Fast wäre ein kleines Missgeschick passiert, als Estelle sich Mineralwasser ins hohe Stielglas einschenken wollte. Kein Wunder – das kleine Mädchen mit den säuberlich geflochtenen Zöpfen ist erst fünf Jahre alt. Doch hält sie erst einmal ihren Geigenbogen, so entpuppen sich die unbeholfenen Kinderhände von vorhin als höchst präzise Werkzeuge.

Estelle und ihre Freundin, die achtjährige Isabela, sind zwei Jungtalente, die an der Zürcher Zakhar Bron School of Music im Geigenspiel gefördert werden. Dazu haben sie im Alter von vier Jahren den Aufnahmetest bestanden, was ihnen den Eintritt in die Talentschmiede ermöglichte. Ihre Lehrerin, die Uitikerin Romaine Bolinger, war selbst jahrelang Schülerin des russischen Geigenmeisters Zakhar Bron. Nach dem Kunst- und Sportgymnasium Rämibühl absolvierte sie unter Bron an der Zürcher Hochschule der Künste ein Bachelorstudium, gefolgt von zwei Masterstudiengängen, einer davon in Musikpädagogik.

Vom Rohdiamanten zum Profi

Der russische Violineprofessor, der ausser in der Schweiz auch in Köln und Madrid unterrichtet, hat seine eigene Lehre entwickelt, nach der er junge Rohdiamanten zu disziplinierten Geigenvirtuosen formt. «Von den Schülern wird schon sehr früh viel gefordert, sodass sie möglichst schnell eine breite Basis erlernen», erklärt Bolinger den Hauptunterschied zu anderen Musikschulen. Die russische Methode, die für ihren strikten Umgang mit Schülern bekannt ist, mache sich auch bei Brons Lehrvision bemerkbar. Als sie selber noch Geigenschülerin war, habe ihr die Strenge zugesagt, weil sie Disziplin und hohe Anforderungen gesucht habe. Selber könne sie aber nicht die böse Lehrerin sein. Strenge ja, doch müsse die Vorgehensweise auf das jeweilige Kind abgestimmt sein.

So, wie die kleine Estelle ihre Hand in der ihrer Lehrerin vergräbt, ist auch schwer vorstellbar, dass die 26-Jährige während der Geigenstunde die Tyrannin mimt. Vielmehr scheint Bolinger auf die Charaktere der Mädchen zugeschnittene Strategien entwickelt zu haben, mit denen sie ihnen Bestleistungen entlockt. «Wenn ich zu wenig übe, dann sagt Romaine, ich dürfe nicht beim nächsten Konzert auftreten», gibt Isabela als Beispiel an. Dies führe dann dazu, dass sie in der Folgewoche besonders «viel Gas» gebe, damit sie das Stück in der nächsten Stunde fehlerlos spiele.

Die gegenteilige Strategie muss bei Estelle angewendet werden. «Manchmal kriege ich mit Mami Streit, wenn ich zu viele Stunden am Tag Geige übe», sagt die Fünfjährige, für die eigens eine Geige angefertigt wurde, die trotz kleinem Klangkörper optimal klingt.

Gerade jetzt hätte sich ein fehlerhaftes Spiel verheerend für die auftrittsfreudige Isabela ausgewirkt. Am 26. Juni steht ein Meilenstein für sie und Estelle bevor. Zusammen mit anderen Schülern ihres Instituts dürfen sie ihr Repertoire im Kongresshaus vorführen. Ernst und diszipliniert geben die beiden auf der Bühne des Kammermusiksaals probeweise einen Ausschnitt ihres Programms zum Besten. Zuvor waren sie übermütig, haben ausgelost, wer zuerst spielen darf. Auch nach dem konzentrierten Spiel, das beide fehlerfrei durchlaufen, werden sie wieder zu gewöhnlichen Mädchen, die in den Gängen des Kongresshauses Fangen spielen und sich unerlaubt in den Soundcheck des Duos «2Cellos» im Hauptsaal schleichen.

Fünf Stunden Üben pro Tag

Dennoch: Wie ihre Altersgenossen werden die beiden Hochtalentierten nie sein. Bolinger weiss das. Sie selber hat im Alter von vier Jahren mit dem Geigenspiel begonnen. «Es ist wichtig, dass man die Kinder neben der Geigenwelt auch Kinder sein lässt», sagt sie. Die ambitionierte Violinistin übt selbst immer noch bis zu fünf Stunden am Tag, wobei der erste Übungsblock frühmorgens und meist noch im Pyjama absolviert wird. «Für eine Berufsmusikerin übe ich noch sehr viel, weil ich gerne in Form bleibe», so Bolinger. Eines Tages werde sie wohl mit dem Üben zurückstecken, noch aber wolle sie sich durch möglichst viele Übungsstunden musikalisch weiterentwickeln.

In Uitikon fühlt sie sich wohl

Als sie von der Schule des ehemaligen Lehrmeisters Bron vor zwei Jahren eine Stelle angeboten bekam, zögerte Bolinger keine Sekunde. Seither belegt sie eine Halbzeitstelle an der Zakhar Bron School of Music. Ein viel höheres Pensum strebt die Vielbeschäftigte momentan nicht an, denn neben der Lehrtätigkeit möchte sie einen Teil ihrer Zeit für Konzertauftritte reservieren. Etwa denjenigen des Zakhar Bron Chamber Orchestra oder ihres eigenen. Mit zwei Kollegen der Musikhochschule gründete sie das Kammerorchester «Gagliano Trio». Auch vom Tonhalle Orchester wird sie seit ihrem Praktikum vor sechs Jahren immer wieder aufgeboten.

Und in welche Metropole zieht es eine aufstrebende Berufsgeigerin? «Ich möchte nicht von Uitikon weg», antwortet sie. Die Kombination der verschiedenen Engagements sei für sie im Moment der Idealzustand und in ihrem Heimatdorf fühle sie sich nach wie vor sehr wohl.

Isabela und Estelle verstauen ihre Geigen, auf denen sie eben noch die kompliziertesten Tonabfolgen gespielt haben. «Romaine, hilfst du mir beim Einpacken?» Bittet die kleine Estelle. «Ich schaffe es noch nicht alleine.»