Bildung
Eine Dietiker Schulklasse debattiert im Nationalrat – wie die Grossen

Junge Dietikerinnen und Dietiker durften einmal den Auftritt auf der politischen Bühne üben. Das war lehrreich, unterhaltsam - und anstrengend

Sophie Rüesch
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VIel Unterstützung erhalten die Dietiker Schülerinnen und Schüler nicht für ihre Initiative «Fair Trade– Menschenrechte für alle».

VIel Unterstützung erhalten die Dietiker Schülerinnen und Schüler nicht für ihre Initiative «Fair Trade– Menschenrechte für alle».

Alex Spichale

Es wird keine einfache Debatte werden. Das wissen die Dietiker Schülerinnen und Schüler schon, als sie ihre Unterkunft in Wankdorf in Richtung Bundeshaus verlassen. Dass ihre Volksinitiative «Fairtrade – Menschenrechte für alle» auf wenig Unterstützung durch die Nationalratskollegen stossen dürfte, hat sich schon in den vergangenen drei Tagen gezeigt: Die Kommissionssitzungen verliefen harzig, keine Partei war wirklich für einen Deal zu haben, obwohl die Dietiker Partei «FiZ – Fair ist Zentral» zu Eingeständnissen bereit war.

Auch im Nationalratssaal geschieht kein Wunder mehr. Die Initiative wird mit 53 zu 26 Stimmen abgelehnt und wird so ohne parlamentarischen Segen dem Stimmvolk vorgelegt – ausser, dass sie natürlich nicht wirklich vors Volk kommt und auch nicht, wie im richtigen Leben, zusätzlich vom Ständerat behandelt wird: Die Schülerinnen und Schüler von Marco Caluori tun nur so, als wären sie eine Partei mit einer Nationalratsfraktion.

Die dritte Sek-B-Klasse vom Dietiker Zentralschulhaus ist eine von fünf Klassen, die für das Projekt «Schulen nach Bern» auserwählt wurde. Es will Schweizer Jugendlichen das politische System näherbringen, indem es sie selbst in die Situation versetzt, für ihre Anliegen Allianzen schmieden zu müssen und die zur Verfügung stehenden politischen Instrumente anzuwenden.

Im Nationalratssaal ist das Durchschnittsalter dramatisch gesunken. Schuld ist das Projekt "Schulen nach Bern" Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
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In Rahmen eines Planspiels, in dem die Schülerinnen und Schüler als Parteien ihre Initiativen durchzuboxen versuchen, sollen sie die Spielregeln der direkten Demokratie kennenlernen Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
Für die Klasse aus dem Dietiker Zentralschulhaus begann alles im Geschichtsunterricht. Als sie merkten, dass in Teilen der Welt auch heute noch sklavenähnliche Zustände herrschen, kamen sie auf das Thema ihrer Initiative: "Fairtrade - Menschenrechte für alle" Schulen nach Bern Vorbereitung
Darauf mussten sie mindestens 100 - echte - Unterschriften zusammenbringen. Hier sieht man sie beim Sammeln in Dietikon. Sie waren erfolgreich: 360 Unterschriften kamen zusammen. Schulen nach Bern Unterschriftensammlung
Dann gings nach Bern: In diesem Bunker fanden seit Montag Fraktions- und Kommissionssitzungen statt. Eine 3. Sek-B-Klasse des Zentralschulhauses Dietikon darf im Rahmen des Projekts Schulen nach Bern Nationalrat spielen
VIel Unterstützung erhalten die Dietiker Schülerinnen und Schüler nicht für ihre Initiative «Fair Trade– Menschenrechte für alle».
Zwischenbesprechung mit Lehrer Marco Caluori: Parteipräsident Lukas Loosli versichert während der Debatte, ob er alles richtig verstanden hat. Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
Leonardo Lebron wurde zum Vizepräsidenten des Nationalrats gewählt und leitete den zweiten Teil der Sitzung. Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
Die Dietiker Klasse versucht, das Ruder mit flammenden Reden noch herumzureissen. Es geht schliesslich um Menschenrechte. Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
«Jemand muss den Anfang machen. Andere Länder werden folgen» - so versuchte Parteichef Lukas Loosli seine Kollegen zu überzeugen. Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
Doch selbst der Einsatz von Requisiten - ein T-Shirt, «heute für 9.90 Franken in Bern gekauft, unter sklavenähnlichen Bedingungen in Bangladesch hergestellt» - nützte nichts Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
Die Voten wurden während der Debatte simultanübersetzt - wie im richtigen Ratsbetrieb. Denn neben drei deutschschweizer Klassen nahmen auch zwei aus der Romandie teil. So sollen die Jugendlichen nicht nur etwas übers Politisieren lernen, sondern auch, wie man in der mehrsprachigen Schweiz gemeinsam arbeitet Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016
Alt Regierungsrätin Regine Aeppli, Präsidentin des Vereins "Schulen nach Bern", dankt den Schülerinnen und Schülern für das engagierte Mitmachen. Wie wichtig politische Bildung sei, habe man soeben in Amerika gesehen, sagte sie in ihrer Rede. Eine 3. Sek-B-Klasse des Zentralschulhauses Dietikon darf im Rahmen des Projekts Schulen nach Bern Nationalrat spielen

