Uitikon
Eine Legende interviewt das halbe Dorf

1959 sprach der später als Sportjournalist berühmt gewordene Sepp Renggli mit vielen Uitikern. Die alte Aufnahme ist nun wieder aufgetaucht. Jetzt kann jeder die spannende Sendung nachhören.

David Egger
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So sah es in Uitikon früher aus: Der Brunnen auf dieser undatierten Fotografie steht nicht mehr am selben Ort.

So sah es in Uitikon früher aus: Der Brunnen auf dieser undatierten Fotografie steht nicht mehr am selben Ort.

HO

Was für eine akustische Zeitreise! Am 19. Mai 1959 war es, als der Schweizer Landessender Beromünster eine Sendung über Uitikon ausstrahlte, gemacht von Radiojournalist Sepp Renggli. Der damals 35-jährige Luzerner wurde später im ganzen Land als grosser Sportjournalist und Tour-de-Suisse-Experte bekannt. Noch am 4. Januar 2015 erschien seine letzte Sportkolumne für die «Schweiz am Sonntag». Fünf Tage später ist er gestorben. Diesen Freitag wäre er 92 Jahre alt geworden. Selber eine Legende, hat Renggli weitere Radio- und Fernsehlegenden hervorgebracht. 1973 gab er Beni Thurnheer dessen allererste Stelle am Radio, einen halben Tag pro Woche auf der Sportredaktion. «Ihm verdanke ich meine ganze Karriere», sagte Thurnheer letztes Jahr zum Tod von Renggli.

Heute noch leben andere an der Sendung beteiligte Personen, und auch sie sind mittlerweile in der ganzen Schweiz bekannt. Mit acht Uitikern hat Sepp Renggli damals gesprochen, einer davon war der reformierte Pfarrer von Uitikon, Ernst Sieber. Gefragt, ob Uitiker gute Kirchgänger seien, antwortete Sieber: «Im Grossen und Ganzen darf ich nicht klagen. Unter der Woche kriegt man die Leute aber schlecht zusammen, das kirchliche Leben konzentriert sich auf den Sonntag.»

Ernst Sieber hat einen Berührungspunkt mit dem Mann, der die 57 Jahre alte Radiosendung nun wieder ans Licht gebracht hat: Mario Strub. Der 68-Jährige wurde noch von Pfarrer Ernst Sieber konfirmiert. «Ich musste in den letzten 15 Jahren immer wieder ein bisschen schmunzeln, wenn Pfarrer Sieber in den Medien kam. Damals vor fünfzig Jahren war er noch viel jünger, anständiger und angepasster. Trotzdem hatten die älteren Uitiker damals viele Vorbehalte gegen ihn», erinnert sich Strub. Für ihn persönlich ist das Gespräch mit Ernst Sieber das spannendste der ganzen Sendung.

Sein 1909 geborener Vater, Robert Strub, hat damals, am 19. Mai 1959, die Radiosendung von Sepp Renggli auf Tonband aufgenommen. Seither lag sie über ein halbes Jahrhundert lang zusammen mit vielen anderen Tonbändern in Uitikon herum und wartete darauf, entdeckt zu werden. Schon vor einigen Jahren hat sich Mario Strub daran erinnert, dass es diese Aufnahme gibt. Nun fand er Zeit, sie zu suchen: «Mein Vater hat sehr viele Tonbandaufnahmen gemacht. 1979 ist er gestorben. Vor einem halben Jahr habe ich begonnen, sein ganzes Archiv auszuräumen.»

Die Aufnahme hatte Mario Strubs Vater Robert mit einem Revox-Aufnahmegerät gemacht. Die Revox wurde Ende der 40er-Jahre von Willi Studer in Zürich gegründet und ist unter Fans von Audiogeräten ebenfalls zur Legende geworden.

Nach dem Fund wusste Mario Strub: Er muss das Band auf einen digitalen Tonträger überspielen, damit es auch für künftige Generationen erhalten bleibt. Doch das tönt einfacher, als es in Wahrheit ist. «Im Internet fand ich jemanden aus dem Emmental, der alte Volksmusik-Tonbänder digitalisiert. Er hat es probiert, doch die digitale Version war nicht so sauber wie jene auf dem Tonband.» Darum ging Strub zu einem Bekannten, der in Zürich Altstetten ein Radio-und-TV-Geschäft führt. Dort wurde die Aufnahme einwandfrei auf CD überspielt.

