Uitikon/Birmensdorf

Eine Flucht ist keine Reise: Hélène Vuille

Viele Besucherinnen und Besucher liessen ihr Buch von Hélène Vuille signieren.

Viele Besucherinnen und Besucher liessen ihr Buch von Hélène Vuille signieren.

Die Birmensdorferin Hélène Vuille regte in Uitikon bei der Taufe ihres Buchs über ein tragisches Flüchtlingsschicksal zum Nachdenken an.

«Es freut mich, dass Hélène Vuille sich an so eine Geschichte gewagt hat», sagte Max Elmiger, Direktor von Caritas Zürich, in seiner Einleitung. Es ist eine von 17600 – so viel Asylbewerberinnen und -bewerber befinden sich aktuell im Kanton Zürich. «Du verleihst einem dieser Menschen ein Gesicht, eine Stimme und eine Seele. Ich danke dir, dass du uns mit dem Buch anstösst», fuhr er im Üdikerhuus fort. Viele Menschen waren am Donnerstagabend nach Uitikon gekommen, um Hélène Vuille beim Vorlesen aus ihrem kürzlich erschienen Buch «Baran – 18 Jahre Regen» zuzuhören.

Von der ersten Flucht und der Hölle in Calais

Barans Leben sei stellvertretend für ganz viele Flüchtlingsschicksale, sagte Vuille auf der Bühne. «Es ist die Geschichte eines Kindes, das nichts dafür kann, wo es geboren wurde und in welchem Umfeld es aufgewachsen ist.» Die Birmensdorfer Anti-­Food-Waste-Pionierin erzählte, wie sie Baran bei der Verteilung von Tagesfrischprodukten kennengelernt hatte.

Sie las vor, wie der Kurde aus Nordirak als 12-Jähriger bei der ersten Flucht mit Vater und älterem Bruder plötzlich auf sich alleine gestellt war. Versteckt und ruhiggestellt mit einer Pille, wachte er plötzlich alleine im Lastwagen auf, weil die Polizisten ihn bei einer Kontrolle übersehen hatten. Einige Jahre später erlebte er unmenschliche Zustände in der Hölle von Calais, stets begleitet von der Hoffnung, England und damit ein besseres Leben zu erreichen.

An der Achse eines 40-Tonners klammernd erreichte er schliesslich England. Während vieler Stunden hing er am Lastwagen. «Du fällst runter und wirst überfahren», dachte er die ganze Zeit. «Er hätte Calais so gerne aus seinem Kopf verdrängt, aber es gelang ihm nicht», sagte Vuille. «Noch heute liebe ich den Nebel, weil er alles Erkennbare umhüllt», habe Baran ihr mal gesagt. Eine Flucht sei keine Reise, sondern ein Horror-Trip mit sich selbst. Während sie vorlas, war im Saal kein Mucks zu hören. So gebannt hingen die vielen Besucher an den Lippen der Autorin.

Auch Pina De Marco wurde auf der Bühne kurz geehrt. An einem verregneten Apriltag in Lissabon fotografierte sie aus der Strassenbahn die vorbeiziehende Stadt – das perfekte Sujet für das Buchcover. «Mir kommt es vor, als hättest du das Foto nur für dieses Buch gemacht», sagte die Birmensdorferin.

Viele lobende Anrufe und Zuschriften

Beim anschliessenden Apéro war Vuilles rechtes Handgelenk gefordert; so viele Leute wollten ihr Buch von der Autorin signieren lassen. Dazu gab es viele Umarmungen und herzliche Gespräche. Es sei ein ganz besonderer Abend mit schöner Stimmung gewesen, erzählt Vuille einen Tag später. Sie habe bereits viele lobende Anrufe und Zuschriften erhalten. «Ich bin überrascht, wie viele bereits mitten im Buch sind», sagt sie.

«Solche Schicksale sind sehr berührend und zeigen, dass wir alle gefordert sind», sagte die Aescher Gemeinderätin Janine Vannaz (CVP). Es sei toll, dass so viele Besucher gekommen seien. Auch die Birmensdorfer Bibliothekarinnen Maya Del Bon und Katja Brogle, die das Buch schon gelesen hatten, zeigten sich ergriffen. Die Geschichte führe eindrücklich vor Augen, wie gut wir es hier haben, sagte Brogle. Deshalb hätten sie Vuille gleich für eine Lesung in Birmensdorf angefragt, die nun im Januar stattfinden wird.

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