Im Nationalratssaal ist das Durchschnittsalter dramatisch gesunken. Schuld ist das Projekt "Schulen nach Bern" Die Schulklasse von Lehrer Marco Caluori der Schule Dietikon, Schuleinheit Zentral, 3. SekB, spielt im Nationaratssaal im Bundeshaus zusammen mit anderen Schweizer Schulklassen eine Nationalratssitzung. Aktion "Schulen nach Bern", 10. November 2016

Menschenrechte ja, aber...

Die Dietiker Schüler tun das an diesem Nachmittag wie die Grossen. Mit feurigen Plädoyers versuchen sie, das Ruder in letzter Minute doch noch herumzureissen. Zwar sind die Voten der anderen Parteien klar: Niemand will die Initiative unterstützten. Sie will in der Verfassung festhalten, dass nur «Rohstoffe und Waren eingeführt oder gehandelt werden dürfen, welche unter Einhaltung der Menschenrechte gewonnen und produziert wurden».

Zudem – und hier liegt der Haken – soll der Bund «dazu nötigenfalls vom Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit abweichen» können. Das geht vielen zu weit. In mehreren Voten werden düstere Zukunftsvisionen gezeichnet, sollte der Rat zustimmen. Gewarnt wird vor Steuererhöhungen, Arbeitslosigkeit, Massenabwanderung von Firmen, einer «dramatischen Wirtschaftskrise». Andere fänden es einfach «störend», dann keine superbilligen Kleider und Smartphones mehr kaufen zu können.

Teile des Rats zeigen für das Grundanliegen durchaus Verständnis, jedoch nicht für die «radikale Haltung» der FiZ. Sie plädieren für eine schrittweise Umsetzung, «um den Unternehmen Zeit zu geben, sich an einen neuen Markt anzupassen». Eine der beiden teilnehmenden Klassen aus der Romandie schlägt deshalb vor, Firmen finanziell zu belohnen, die freiwillig auf die Einhaltung der Menschenrechte achten.

Die dadurch weiter ausufernde «Subventionitis» wiederum wäre dem Bundesrat – gemimt vom Baselbieter alt Regierungsrat Andreas Koellreuter – ein Graus. Er plädiert für einen Gegenentwurf, der dem Bund die Möglichkeit geben würde, Zertifikate zu verlangen. Doch beide Kompromisse sind der FiZ zu vage. Sie lehnen die Gegenentwürfe ab, wenn sie auch dem des Bundesrats einen nur leicht abgeänderten gegenüberstellen: Der Bund soll die Zertifikatpflicht nicht nur vorschreiben können, sondern müssen.

«Andere Länder werden folgen»

Es sieht nicht gut aus für die FiZ. Noch einmal tritt eine Delegation ans Rednerpult, hält ein T-Shirt in die Höhe, «heute für 9.90 Franken in Bern gekauft, unter sklavenähnlichen Bedingungen in Bangladesch hergestellt». Viele Schweizer seien bereit, etwas mehr für solche Güter zu zahlen, sagt Said Bahri. «Wenn man für Menschenrechte ist, muss man auch bereit sein, etwas dafür zu tun.»

Auch Parteichef Lukas Loosli legt sich noch einmal richtig ins Zeug: «Wir können das Elend in der Welt nicht verhindern», sagt er. «Aber wir können verbieten, dass in der Schweiz mit dem Elend der anderen Geschäfte gemacht werden.» Uns gehe es gut genug, um eine Pionierrolle einzunehmen: «Jemand muss den Anfang machen. Andere Länder werden folgen.» Doch alles Appellieren nützt nichts.

