Portrait
Ein weltoffener Ex-Katholik wird reformierter Pfarrer in Dietikon

Daniel Wiederkehr wurde fast einstimmig zum Pfarrer der reformierten Kirche gewählt – trotz seiner katholischen Vergangenheit. Eines ist jetzt schon klar: Mit Wiederkehr wird ein weltoffener Pfarrer im Dietiker Kirchgemeindehaus einziehen.

Sophie Rüesch
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Daniel Wiederkehr hat sich seinen Übertritt zur reformierten Kirche reiflich überlegt. Und bereut nichts.

Daniel Wiederkehr hat sich seinen Übertritt zur reformierten Kirche reiflich überlegt. Und bereut nichts.

Daniel Wiederkehr war ein halbes Jahrhundert lang Katholik. Am Dienstag wurde er mit einer überwältigenden Mehrheit zum neuen Pfarrer der reformierten Kirche Dietikon gewählt. Antreten wird er die Stelle zwar erst nach einer Urnenabstimmung im nächsten Jahr. «Die Abstimmung ist nur noch eine Formsache», sagt Wiederkehr. «Wenn ich bis dann keinen Skandal verursache», fügt der 52-Jährige lachend hinzu.

Dass das ein unwahrscheinliches Szenario ist, wird nicht nur im Gespräch mit ihm klar. Wiederkehr wirkt besonnen, interessiert, er hat einen wachen Blick und überlegt sich seine Worte sorgfältig. Auch dass die künftigen Schäfchen dem Neuling solch ein Vertrauen entgegenbringen – nur ein Wahlzettel wurde leer ausgelegt –, spricht für sich.

Eines ist jetzt schon klar: Mit Wiederkehr wird ein weltoffener Pfarrer im Dietiker Kirchgemeindehaus einziehen; einer, der sich seine Abwendung vom katholischen Glauben lange überlegt hat, sich zeit seines Lebens intensiv mit theologischer Praxis und Theorie auseinandergesetzt hat – und einer, dem der soziale Auftrag der Kirche besonders am Herzen liegt.

Zölibat kam nie infrage

Zum Lebenslauf des zweifachen Familienvaters gehören neben Jugendseelsorge und Pfarreiarbeit auch die Geschäftsleitung der Zürcher Caritas und die Leitung der Fachstelle für Diakonie und soziale Arbeit der katholischen Kirche beider Basel. «Das bestgehütete Geheimnis der katholischen Kirche ist ihre Soziallehre», sagt Wiederkehr. Dort sei sie zeitgemäss und realisiere das Prinzip der Nächstenliebe vorbildlich. Dass die rigide Sexualmoral die guten Seiten des katholischen Glaubens überschattet, bedauert er. Beschönigen will er aber nichts. «Wenn man in einem Punkt dermassen konservativ ist, muss man sich nicht wundern, wenn man als konservativ wahrgenommen wird.»

Wiederkehr wurde 1960 in eine «sehr katholische» Familie geboren. Seine Jugend verlebte er zu Zeiten eines «gewaltigen ökumenischen Aufbruchs». So kam er auch früh schon mit dem reformierten Glauben in Kontakt.

Mit 20 Jahren begann er ein Studium der katholischen Theologie. «Für mich war schon früh klar, dass ich eine Familie gründen will», sagt er. Beeinflusst durch die Aufbruchstimmung nach dem zweiten Vatikanischen Konzil dachte er aber noch am Ende seines Studiums 1987, dass die Tage des Zölibats gezählt seien. Er sollte sich täuschen.

Sein Bekenntnis zur Familie für seinen Übertritt verantwortlich zu machen, wäre aber viel zu kurz gegriffen. Ihn hätten die beruflichen Restriktionen, die in der katholischen Kirche auf einen Verheirateten zukommen, nie akut gestört. «Ausser dem Abendmahl und der Beichte konnte ich als Pastoralassistent alles machen, was ein Priester macht.»

Kämpfen oder austreten

Am meisten störte ihn letztlich die katholische Doppelmoral. «Die Prinzipien, die man nach aussen propagiert, werden nach innen nicht verwirklicht», so Wiederkehr. Dass er unter dem Weg, auf dem sich die katholische Kirche zurzeit befindet, leidet, merkt man schnell.

Auf die augenfälligsten Baustellen angesprochen – Frauenordination, Zölibat, Wiederverheiratung, Homosexualität, Verhütung –, sagt er nach einer kurzen Pause: «Die katholische Kirche ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Das ist sehr schade.»

Als seine Desillusion nicht mehr auszublenden war, sah er sich vor die Wahl gestellt: Gegen die Obrigkeit zu kämpfen oder auszutreten. «Ich bewundere meine Kolleginnen und Kollegen, die sich engagieren, die Errungenschaften der Moderne in der Kirche zu verwirklichen und gegen das rigide Autoritätssystem anzukämpfen», so Wiederkehr. Doch er selbst wurde des Kämpfens zu müde.

So entschloss er 2011, die Seiten zu wechseln – obwohl er selbst es nie so nennen würde. «Der Schritt war für mich gar nicht so ein grosser», sagt er. Er habe sich der reformierten Kirche immer schon nahe gefühlt. Und er ist überzeugt, dass die Kirche nah beim Menschen sein muss. Deshalb gefalle ihm die «transparente Art, wie seelsorgerische Fragestellungen hier mit der gesamten Gemeinde besprochen werden». Die reformierte Kirche sei zeitgemässer und lasse ihren Mitgliedern mehr persönliche Freiheiten. «Das würde ich nicht mehr missen wollen», sagt er.

Um im neuen Glauben sattelfest zu werden, belegte Wiederkehr ein zweisemestriges Studium in reformierter Theologie, das er nächste Woche abschliessen wird. Darauf folgt ein jähriges Mentorat, das der Kirchenrat speziell für Neue aus anderen Kirchen anbietet. «Die Kirchgemeinde hat das Recht, mit mir einen reformierten Pfarrer zu bekommen. Deshalb gebe ich mir auch grosse Mühe, mich in den Traditionen kundig zu machen.»

Mittlerweile fühlt sich Wiederkehr in der reformierten Kirche zu Hause – auch weil ihn die Dietiker Kirchgemeinde, in der er seit letztem Dezember als Stellvertreter des emeritierten Pfarrers Markus Bayer arbeitet, so herzlich empfangen hatte. Noch lebt er mit seiner Familie – die übrigens beim katholischen Glauben blieb – in Bachenbülach, doch der Umzug nach Dietikon steht bevor. «Durch die Tätigkeit im Pfarramt waren auch die Beziehungen zu den Mitgliedern schnell geknüpft», so Wiederkehr.

Dialog und Integration

Als Pfarrer will er auf Dialog setzen, zwischen den Religionen wie auch mit anderen Institutionen. Denn eine gute Kooperation und Vernetzung mit öffentlichen und privaten Akteuren sei unabdinglich für eine starke Sozialarbeit.

In dieser sieht er auch das grösste Potenzial, schwindenden Mitgliederzahlen entgegenzuwirken. «Beim gemeinsamen Angehen von sozialen Fragenstellungen kann die Kirche wieder gesellschaftliche Relevanz gewinnen», ist er überzeugt. Auch das Thema Migration wird ihn beschäftigen: «In einer Gemeinde wie Dietikon, die einen Ausländeranteil von 41 Prozent hat, ist für mich klar, dass die Kirche auch einen Beitrag zur Integration leisten muss.»