Dietikon
Eine Entscheidung fürs Leben, aber viele Wege führen zum Berufsglück

An der Infoveranstaltung «Gymi und Lehre - beide Wege führen zum Erfolg» des Berufsbildungsforum Bezirk Dietikon (BBF) und des BIZ Urdorf im Pfarreizentrum St. Agatha in Dietikon beantworteten Fachleute Fragen zu den Berufswegen.

David Hunziker
Drucken
Teilen
Gymi oder Berufslehre?

Gymi oder Berufslehre?

AZ

Im Alter von etwa 15 Jahren fällen Jugendliche eine Entscheidung fürs Leben: Gymnasium oder Lehre? Der Schritt wird auch heute noch als wegweisend angesehen. Dass diese Entscheidung aber nicht in jedem Fall derart wichtig sein muss, zeigte der Bildungsexperte Emil Wettstein in einem Referat im Rahmen der Infoveranstaltung «Gymi und Lehre - beide Wege führen zum Erfolg», zu der am Mittwochabend das Berufsbildungsforum Bezirk Dietikon (BBF) und das BIZ Urdorf ins Pfarreizentrum St. Agatha in Dietikon geladen hatten.

Von der Lehre zum Studium

Über Jahre wurde das Schweizer Bildungswesen immer durchlässiger und eröffnete immer wieder neue Wege in und durch die Berufswelt. Was Wettstein theoretisch ausführte, zeigte schon ein Blick auf die vielfältigen Biografien der Fachleute auf dem Podium: Da war etwa Christine Viljehr, Leiterin des BIZ Urdorf, die ihre Lehre als Zahnarztgehilfin abbrach, um über eine KV-Lehre zum Studium der angewandten Psychologie zu gelangen. Oder Werner de Luca, Rektor der Kantonsschule Limmattal, der erst Maschinenzeichner lernte und dann auf dem zweiten Bildungsweg ein Studium in Romanistik und Germanistik anschloss.

Weiter diskutierten auf dem Podium René Wyttenbach, Rektor des Berufsbildungszentrums Dietikon, Manfred Bolliger, Leiter des Personalwesens der Pestalozzi AG und Roger Dätwyler, Bauzeichner und derzeit Absolvent einer Fachhochschule. In der an- schliessenden Fragerunde, geleitet vom Publizisten Bernhard Schneider und der Präsidentin des BBF, Esther Wyss-Tödtli, bot sich Raum für Fragen und Anregungen aus dem Publikum.

Einfluss nehmen oder nicht?

«Verlangt die Berufswelt heute nicht viel mehr Flexibilität und Anpassung von unseren Jungen», fragte etwa ein Mann aus dem Plenum, der sich auf den zweiten Blick als der Dietiker Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart entpuppte. «Nur wenn die Jugendlichen das machen, was ihnen Freude bereitet», entgegnete Bildungsexperte Wettstein, «dann werden sie auch Erfolg haben.» Und Berufsberaterin Viljehr ergänzte: «Man sollte sich als Eltern immer bewusst sein, dass man nicht für sein Kind bestimmen kann.» Rektor de Luca stimmte ihr in diesem Punkt zu.

Doch ein wenig Einfluss zu nehmen, sei nicht generell schlecht, meinte Wettstein: «Meine Tochter ist heute froh, dass wir ihr damals die Berufsmaturität ans Herz gelegt haben.» Ähnliches konnte Bauzeichner Dätwyler berichten. Dagegen fand Bolliger von der Pestalozzi AG, es sei aus Sicht des Betriebs wichtig, diese Entscheidung den Lehrlingen zu überlassen. Aus dem Publikum wurde weiter angemerkt, dass besonders kleine Unternehmen aus Zeitgründen oft nicht die Möglichkeit hätten, ihre Lernenden die Berufsmaturität absolvieren zu lassen.

In einem vorgebrachten Fall fiel die Entscheidung zwischen Lehre und Gymnasium für einen Sekundarschüler nicht klar aus. Viljehr empfahl, in solchen Situationen zweigleisig zu fahren, sich also auf die Prüfung fürs Gymnasium vorzubereiten und sich parallel in Betrieben zu bewerben. «Als ungefährer Gradmesser dafür, ob das Gymi infrage kommt», meint de Luca, «können Noten schon dienen. Entscheidend sind neben dem Bestehen der Prüfung aber vor allem Wille und Motivation.» Davon hange ja auch der Erfolg im Berufsleben ab.

Mehr Ungewissheit bei der Lehre

Wer eine Lehre anstrebt, sieht sich dagegen mit viel weniger klaren Bedingungen konfrontiert. Eine Frau aus dem Publikum fragte etwa, ob ihr Sohn, der eine Klasse übersprungen hat, dadurch einen Nachteil habe. «Bei uns beginnen Jugendliche in sehr unterschiedlichem Alter, das ist also kein Problem», antwortete Rektor Wyttenbach. «Das ist ja das Schöne an einer Lehre», ergänzte Wettstein, «Man kann nicht genau wissen, was der Arbeitgeber verlangt. Es kann für ihren Sohn also geradeso gut ein Vorteil sein.»