Es ist ein sonniger, aber kalter Dienstagmorgen an der Fraumünsterstrasse in Zürich. Dort steht zum allerletzten Mal der Stand der Urdorfer Bauernfamilie Stierli. Es herrscht reger Betrieb. Eine Kundin kauft zwei Flaschen frisch gepressten Süssmost. Ein älterer Mann wünscht sich aus der grossen Auswahl ein Kilo «Olivier de Serres»-Birnen. Ein weiterer Stammkunde besorgt zwei Schachteln Eier, zwei Säcklein Dörrfrüchte und drei Kilo Kartoffeln.

Genau 107 Jahre lang hat die Familie Stierli ihre vorwiegend eigenen Produkte vom Möhrenhof zum Markt nach Zürich gekarrt. Anfangs lief man mit dem Leiterwagen von Urdorf nach Uitikon hinauf, wo die Frauen bei einem Pferdefuhrwerk aufsitzen konnten.

Damals war der Markt noch an der Bahnhofstrasse. Später brachten die Kinder die Ware jeweils am Vorabend auf den Bahnhof Urdorf. Und am Morgen verluden sie die Körbe auf einen Bahnwagen. Im Zürcher Hauptbahnhof übernahm dann ein Gepäckmann den Transport bis zum Markt.

Nun ist definitiv Schluss. Sohn Urs Stierli (53) hat zwei Töchter, die beruflich andere Wege eingeschlagen haben. So hat er sich zu Beginn des Jahres entschlossen, sich mit seiner Frau Brigitte ganz auf den Hof und die Holzerei zu konzentrieren. Denn: Um zum Markt zu fahren, fehlt künftig die Kapazität, weil die Eltern Gottfried und Bethli Stierli fortan etwas kürzertreten möchten.

«Es ist an der Zeit, jetzt aufzuhören», sagt der 86-jährige Gottfried. Seine Frau Bethli sei mit 76 auch nicht mehr die Jüngste. Sie wird aber weiterhin den Garten pflegen. «Wir freuen uns jetzt auf die Zeit mit viel mehr Musse», ergänzt Bethli Stierli und bedient dazwischen eine Kundin, die zwei Gläser hausgemachte Konfi und Äpfel einkauft. «Wir werden Sie vermissen», sagt eine weitere Stammkundin, die mit leicht feuchten Augen vom Stand der Stierlis endgültig Abschied nimmt.