Schlieren

Eine Newtech-Firma lehrt Wohnungen das Zaubern

Martin Vesper erklärt die Funktionsweise einer Lüsterklemme.

Martin Vesper erklärt die Funktionsweise einer Lüsterklemme.

Die Digitalstrom AG entwickelte eine Technologie, mit der alle elektronischen Geräte über das Stromnetz gesteuert werden können. Wem Martin Vesper seine Muster-Wohnung zeigt, denkt unweigerlich an Auftritte von grossen Magiern à la David Copperfield.

Wem Martin Vesper seine Muster-Wohnung zeigt, denkt unweigerlich an Auftritte von grossen Magiern à la David Copperfield: Mit einer Tippbewegung auf sein Tablett erzeugt er ein wahres Lichtorchester, bei dem eine Ständerlampe, ein Deckenleuchter und zwei Spots über dem Bett in Sekundenbruchteilen eine harmonische Lichtszenerie erzeugen. Als der CEO der Schlieremer Digitalstrom AG auf seinem Smartphone eine Spracherkennungssoftware öffnet und die Formel «Spiele Vivaldi» spricht, erklingt aus den Lautsprechern der Stereoanlage sogleich ein Violinkonzert des Komponisten. Das Smartphone antwortet ihm: «Erledigt.» Und kommentiert mit blecherner Stimme: «Das macht mir Spass.»

Magie steckt in «Lego-Steinen»

Das Geheimnis hinter Vespers Zauberkräften liegt in speziell konstruierten Lüsterklemmen, die von einem Elektroinstallateur in sämtliche Lichtschalter und in jedes elektronische Gerät der Wohnung eingebaut wurden. Bunt, wie sie sind, ähneln sie einem Lego-Stein.

Statt Strom nur zu schalten, wie ihre handelsüblichen Konkurrenzprodukte, verfügen die Klemmen der Digitalstrom AG über einen ganzen Katalog von Fähigkeiten: Sie dimmen Licht, messen die Leistung eines angehängten Geräts und verfügen über einen Datenspeicher sowie einen kleinen Rechenprozessor. Über normale Stromleitungen ist es so möglich, dass die intelligent gemachten Geräte miteinander interagieren. Über herkömmliche Lichtschalter, einen PC, ein Tablet oder ein Smartphone mit der entsprechenden App können diese Geräte einzeln gesteuert und nach Bedarf ganze Geräteensembles vorkonfiguriert werden. Diese reichen von der Licht-Zeitschaltfunktion als Einbruchschutz über aussentemperaturabhängige Heizenergie-Spareinstellungen bis zum kompletten Alarmsystem mit Fotofalle.

Bei allem Staunen, das diese Technologie auslöst, stellt sich dennoch die Frage: wer braucht so etwas? «Sie könnten mich auch Fragen: Wer braucht Glacé?», entgegnet Vesper. Eigentlich sei niemand auf diese Technologie angewiesen, aber sie gehöre zum digitalen Lebensstil und entspreche damit dem Zeitgeist.

Ein Smart-Home-System für eine Vierzimmerwohnung kostet zwischen 4500 und 5000 Franken, bei einem Einfamilienhaus muss mit über 10 000 Franken gerechnet werden. Die Bezeichnung «Luxusprodukt» will Vesper aber nicht gelten lassen: «Luxus ist relativ. Wir entwickeln kein Produkt für eine kleine Zielgruppe, sondern für die moderne Generation.»

Dem Zeitgeist entspricht auch eine weitere wichtige Funktion des Smart-Home-Systems: Die Nutzer können den Energieverbrauch jedes angehängten Geräts abfragen und verfügen über Steuerungsmöglichkeiten, um die Energieeffizienz des Haushalts zu verbessern. «Wie viel Energie eingespart wird, ist abhängig vom Nutzungsverhalten der Bewohner. Wir bieten lediglich die Möglichkeit, effizienter zu leben», so Vesper.

Datentransport stand am Anfang

Den Grundstein für die Digitalstrom-Technologie legten Wilfried Beck und Prof. Dr. Ludger Hovestadt (ETH Zürich) 2004 mit der Gründung der Aizo AG. Eigentlich wollten sie nur eine Technik entwickeln, um Daten über das Stromnetz transportieren zu können. Dabei stellten sie aber fest, dass ihre Erfindung zu viel mehr fähig war. 2009 bezog die Aizo AG den Sitz im Newtech-Club an der Brandstrasse in Schlieren. Seither entwickelt das Unternehmen die Hard- und Software für ihr Smart-Home-System an ihren zwei Standorten in Deutschland und in Schlieren stetig weiter. «Wir verknüpfen unsere Apps mit Services externer Anbieter, die im Internet bereits bestehen. Deshalb ist die Innovationsentwicklung sehr schnell», erklärt Vesper.

Und das Produkt hat Erfolg: 2013 gewann die Firma den «Swiss Leadership Award». Anfang dieses Jahres entschied sich die Aktiengesellschaft, die mehrheitlich Immobilienunternehmer Balz Halter gehört, zur Namensänderung in Digitalstrom AG. Und unter diesem Namen verfolgt der Verwaltungsrat grosse Ziele: «Mittelfristig wollen wir in ganz Westeuropa zum Standard für intelligentes Wohnen werden», sagt Vesper.

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