Strub dachte, dass die Aufnahme die Gemeinde interessieren könnte. In der Tat: Sie wünschte, dass sich die Uitiker die CD in der Gemeindebibliothek ausleihen können. «Das Ganze hat eine richtige Eigendynamik gewonnen. Das viele positive Echo freut mich natürlich», sagt Mario Strub.

Sein Vater allein würde schon eine spannende Biografie rechtfertigen: Robert Strub arbeitete als Innenarchitekt und war vor allem mit Ausstellungen beschäftigt, unter anderem mit der «Fera», der Fernseh- und Radio-Messe. «Er war auch viel im Ausland unterwegs, im Auftrag der Zentrale für Schweizerische Landesförderung. Sogar während der Kriegszeit half er bei Messen in Europa mit, in England zum Beispiel, aber auch in Deutschland. Dafür musste er einen Arier-Ausweis beantragen.»

Wenn Strub erzählt, kommt die Vergangenheit zurück, mitten in die Gegenwart. Gleiches gilt für Sepp Rengglis heitere Sendung über Uitikon, das kleine Dorf, das damals noch ziemlich unbekannt war und in dem die Reformierten die grösste Glaubensgruppe stellten. Heute gibt es auch in Uitikon mehr Konfessionslose (1562) als Reformierte (1492). Damals war Uitikon zudem eine der autoreichsten Gemeinden im Kanton. In diesem Ranking ist sie heute Mittelmass, dafür ist sie eines der reichsten Dörfer.

Auch eine Kindergärtnerin, Frau Schweizer, kommt zu Wort. Sie wünsche sich, dass alle Kinder zwei Jahre in den Kindergarten gehen können, sagt sie in der Sendung.

Heute ist das nicht mehr Wunschdenken, sondern Verpflichtung. Damals zählte Uitikon noch 27 Kinder im Kindergarten, heute sind es 75. Auch bei anderen Informationen aus der Sendung lohnt sich der Vergleich mit heute. 20 Bauernbetriebe mit total rund 320 Kühen und Rindern zählte die Gemeinde im Mai 1959. Heute sind es noch 6 Betriebe. Aber die Anzahl Kühe ist höher: 410 sind es an der Zahl.

Die damals gänzlich andere Landwirtschaft zeigt sich auch, als Moderator Sepp Renggli eine Bauerstochter, Fräulein Irma Wismer, interviewt. Renggli fragt sie zum Beispiel, ob ihr Hof schon voll motorisiert sei, oder ob sie noch einen Teil der Arbeit mit Pferden erledigen müssten. Und Wismer erzählt, dass sie noch nie in einem anderen Kanton gewesen ist. Heute pendeln täglich Hunderttausende über Kantonsgrenzen zur Arbeit.

Auch der Bäcker Fritz Hüsser erzählt aus seinem Alltag: 200 Kilogramm Brot verkauft er 1959 pro Tag, das sind 130 Gramm Brot pro Uitiker. «Das ist unter dem Schweizer Durchschnittsverbrauch von 150 bis 180 Gramm», so Hüsser. Nun, im Nachhinein, zeigt sich die Vorreiterrolle von Uitikon: Heute liegt der durchschnittliche Brotverbrauch pro Tag schweizweit bei rund 130 Gramm.

Ein Spezialfall war die Uitiker Post: Wie der Gemeindepräsident Erich Gerber damals bestätigte, landen viele Briefe am falschen Ort, weil die Absender den Namen des 1500-Seelen-Dorfs falsch schreiben. «Viele Briefe gehen stattdessen nach Wiedikon», so Gerber. 1964 wurden dann Postleitzahlen eingeführt.

Auch den Musikgeschmack von damals zeigt die Sendung: Jeder Gesprächspartner von Sepp Renggli durfte sich ein Lied wünschen. Der Deutsche Marsch, der Berner Marsch oder «Petite Fleur» von Sidney Bechet sind drei Beispiele.

Und die Feuerwehr war damals der einzige Grund, dass die Frauen ihre Männer in die Beiz liessen. Das sagte zumindest der damalige Kommandant Heinrich Wismer in der Sendung.

Entsprechend hatte die Feuerwehr vor 57 Jahren noch keinen Mitgliedermangel, ganz im Gegensatz zu heute.

Die Redaktion dankt SRF für die Erlaubnis, die Tonaufnahme online zu publizieren.