Kunst
Eine «grüne Linie» macht Schlieren zum Museum

Kommende Woche beginnt die neue Auflage von «Skulpturen in Schlieren». Bereits jetzt tauchen fast täglich Kunstwerke in der Stadt auf.

Florian Niedermann
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Der «Schaufeltrockner» von Bildhauer Peter Bernhard steht im Rietpark inmitten eines asphaltierten Ovals.Fni

Der «Schaufeltrockner» von Bildhauer Peter Bernhard steht im Rietpark inmitten eines asphaltierten Ovals.Fni

Florian Niedermann

Direkt hinter dem Hochhaus am Goldschlägiplatz ragt seit gestern eine augenfällige Skulptur in den Himmel: Ein zylinderförmiger Mast mit kubischen Seitenverstrebungen, der von einer scheinbar abgebrochenen Aussenhülle halb umfasst wird. «Schaufeltrockner» nennt Bildhauer Peter Bernhard die Skulptur, die er von 2003 bis 2011 von Hand aus Stein gehauen hat.

Sie ist Teil des Projekts «Skulpturen in Schlieren», welches die Stadt Schlieren und die Arbeitsgruppe Zürcher Bildhauer (AZB) bereits seit neun Jahren gemeinsam durchführen. 14 der auf dem Gaswerk-Areal angesiedelten Künstlerinnen und Künstler stellen zwei Jahre lang Werke auf Stadtgebiet aus. Am 11. Juni findet die Vernissage statt. Bis dahin tauchen in Schlieren an verschiedenen Orten fast täglich neue Skulpturen auf.

Bernhards «Schaufeltrockner» stellt ein Fragment des gleichnamigen Geräts aus der Industrie dar, das zum Beispiel zum Trocknen von Farbpigmenten eingesetzt wird. Industrielle Geräte sind eines der Themen, mit denen sich Bernhard als Bildhauer seit längerem intensiv beschäftigt. Dass seine Skulptur nun auf dem Färbi-Areal und damit auf einer ehemaligen Industriebrache steht, passt zwar wie die Faust aufs Auge – hat sich aber zufällig ergeben. Denn fasziniert hat den Künstler an diesem Ort etwas anderes.

Rennbahn wird Meditationskreis

Auf dem Platz hinter dem Goldschlägi-Hochhaus haben die Landschaftsarchitekten ein rund 15 Meter langes Oval asphaltieren lassen. «Als ich durch das Neubauquartier ging, entdeckte ich diese Struktur, die mich sofort fesselte», sagt Bernhard. Er habe diese «Asphaltrennbahn», wie sie die Projektverfasser von Andreas Geser Landschaftsarchitekten nennen, entschleunigen wollen. Mithilfe seiner Intervention soll sie stattdessen zu einem «Meditationskreis» werden.

Die Idee: Passanten und Anwohner können auf dem asphaltierten Oval zu Fuss ihre Runden drehen und dabei ihre Gedanken schweifen lassen. «Meine Skulptur soll dabei als Orientierungspunkt und Inspirationsquelle dienen», sagt Bernhard. Ziel sei es, dass sich die Menschen an diesem Ort gerne aufhalten.

Gemeinderäte hatten Bedenken

In den letzten Jahren gab es im Schlieremer Gemeinderat mehrere Vorstösse, weil sich Parlamentarier an Kunstwerken störten. 2013 meldeten John Daniels (FDP) und Daniel Wilhelm (CVP) etwa Sicherheitsbedenken betreffend einige Skulpturen an. Und 2006 sorgte Piero Maspolis titelloses Werk auf dem Stadtplatz für so viel Aufregung, dass die Steinplatte den Übernamen «Stein des Anstosses» bekam. Tian Lutz, der die aktuelle Ausgabe von «Skulpturen in Schlieren» seitens der AZB kuratiert, hält es für wahrscheinlich, dass auch die neuen Werke Fragen aufwerfen: «Das ist eine wichtige Funktion der Kunst. Wenn sich die Leute damit auseinandersetzen, bringt sie etwas in Bewegung», sagt er.

Lutz übernahm die Organisation 2014 von Jürg Altherr. Der bald 71-jährige Künstler gab diese Aufgabe nach zehn Jahren ab, um jüngere Kollegen ans Ruder zu lassen, wie sein Nachfolger sagt. Die aktuelle Ausgabe von «Skulpturen in Schlieren» steht laut Lutz nun im Zeichen einer «grünen Linie»: Sie verläuft entlang mehrerer Grünflächen vom Stadtpark bis zur Engstringerkreuzung.

Die meisten Werke der AZB-Künstler befinden sich auf dieser Linie. «Sie verbinden so das alte Stadtzentrum mit den neuen Quartieren», erklärt er. Damit könnten die Skulpturen auch dabei helfen, diese heterogenen Siedlungsteile zu verbinden.

Die Vernissage der neuen Ausgabe von «Skulpturen in Schlieren» findet am 11. Juni ab 18 Uhr beim Stadthaus statt.