Zumindest in Personalfragen ist die Dietiker Klasse allerdings gut in die Woche gestartet: Überraschend wurde Leonardo Lebron zum Vizepräsidenten des Rats gewählt, womit ihm am Donnerstag die Rolle zufiel, den zweiten Sitzungsteil zu leiten. Nervös sei er nicht gewesen: «Ich wurde sehr gut in meine Aufgaben eingeführt und bei Fragen während der Debatte stand mir alt Nationalratspräsident Yves Christen zur Seite.»

Das konnten jedoch nicht alle von sich behaupten. Selbst Said, der in der eigenen Partei wie auch der Kommission durch seine Redegewandtheit auffiel, war vor Lampenfieber nicht gefeit. «Ich musste mir gut zureden, als ich ans Rednerpult ging, um vor allen unsere Initiative zu verteidigen. Es ist dann aber gut gegangen» – mit dem Reden, nicht dem Überzeugen.

Die Klasse tut sich am Abend noch schwer damit, das Nein zu ihrer Initiative zu verdauen. «Die anderen haben den Text gar nicht verstanden», sagt Eliona Hamidi frustriert. «Die Welschen waren zwei Parallelklassen. Logisch, haben sie nur einander unterstützt», regt sich auch Leonardo auf.

Doch Lehrer Caluori holt seine Klasse wieder auf den Boden der Realität. «So ist es manchmal im richtigen Leben», erklärt er ihnen. «Dort könntet ihr aber jetzt noch hoffen, dass mindestens das Volk euer Anliegen versteht.» Von Verlieren kann in seinen Augen ohnehin keine Rede sein. Der Stolz über die Leistung seiner Klasse ist ihm ins Gesicht geschrieben. «Jeder von euch ist ein Sieger», sagt er ihnen: «Gewonnen habt ihr mit dem, was ihr gelernt habt.»

Keine Demokratie ohne Bildung

«Demokratie ist eine anspruchsvolle Regierungsform», erklärte die Zürcher alt Bildungsdirektorin Regine Aeppli, die dem Verein «Schulen nach Bern» seit gut einem Jahr vorsteht, nach der Debatte. «Sie setzt voraus, dass jeder und jede Verantwortung übernimmt. Sie verlangt Wissen über die möglichen Konsequenzen eines Entscheids; Demokratie ist auch eine Frage der Bildung – der politischen Bildung.»

Was passiert, wenn diese nicht gewährleistet ist, habe man soeben in Amerika gesehen. Sie ist deshalb froh, dass «Schulen nach Bern» mit der Unterstützung durch Schulen, Kantone und Stiftungen sowie Beiträgen der Eltern seit 2009 mehrmals pro Jahr durchgeführt werden kann. «Auch wenn es natürlich schön wäre, wenn mit mehr finanziellen Mitteln noch mehr Klassen teilnehmen könnten.»

Die Initiativen der fünf Klassen haben Aeppli beeindruckt: Darin seien «sehr erwachsene» Anliegen enthalten, die nicht wie üblich nur auf die Lebensrealitäten der Jugendlichen eingingen, sondern von echtem Verantwortungsbewusstsein gegenüber anderen zeugten.

Für die Dietiker Klasse war die Woche lehrreich, unterhaltsam – und auch sehr anstrengend. «Es wurde von Tag zu Tag komplizierter», sagt etwa Semanur Sasivari. «Doch wir haben dabei auch viel gelernt.» Auch das Interesse an der Politik hat die Woche geweckt – wenn auch nicht bei allen und nicht für alle Themen. Bei der Frage, ob sie denn nun künftig alle an die Urne gehen würden, jetzt, wo sie wissen, wie sehr man als Partei auf Unterstützung aus dem Volk hoffe, kann ohnehin nur etwa die Hälfte der Klasse antworten: Der Rest hat keinen Schweizer Pass.

Und wer weiss, vielleicht werden die Anliegen der FiZ doch noch auf Gehör stossen – im richtigen Leben, nicht im Spiel. Denn die Konzernverantwortungsinitiative, die fordert, dass Firmen den Schutz von Menschenrechten und Umwelt verbindlich in sämtliche Geschäftsabläufe einbauen, ist gerade letzte Woche zustande gekommen.