer wieder ging zwischen den Sätzen ein Raunen durch die Reihen: «grossartig», «fantastisch», «sie spielt ja ausgezeichnet». Und wirklich: Die Behandlung ihres Instruments hätte auch dem verstocktesten Zeitgenossen ein Lächeln abgetrotzt oder ihn zumindest irritiert ob so viel lyrischer Schönheit. Die schnellen virtuosen Läufe meisterte Gross ebenso souverän wie die eher melancholischen Mittelsätze.

Mit Ottorino Respighi stand auch noch ein jüngerer Komponist auf dem Programm – eine Herausforderung sondergleichen. Respighi scheute nicht davor zurück, auch einmal zwei Tonarten gleichzeitig erklingen zu lassen und seine Harmonik kühn zu erweitern. Das Dietiker Streichorchester schlug sich tapfer und gab dem Publikum einen guten Eindruck dieser anspruchsvollen Musik.

Emotionen mit Musik übertragen

Nach dem Konzert erzählte Lisa Gross, die früher auch Saxofon gespielt hat, von ihrer Leidenschaft. «Die Musik ist mein Leben. Mir war von Anfang an klar, dass ich Musikerin werden möchte.» Daran hinderte sie auch nicht, dass sie in Dietikon zunächst gar keine Oboenlehrer fand. So musste eben jemand aus der Umgebung angeworben werden.

Danach gefragt, was sie an der klassischen Musik besonders fasziniere, verweist Gross auf die einzigartige Kommunikationsfähigkeit dieser Kunst. «Im normalen Leben ist es manchmal schwierig, Emotionen zu zeigen. Auf der Bühne aber, und mithilfe der Musik, gelingt diese Übertragung.» Man kann ihr, zumal nach diesem Konzert, nur beipflichten.