Einmal habe er gedacht, die Anlage sei jetzt fertig gebaut, sagt Martin Sieber. Und er lacht, denn er weiss: «Fertig, das wird sie nie.» Es gebe immer etwas, das noch verfeinert werden kann, etwas, das aktualisiert werden muss. «Auf unserem Bauernhaus-Modell müssten wir, um realistisch zu bleiben, langsam Sonnenkollektoren auf dem Dach montieren», meint der 73-Jährige.

Die Bauarbeiten dauern mittlerweile 35 Jahre an. Es war der 12. April 1984, als Sieber gemeinsam mit sechs Kollegen den Verein Eisenbahnamateure Oberengstringen gründete. «Ich habe einen grossen Raum gesucht, in dem wir eine Anlage bauen können, wie sie zu Hause unmöglich wäre», erinnert sich Sieber, der den Verein bis auf einen Unterbruch von drei Jahren stets präsidierte. Das Dachgeschoss im Schulhaus Rebberg mit seinen 200 Quadratmetern Grundfläche war da ideal: Rund die Hälfte davon ist schon längst mit der H0-Anlage überstellt. Eine Runde, die ein Zug vom Startbahnhof aus zurücklegen kann, misst 196,02 Meter und führt über drei Brücken und durch acht Tunnels. «Dank der Grösse unserer Anlage sind die Züge lange zu sehen», sagt Sieber, der deshalb auch von einer «Paradestrecke» spricht.

Über 22 Kilometer Kabel verlegt

Die Bahnstrecke rund um den neungleisigen Bahnhof «Sonnenberg» – mangels echtem eigenen Bahnhof hielt ein Hügelzug ob Oberengstringen als Namensgeber her – ist erstellt. Kabel in der Länge von insgesamt über 22 Kilometer sind unter der Anlage versteckt verlegt worden. Zahlreiche Details sind in der Modelllandschaft und -stadt eingebaut, die der Betrachter oft erst auf den zweiten Blick erkennt. So gibt es am Strassenrand sorgfältig platzierte Hydranten, die an Hanglage gar von einer kleinen Schutzmauer umgeben sind. Am Swimmingpool-Rand, einem Eigenbau, sitzt ein Mann und blickt den Zügen nach. Und an einem wartenden Postauto gehen auf der rechten Seite die Blinker an und aus. Und alles entspricht dem in der Modellbauerwelt am häufigsten verbreiteten H0-Massstab 1:87 – ein echter Meter entspricht in der Sonnenberg-Welt im Rebberg-Dachgeschoss knapp 1,15 Zentimetern. «Das braucht manchmal schon etwas Geduld», sagt Martin Sieber.

Die Eisenbahnamateure Oberengstringen zeigen ihre Modelllandschaft

Die Eisenbahnamateure Oberengstringen zeigen ihre Modelllandschaft

Anlässlich seines Jubiläums zum 35-jährigen Bestehen zeigt der Verein, was er in den vergangenen Jahren wieder alles neu erstellt hat. Bereits haben verschiedene lokale Schulklassen die Anlage bewundert. Heute Donnerstag sind die Oberengstringer Behördenmitglieder geladen, um die detailreiche Anlage zu besichtigen. Und am Samstag und Sonntag finden wiederum Tage der offenen Türe statt, die in der Vergangenheit mehrere hundert Besucher angezogen haben. Zum Jubiläum wird auf der Strecke ein knapp fünf Meter langer Circus-Knie-Zug unterwegs sein. Zudem gibt es gemäss Sieber ein paar Neuheiten zu bestaunen, die noch nicht im Handel erhältlich sind. So steht auf einem Gleis auch eine Sihltalbahn-Komposition; die roten Wagen sind gerade erst im Rohbau fertig geworden, noch können sie nicht fahren.

Martin Sieber hofft, dass die Eisenbahnamateure an ihrem Jubiläumswochenende «die Faszination des Modelleisenbahnbaus» vermitteln können. Rund 80 Mitglieder führt der Verein derzeit in seinen Listen, bei den meisten handelt es sich um Gönner, Sponsoren oder Passivmitglieder. Sieber hofft nun, dass sich am Wochenende allenfalls neue aktive Mitglieder und ein neues Jugendmitglied ab 12 Jahren finden lassen.

Denn an den Vereinsabenden, die jeweils am Dienstag stattfinden, gibt es viel zu tun. Neue Entwicklungen führen dazu, dass auch die Modellwelt aufgefrischt werden muss – wenden die SBB neue Sicherheitssysteme an, werden diese auch im Rebberg-Dachstock nachgebaut. Zudem kommen neue Produkte auf den Markt: Gerade haben die Vereinsmitglieder deshalb entlang der Gleisanlagen neu geschottert. Der alte Schotter enthielt kleine Mengen an Eisen, womit angesichts der stromführenden Schienen die Gefahr eines Kurzschlusses bestand. Und in der Altstadt von Sonnenberg pflästern sie derzeit die Gassen – mit einem neuen, biegsamen Plastikboden, auf dem kleine Pflastersteine hervorscheinen.

Zudem ist ein Teil der Modellwelt noch im Entstehen begriffen. An einem Ende der H0-Anlage verläuft das Gleis, das hier in einer grossen 180-Grad-Kurve wendet, auf einem einfachen braunen Holzgestell. «Hier stellen wir uns einen grossen Kalksteinbruch vor», erklärt Martin Sieber. «Einen See wird es auch geben, und ein Flüsschen, in dem Kinder einen kleinen Staudamm bauen.» Zudem wird an dieser Stelle auch eine Schmalspuranlage erstellt. Auf einer Grundfläche von weiteren 60 Quadratmetern soll sie mit einer Gleislänge von ungefähr 170 Metern auf drei Höhenlagen führen.

Die Eisenbahnamateure Oberengstringen wollen schliesslich ihre Anlage auch stets weiter verbessern und ständig verfeinern. An Ideen mangelt es ihnen dabei nicht. So wird die Stadt Sonnenberg nun weiter elektrifiziert, sodass hinter zusätzlichen Fenstern Lampen brennen. In der Landschaft braucht es weitere Bäume, das grosse Lokdepot mit der Drehscheibe soll definitiv angeschlossen werden und der Rebberg, der bislang erst terrassiert ist, muss weiter Gestalt annehmen. Und auch im ganz Kleinen haben die Vereinsmitglieder noch Grosses vor: An einer Stelle steht in Gleisnähe beispielsweise ein unscheinbarer Mann. «Das ist ein Fotograf», erklärt Sieber. Die rund zwei Zentimeter grosse Figur soll sich dereinst um die eigene Achse drehen, damit er den vorbeifahrenden Zügen folgen und dabei blitzend Fotos schiessen kann.

Fertig, will Martin Sieber damit sagen, wird die Anlage nie. Und das hat auch sein Gutes: «Uns macht das Basteln Spass.» Dieses Pröbeln, bis eine Lösung, ein neues Modell im Massstab 1:87 gefunden sei, das sei die Herausforderung, meint Sieber. Im ganzen Jahr werde sechs-, vielleicht siebenmal mit der Bahn gefahren. «An all unseren anderen Vereinsabenden am Dienstag bauen wir am Modell.»